Am ersten Handelstag explodierte der Kurs der Aktie der britischen Royal Mail. Die Regierung muss sich von der Opposition harte Kritik anhören: „Betrug am Steuerzahler“.
London. Mit einem Kursfeuerwerk, wie es die Börsen seit der Dot-Com-Euphorie zu Beginn des Jahrtausends nicht mehr gesehen hat, legten die Aktien der britischen Royal Mail am Freitag ihr Börsendebüt hin. Vom Ausgabepreis von 330 Pence pro Aktie schoss der Preis vorübergehend um 38 Prozent auf 456 Pence. Der Stockbroker Hargreaves Lansdown berichtete von „beispielloser Nachfrage“, allein in den ersten 30 Sekunden nach Handelsbeginn wurden zehn Millionen Aktien gehandelt.
Das Angebot, Aktien an der 500 Jahre alten britischen Post zu erwerben, war unter Privatanlegern siebenfach, unter institutionellen Anlegern sogar zwanzigfach überzeichnet. Insgesamt gingen Gebote über 23 Mrd. Pfund für den mit 3,3 Mrd. Pfund (rund 3,8 Mrd. Euro) bewerteten Konzern ein. Zwei Drittel der Aktien wurden institutionellen Anlegern zugedacht, ein Drittel privaten.
Viele gingen leer aus
Angesichts der massiven Nachfrage konnte sich die Regierung sogar den Luxus erlauben, Interessenten zu verprellen: Von den Privatanlegern erhielten nur 690.000 Personen, die den Mindestwert von 750 Pence gezeichnet hatten, Aktien. Private, die mehr als 10.000 Pfund in Postaktien investieren wollten, gingen leer aus. Auch von den institutionellen Anlegern erhielten nur 52 Prozent einen Teil der heiß begehrten Titel: „Wir sind in einer Position, wo wir uns Spekulanten, die nur auf kurzfristigen Gewinn aus sind, fernhalten können“, sagte Wirtschaftsminister Vince Cable.
Dennoch geriet er mit der Regierung unter Beschuss, der Vorwurf lautete, das Traditionsunternehmen massiv unterbewertet zu haben. Chuka Umunna, Wirtschaftssprecher der oppositionellen Labour Party, sagte: „Die Royal Mail wird verschleudert und der Steuerzahler um hunderte Millionen Pfund betrogen. Diese Privatisierung ist vollkommen verpatzt worden.“ Cable hatte in den Tagen vor Handelsbeginn immer lautere Kritik am Ausgabepreis abwehren müssen und Spekulationen über ein Kursziel von 450 Pence und mehr als „Schaum“ abgetan.
Zu den Gewinnern der Privatisierung gehörten am ersten Handelstag jedenfalls ihre Gegner: Die 150.000 Mitarbeiter der Royal Mail erhielten pro Person ein Aktienpaket für 10.000 Pfund zugeteilt, das sie drei Jahre nicht veräußern dürfen. Nur 368 Mitarbeiter lehnten das Angebot „aus Prinzip“ ab, wie etwa der Briefträger Paul Firmage. Die Gewerkschaft beginnt nächste Woche mit einer Urabstimmung über einen Generalstreik gegen die Privatisierung. Die Arbeitnehmer erwarten sich eine Zustimmung von über 90 Prozent, doch angesichts der zustimmenden Reaktion der Mitarbeiter auf das Aktienangebot erscheint dies wohl fraglich.
Börsenklima entspannt sich
Am Dienstag ist die Mail-Aktie erstmals an der Londoner Börse im freien Handel. Hier wird der Run auf die Royal Mail als Signal dafür gesehen, dass fünf Jahre nach der Lehman-Pleite der Dauerfrost an den Kapitalmärkten ein Ende findet. Der Londoner FTSE-100-Index hat seit Jahresbeginn um acht Prozentpunkte zugelegt, bis Ende 2014 erwarten Experten der Citygroup ein Übertreffen des Höchststands von 8000 Punkten.
Vom guten Umfeld will die Regierung profitieren. Die Mail-Veräußerung gilt auch als Probelauf für die Reprivatisierung der 2008 notverstaatlichten Royal Bank of Scotland. Aktien der ebenfalls vom Staat geretteten Lloyds Banking Group über 3,2 Mrd. Pfund konnten bereits lanciert werden. Ein Analyst sagt der „Presse“ dazu: „Nach fünf Jahren von Niedrigzinsen und lockerer Geldpolitik gibt es einen riesigen Überhang an Liquidität, die ein Zuhause sucht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2013)