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Vorwärts. Und schnell vergessen.

Die österreichische Fotografie nach 1945 hat mit der NS-Zeit mehr zu tun, als vielen lieb ist. Was wurde aus den nationalsozialistischen Mitläufern und Sympathisanten unter den Fotografen? Eine Recherche.

Eine Frau mit fragendem, verzweifeltem Blick hält die Fotografie eines jungen Soldaten in Wehrmachtsuniform in die Höhe. Vielleicht handelt es sich um ihren Sohn. Ein Mann im Vordergrund lächelt und geht an ihr vorbei. Er ist ein Kriegsheimkehrer, der soeben am Wiener Ostbahnhof aus dem Zug gestiegen ist. Die Aufnahme stammt von dem Wiener Fotografen Ernst Haas. Sie ist Teil einer Fotoreportage, die im August 1949 in der deutschen Illustrierten „Heute“ und wenig später auszugsweise im amerikanischen Magazin „Life“ erschien. Dieser Bildbericht sollte das Leben des Fotografen vollkommen verändern. Haas wurde international bekannt, Ende der 1940er-Jahre zog er nach Paris, dann nach New York. Er wurde Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum, später sogar ihr Präsident. 1962 richtete ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine Einzelausstellung aus.

Die Heimkehrerszene von Ernst Haas ist eine der bekanntesten österreichischen Fotografien. Ja, die Szene ist geradezu zur Ikone der österreichischen Nachkriegsfotografie geworden. Warum wohl? Das Foto fügte sich zunächst subtil in das ideologische Programm des Kalten Kriegs: Unsere Soldaten, so lautete die Deutung, kehren aus der Internierung beim bösen Feind, der Sowjetunion, heim. Die Szene brachte aber auch – bei entsprechender Lesart – das Selbstbild Österreichs nach dem Krieg auf den Punkt: Mutter erwartet Sohn – eine zeitlose, emotional aufgeladene Allegorie familiärer Menschlichkeit tritt an die Stelle konkreter Fragen. Wofür dieser Soldat in der Uniform der deutschen Wehrmacht eigentlich in der Sowjetunion gekämpft hat, wollte niemand so genau wissen.


Der Fall Lothar Rübelt

Österreich stilisierte sich nach 1945 als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus – auch in der Fotografie. Keiner der Fotografen wollte nach dem Krieg etwas mit dem Regime, das soeben gestürzt war, zu tun gehabt haben. Man tat so, als beginne man bei der „Stunde null“. Der bekannte Pressefotograf Lothar Rübelt etwa, ein überzeugter NS-Anhänger, spielte nach 1945 seine Rolle als Unterstützer des nationalsozialistischen Regimes herunter. Wenige Jahre zuvor hatte er noch Hitlers Auftritte in Österreich fotografiert und in pathetischen Worten begrüßt. Er hatte Bilder in der NS-Propagandaillustrierten „Signal“ veröffentlicht und in NS-freundlichen Reportagen das Regime unterstützt. Diese publizistischen Arbeiten gerieten nun in Vergessenheit oder wurden aktiv unterschlagen. In Heinrich Stöcklers Band „Die Leica in Natur und Wissenschaft“ etwa, der 1941 erstmals erschien und 1948 in einer Neuauflage herauskam, wurde Rübelts bekannte Fotoreportage „Der Führer spricht in Graz, 3. 4. 1938“ als Frontispiz des Kapitels „Bildberichterstattung mit der Leica“ ersatzlos gestrichen.

Nach 1945 diente sich der Fotograf problemlos den neuen Verhältnissen an. Rübelt begleitete den österreichischen Kanzler Julius Raab auf seinen Staatsbesuchen in die USA, nach Rom und Moskau. Daneben lieferte er Bilder und Reportagen, etwa über die Salzburger Festspiele, an die deutsche Illustrierte „Heute“ und veröffentlichte unter anderem in der „Wiener Illustrierten“ sowie in den deutschen Magazinen „Quick“ und „Stern“.

Warum konnten Lothar Rübelt und viele andere Fotografen, die das NS-Regime unterstützt hatten, ihre Karriere 1945 so bruchlos fortsetzen? Die Gründe sind vielfältig: Die Entnazifizierung wurde nur halbherzig umgesetzt. Die geplante Registrierung der 700.000 österreichischen NSDAP-Angehörigen wurde nur zu einem Bruchteil abgeschlossen. Die geplanten Sanktionen gegenüber NS-Sympathisanten wurden nach und nach gelockert, ab 1948 wurden erste Amnestien gewährt. Im Kampf um Wählerstimmen bei der Nationalratswahl 1949 wurden erstmals auch die ehemaligen Nationalsozialisten heftig umworben und nach und nach in die Parteien integriert. Der 1947/48 einsetzende Kalte Krieg trug ebenfalls dazu bei, den Antinationalsozialismus durch den Antikommunismus zu ersetzen.

Die Kontinuität fotografischer Karrieren vor und nach 1945 hat aber auch mit persönlichen Netzwerken und Seilschaften, insbesondere im Pressebereich, zu tun. Zwei Beispiele: Egon Kott, ein Nazi der frühen Stunde,wurde 1938 „Hauptschriftleiter“ der größten österreichischen Illustrierten, „Das interessante Blatt“. Nach 1945 war er in leitender Stellung in der „Wiener Illustrierten“ tätig. Der österreichische Fotograf und Journalist Harald Lechenperg, der vor 1945 hohe Positionen in der deutschen NS-Presse innegehabt hatte – unter anderem leitete er von Berlin aus die Propagandaillustrierte „Signal“ –, setzte seine journalistische Karriere nach 1945 problemlos fort. Ab 1948 war er Chefredakteur der deutschen Illustrierten „Quick“. Rübelt kannte Lechenperg und Kott aus „alten Zeiten“ sehr gut. Und so ist es kein Wunder, wenn Rübelt nach 1945 sowohl mit der „Wiener Illustrierten“ als auch mit „Quick“ problemlos ins Geschäft kam.

Gewiss, seit Mitte der 1980er-Jahre mehren sich die Anstrengungen, den tiefen Einschnitt des Nationalsozialismus in die österreichische Fotokultur anzuerkennen und biografische Spuren der vertriebenen jüdischen Lichtbildner zu sichern. Aber mit den Mitläufern und Profiteuren des Regimes beschäftigte man sich kaum. Der Mythos der „Stunde null“ in der österreichischen Fotografie wird heute immer wieder aktiviert. Als etwa 2011 im Wiener Künstlerhaus unter dem Titel „Zeit-zeugen. Fotografie in Österreich seit 1945“ eine groß angelegte Ausstellung über die Fotografie in Österreich nach 1945 stattfand, bildeten der Fotograf Lothar Rübelt und eines seiner Sportfotos aus dem Jahr 1930 die Brücke zur Vorkriegszeit. In der dem Bild beigestellten biografischen Notiz wurde dessen Rolle im Nationalsozialismus mit keiner Zeile erwähnt. Die Vorgeschichte der Nachkriegsfotografie in der NS-Zeit wurde unterschlagen. Dieser arglos-naive Zugang ist wohl kein Missgeschick, sondern viel eher Ausdruck jener Geisteshaltung, die die österreichische Fotokultur nach 1945 wesentlich geprägt hat. Ihr Motto lautete: „Nur nicht zurückblicken!“

Ein zweites Beispiel: Im Frühjahr 2013 zeigte das Wiener „21er Haus“, das zur Österreichischen Galerie Belvedere gehört, die Ausstellung „Fotos – Österreichische Fotografien von den 1930ern bis heute“. Jeglicher Bezug zur NS-Zeit (wie überhaupt zur Geschichte) wurde in der Präsentation ausgespart, als ob auf die 1930er-Jahre ganz natürlich die 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre gefolgt wären.

Auch wenn manche es nicht gern wahrhaben wollen: Die österreichische Fotografie nach 1945 hat mit der NS-Zeit zu tun – mehr als vielen lieb ist. Die Frage ist also angebracht: Was wurde aus den nationalsozialistischen Mitläufern und Sympathisanten unter den Fotografen nach 1945? Ein einziger Fotograf hat sich meines Wissens kritisch und selbstkritisch mit seiner Verstrickung ins NS-Regime auseinandergesetzt: der spätere Autor Heimrad Bäcker. Er war ab 1938 Mitglied der Hitlerjugend und trat später der NSDAP bei. Ab 1943 arbeitete er in der Presse- und Fotostelle der Linzer Gebietsführung der Hitlerjugend. Eine Karriere, die er nach 1945 zutiefst bereute und die eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Gang setzte.

Alle anderen Fotografen, die mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatten, blickten einfach nicht mehr zurück. Die meisten konnten nach 1945 ihren beruflichen Weg mehr oder weniger bruchlos fortsetzen. Lucca Chmel war eine der wenigen ehemals nationalsozialistischen Fotografinnen und Fotografen, die zu einer (überaus milden) „Wiedergutmachung“ ihrer NS-Vergangenheit verpflichtet wurden. Sie musste nach dem Krieg den zerstörten Wiener Stephansdom fotografieren, wurde aber in ihrer Arbeit nicht weiter behindert. Aus der Arbeit entstand der 1947 erschienene, erfolgreiche Fotoband „Der Wiener Stephansdom nach dem Brand im April 1945“.

Eines steht fest: Die nationalsozialistische Vergangenheit schadete nach 1945 keinem der österreichischen Fotografen, im Gegenteil. In vielen Fällen hatten die inzwischen „altgedienten“ Lichtbildner einen beruflichen Vorsprung, der ihnen nach dem Krieg zugute kam. Um nur einige Beispiele zu nennen: Kitty Hoffmann war nach der Vertreibung der jüdischen Fotografinnen ab 1938 zur wichtigsten Wiener Modefotografin aufgestiegen. Sie monopolisierte nun das Feld und konnte nach dem Krieg bruchlos an ihre langjährige Berufspraxis anknüpfen. Otto Tomann, ebenfalls ein NS-Anhänger, konnte seine langjährigen Kontakte nutzen und etablierte sich in der Nachkriegszeit als Theater-, Mode- und Architekturfotograf. Otto Croÿ, der während der NS-Zeit zahlreiche Bildbände publiziert hatte, fotografierte nach 1945 den Alltag und die Kriegszerstörungen in Wien und etablierte sich schnell wieder als Bildberichterstatter. Auch dem Architekturfotografen Julius Scherb schadete seine NS-Vergangenheit keineswegs, er fotografierte nach 1945 problemlos weiter. Ernst Fürböck, schon vor 1938 ein bekennender Nazi, war nach 1945 Fotolehrer in Graz und eine wichtige Drehscheibe der steirischen Fotoszene. Stefan Kruckenhauser, seit 1940 Mitglied der NSDAP, wurde zum bekanntesten Skifotografen der Nachkriegszeit.

Besonders deutlich waren die Kontinuitäten im Bereich der Pressefotografie. Neben Lothar Rübelt und Harald Lechenperg gibt es zahlreiche Beispiele für die politische Anpassungsfähigkeit von Fotografen: Bruno Völkels berufliche Karriere führte etwa vom Bildlieferanten des sozialdemokratischen„Kuckuck“ Anfang der 1930er-Jahre über die NS-Bildberichterstattung zur Rolle des weithin anerkannten Bildjournalisten nach 1945.


Politischer Zickzackkurs

Franz Blahas politischer Zickzackkurs begann Anfang der 1930er-Jahre beim sozialdemokratischen Vorwärts-Verlag, nach 1938 arrangierte er sich bestens mit dem Regime und leitete nach 1945 wieder den Aufbau der Bildstelle der Sozialistischen Partei Österreichs. Franz Mayer, seit 1938 NSDAP-Mitglied, war während des Kriegs in einer deutschen Propagandakompanie tätig und konnte nach 1945 nahtlos an seine Vorkriegskarriere anknüpfen.

Aber auch einige jüngere Fotografen, deren Karrieren erst nach 1945 richtig begannen, sammelten ihre ersten beruflichen Erfahrungen während der NS-Zeit. Der Pressefotograf Friedrich Klinsky etwa, der nach 1945 für diverse Fotoagenturen sowie die Tageszeitungen „Bild-Telegraph“, „Kurier“ und „Wochenpresse“ tätig war, hatte vor 1945 in der Gaulichtbildstelle der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) in Wien gearbeitet. Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Nur nicht zurückblicken! Als sich Heimrad Bäcker von dieser Haltung verabschiedete, begann er – noch einmal und ganz anders als in seiner Jugend – in das Wort- und Bildmaterial des Nationalsozialismus einzutauchen. Mit seiner Kamera dokumentierte er die Spuren der NS-Gewalt in seiner Linzer Umgebung. Seit den 1970er-Jahren entstanden zahlreiche Fotoserien in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen. Bäcker, der als junger Mann Hitlerjugend-Veranstaltungen fotografiert hatte, umkreiste in späteren Jahren immer und immer wieder die Orte des Verbrechens. Seine Aufnahmen wurden 2002/2003 in einer großen Ausstellung in der Linzer Landesgalerie gezeigt. Wäre es nicht an der Zeit, jenen Fotografen, die nach 1945 weitermachten, also ob zuvor nichts gewesen wäre, in Form einer Ausstellung einige Fragen zu stellen? ■

Fotografie 1890–1955: Buch

Am 15. Oktober stellt Anton Holzer im Wien Museum am Karlsplatz seinen Band „Fotografie in Österreich. Geschichte, Entwicklungen, Protagonisten. 1890–1955“ vor, der dieser Tage im Metroverlag, Wien, erscheint.

An einen Diavortrag des Autors schließt sich eine Diskussion mit Johannes Faber (Leiter der Wiener Fotogalerie Faber) sowie dem Hausherrn, Wolfgang Kos, an. Beginn 18.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2013)