Der österreichische Fotograf Heinz S.Tesarek legt einen eindringlichen Fotoband zur Wirtschaftskrise vor: Über die Abgründe am Rand und mitten in der Gesellschaft.
Mit nonchalanter Geste wirft Paris Hilton bei ihrer Ankunft in Ischgl 2006 Autogrammkarten in eine Zuschauermenge, die von einem finster dreinblickenden Bodyguard überwacht wird. Heinz Stephan Tesarek inszeniert das It-Girl in dieser symbolträchtigen Momentaufnahme als reiches Role Model und umschwärmte Kapitalismus-Ikone. Sie schmückt den Einband seines neuen Schwarz-Weiß-Fotobands „Zwischenzeit – Bilder entscheidender Jahre“, der eben im Eigenverlag erschienen ist.
Das Buch ist eine irritierende Dokumentation über die Konsum- und Mediengesellschaft, deren erschütternde Schattenseiten Tesarek schonungslos ans Licht befördert. Er blickt hinter die Fassade – und wer den Papiereinband samt der perfekt gestylten Hotelerbin entfernt, sieht sich unvermittelt mit einem schockierenden Bild konfrontiert: Im Postkartenidyll der griechischen Hafenstadt Patras hat sich ein Flüchtling in einen großen Karton verkrochen, um sich darin wie in einem improvisierten Schlafsack auszuruhen. Noch deutlicher kann man die Hilflosigkeit der Entwurzelten, die in Scharen den Weg nach Europa suchen, nicht machen. Das Bild stammt aus dem Jahr 2009 – durch die Ereignisse vor Lampedusa, die in diesen Tagen das internationale Medieninteresse auf die Tragödie jener lenkte, die auf ihrer Odyssee nach Europa die Heimat verlieren und ihr Leben riskieren, hat es traurige Aktualität erlangt.
Ein Dokument des Zusammenbruchs. In 96Abbildungen gibt Tesarek einen klugen sozialkritischen Kommentar ab. Er beschreibt die Ereignisse rund um die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers vor fünf Jahren, die die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren schlittern ließ – und ihre Folgen. Es sind vielschichtige Fotodokumente, die zwischen 2004 und 2010 in zwölf europäischen Ländern, im asiatischen Teil Russlands und in den USA entstanden sind, die der 1976 in Wien geborene Fotograf zu einer Art Bildgeschichte über den wirtschaftlichen Zusammenbruch und die wachsende soziale und gesellschaftliche Kluft sortiert hat: Ein Obdachloser auf der 7th Avenue, ein Screenshot von den Breaking News zur Lehman-Pleite am Morgen des 15.September 2008 auf CNN, die hingestreckte Hand einer Kundin, die beim Diamantendinner von Bulgari einen Ring probiert...
Tesarek schafft Assoziationsketten, „die Ursache und Wirkung des Niedergangs Europas in einen selbsterklärenden Kontext stellen sollen“, erzählt er der „Presse am Sonntag“. Da geht es einmal von der Fernseh-Misswahl über die Go-go-Girl-Reklame in der bulgarischen Provinz zurück zu einer beklemmenden Szene auf dem Babystrich im Wiener Stuwerviertel. Es sind in Bilder gegossene Gedankengänge, mit denen er „den Geist einer verhängnisvollen Zeit“ dokumentieren will – auch auf die Gefahr hin, dass „viele Standpunkte zu widersprüchlich erscheinen, um doch denselben Blickwinkel erkennen zu lassen“. Ein Meister der verschlüsselten Botschaft, der vom Betrachter Aufmerksamkeit fordert und dafür tiefe Einblicke gewährt. Spannend!
„Nie ohne Kamera unterwegs“. Jedes Bild erzählt ein Drama. Darin hat er Erfahrung. Tesarek hat einst den Zerfall Jugoslawiens dokumentiert, er hat den Terror in Afghanistan und den Islamismus im Kaukasus sowie in Europa beleuchtet. Von 2001 bis 2005 lebte er in Moskau, um sich nach seiner Rückkehr nach Wien u.a. jenen Features über die Society-Gesellschaft zu widmen, die in seinem Buch zu finden sind. Einiges sei „verklausuliert“, sagt er, manches ist erst in der Rückschau zu verstehen, vieles kann man intuitiv begreifen. Und man muss, ja, soll sich Fragen stellen. Wer hat auf dem Fest eines berühmten Wiener Teppichhändlers 2009 Kuchen vom Silbertablett gegessen? Und: Welche Geschäfte werden bei solchen Events gemacht?
Er sei in den Jahren „nie ohne Kamera“ unterwegs gewesen, erzählt Tesarek – dabei aber immer nur ein passiver Beobachter geblieben. „Ich habe auf keines der Bilder Einfluss genommen. Keines ist gestellt. Ich habe einfach alle meine Wahrnehmungen fotografisch dokumentiert.“
Ein Luxus, den sich viele Fotojournalisten gar nicht mehr leisten können, wie er bedauert. „Die Zeit der Fotoreportage ist so gut wie vorbei. Man bekommt heute kaum noch die Möglichkeit, ein paar Tage wohin zu fahren, nach etwas zu suchen, an etwas zu kratzen“, sagt er. Hin und wieder gelingt es trotzdem: 2013 hat Tesarek bereits zum zweiten Mal den österreichischen Pressefotopreis Objektiv gewonnen – für eine in „News“ erschienene Fotoserie über eine junge Griechin, die ihr einziges Kind in ein SOS Kinderheim geben musste, weil sie es wegen der Finanzkrise nicht mehr ernähren kann. Wieder so ein Drama.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2013)