Auf der Halbinsel Jamal wird ein neues Kapitel russischer Gasgeschichte geschrieben. Mit dem Konzern Novatek springt Russland verspätet auf den Markt für Flüssigerdgas auf. Und entzieht Gazprom das Exportmonopol.
In der westsibirischen Tiefebene östlich des Uralgebirges und nördlich des Polarkreises riecht nachgerade alles nach Gas. Selbst in dem in die Jahre gekommenen Hubschrauber des Typs MI-8 erfüllt der Duft der Gegend die mit frei liegenden Kabeln verhängte Passagierkabine. Unten auf der Erde haben sich Mäander als Abdruck Weg suchenden Wassers in die Weite der frostigen Tundra eingezeichnet. Wie Schimmel auf dem Käse kontrastiert Eis auch im Sommer stellenweise mit der kargen Flora.
Wer wie wir auf dem Weg von der Stadt Nowy Urengoi, 2400 Kilometer entfernt von Moskau, nach Sabetta, 600 Kilometer weiter nördlich auf der Halbinsel Jamal, ist, ist der extremen Witterung unentrinnbar ausgesetzt. Am Ende gibt die Natur in Form dichten Nebels den Weg nicht ganz frei und zwingt uns auf halber Strecke zur Landung. So als ob sie die Barrieren nachinszenierte, die der Konzern Novatek auf dem Weg zu seinem Jahrhundertprojekt noch zu überwinden hat.
In der unwirtlichen Gegend von Sabetta, umspült von der arktischen Karasee, müht sich Russlands zweitgrößtes Gasunternehmen mit dem Aufbau des Projektes Jamal LNG. Das umfasst nicht nur die Errichtung eines Hafens, sondern auch den Bau dreier Anlagen, in denen Erdgas durch Abkühlung auf minus 161 Grad verflüssigt (LNG – Liquefied Natural Gas) und so auf ein 600stel seines Volumens komprimiert wird. Und es umfasst die Erschließung der Gaslagerstätte Südtambej. 1,3 Billionen Kubikmeter lagern dort, etwa ein Achtel der erkundeten Reserven, die die ganze Halbinsel Jamal birgt. Allein Südtambej könnte Österreichs Jahresverbrauch 140 Jahre lang decken. Der Betrieb sollte 2017 starten und später bei voller Auslastung jährlich 16,5 Mio. Tonnen produzieren.
An der Börse ist es billiger. Mit Jamal LNG schlägt Russland ein neues Kapitel in seiner Gasgeschichte auf. Bislang nämlich wurde der vorrangig vom Novatek-Konkurrenten Gazprom geförderte Rohstoff fast zur Gänze über Pipelines transportiert bzw. exportiert. Seit jedoch die Finanzkrise die Nachfrage drosselte, und – vor allem – die USA zum Selbstversorger wurden, suchen die globalen Gasströme neue Wege. Und weil das auf der Börse zu Spot-Preisen gehandelte und in Tankern transportierte Flüssiggas deutlich billiger als das über Langfristverträge durch Pipelines importierte Gas aus Russland wurde, kaufen die europäischen Konzerne vermehrt an der Börse zu.
Der Einschnitt für Russland ist gravierend. Wie ein Wettlauf mit der Zeit wirken daher die Aktivitäten, um auf den globalen LNG-Markt, der bereits ein Drittel aller Erdgasverkäufe deckt, aufzuspringen. Auf der pazifischen Insel Sachalin etwa zwang Platzhirsch Gazprom den Konkurrenten Royal Dutch Shell 2006 zur Übergabe der Anteilsmehrheit am dortigen Projekt Sachalin II und produziert seit 2009 Russlands erstes Flüssigerdgas für den Export nach Ostasien und an den größten LNG-Importeur Japan. Die Kapazität von 10,8 Mio. Tonnen entspricht freilich gerade einmal fünf Prozent des Weltmarktes. Mit demonstrativer Eile baut Gazprom nun in der Pazifikstadt Wladiwostok ein LNG-Terminal und plant ein solches auch in Westrussland.
Auch die anderen sind nicht untätig. So wittert Russlands größter und staatlicher Ölkonzern Rosneft die Chance und zieht mit Exxon-Mobil für 15 Mrd. Dollar ein LNG-Terminal in Ostrussland hoch. Den Paradigmenwechsel am stärksten veranschaulicht aber der Privatkonzern Novatek mit Jamal LNG, dem landesweit größten Projekt seiner Art – mit geschätzten 18 bis 23 Mrd. Dollar Investitionsbedarf.
Von der Staatsführung als Hecht im Karpfenteich gefördert, damit der Monopolist Gazprom nicht vor Saturiertheit erstarre, erhält Novatek einen immer größeren Anteil am Gaskuchen, sodass der Konzern im Vorjahr bereits ein Zehntel der landesweiten Gasproduktion bestritt. Novatek, das effizienter arbeitet als Gazprom und seinen Börsenwert seit 2005 mehr als versechsfacht hat, erhielt neben Steuervergünstigungen auch attraktive Lizenzen im Norden Jamals, wo über 30 unberührte Lagerstätten schlummern, die nach und nach die versiegenden Quellen im bisherigen Förderzentrum Westsibirien kompensieren sollen.
Mächtiger Rivale. Der Weg in den Norden freilich ist beschwerlich. Schon auf halber Strecke, dort, wo uns der Hubschrauber aussetzt und wo Novatek Gas aus seiner derzeit zentralen Lagerstätte Jurcharowskoje fördert, zeigt die Natur ihre Widrigkeiten. Nicht zufällig heißt Jamal in der Sprache der indigenen Bevölkerung „Rand der Welt“. Die Gebäude stehen auf Säulen, damit sie den Boden nicht erwärmen und dann im Schlamm versinken. Am Wegesrand wird ein einsames Rebhuhn vom Frost gebeutelt. Auf einem Feld geben zerfallende Särge die Schädel jener Nomaden frei, die von ihren Verwandten auf dem gefrorenen Boden mehr hinterlegt als bestattet wurden. Von Stahlhelmen bedeckt, wuseln Gasarbeiter durch die Landschaft: Immerhin verdienen sie eineinhalbmal so viel Geld wie auf dem Festland. Bei bis zu minus 35 Grad Celsius werden Erkundungsarbeiten im Freien durchgeführt. „Das Material wird erst bei minus 45 Grad brüchig“, sagt der 36-jährige Novatek-Produktionschef Alexej Morin: „Nur wenn Krieg wäre, würde die Produktion eingestellt.“
Es ist nicht allein die Natur, die Novatek zu überwinden hat. Was Novatek zu schaffen macht, ist das Ringen mit dem dominanten Rivalen Gazprom. Bislang hält Gazprom nämlich das Monopol auf den Gasexport. Wollte Novatek bisher sein Gas auf den Weltmarkt bringen, ging das nur über Gazprom. Andernfalls blieb nur der weniger lukrative Binnenmarkt. Das hat Novatek – und mit ihm auch Rosneft – endgültig satt.
Es war der Novatek-Konzern, der für eine Liberalisierung zumindest des LNG-Exports lobbyierte. Vor allem der mythenumwobene Novatek-Großaktionär und Multimilliardär Gennadi Timtschenko, mit Kremlchef Wladimir Putin aus dem Petersburger Judoklub befreundet, warf sein Gewicht in die Schale. Im September nun hat das Energieministerium einen Gesetzesentwurf zur Liberalisierung ausgearbeitet. Wie Energieminister Alexandr Novak erklärte, wird Jamal LNG neben den beiden Staatskonzernen Gazprom und Rosneft die Erlaubnis zum LNG-Export erhalten. Bis Ende des Jahres sollte das Gesetz stehen. Details sind offen. Kremlchef Wladimir Putin hat als Bedingung schon sehr früh klargestellt, dass Gazprom auf seinem Premiummarkt Europa keine zusätzliche Konkurrenz bekommen dürfe.
„Wir wollen Gazprom in Europa natürlich nicht stören“, erklärt Timtschenko im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“: „Real gibt es eine Teilung, was die Märkte betrifft.“ Wie sich das gestalten lässt, wird noch verhandelt. In jedem Fall sind Kaufabkommen die Voraussetzung, um die Finanzierung für das teure Projekt Jamal LNG zu stemmen. Ein Projektpartner ist schon seit Längerem an Bord – und zwar die französische Total. Im Sommer gesellte sich der chinesische Staatskonzern CNPC mit 20 Prozent hinzu, der auch die Abnahme von drei Mio. Tonnen zusicherte. Und gegenwärtig wetteifern Konzerne aus Japan, Indien, Südkorea und China, noch einen Fuß in die Tür zu kriegen.
Wenn der Gesetzgeber den Startschuss gibt, wird in wenigen Jahren Flüssigerdgas über die Nordostpassage und die Beringstraße nach China und Ostasien fließen und dort mit Gas aus aller Herren Ländern konkurrieren. Sieben Monate im Jahr ist der Seeweg eisfrei und daher leicht passierbar. Und ein gutes Dutzend Spezialtanker, die auch Eis brechen, seien konzipiert und bestellt, sagt Novatek-Pressesprecher Michail Lozovoj. Die Zukunft klingt leichter als die Gegenwart, in der der MI-8-Hubschrauber schon auf halbem Weg kapitulieren musste.
Die Reise wurde von der Firma Novatek mitfinanziert.
Novatek
Russlands zweitgrößter Gaskonzern
ist der Aufsteiger der vergangenen Jahre, der dem weltweit größten Gasförderer Gazprom Konkurrenz macht.
Zwar fördert Novatek nur ein Zehntel des Volumens
von Gazprom, liegt aber bei der operativen Marge und im prozentuellen Produktionszuwachs deutlich vorn.
Der Aktienkurs von Novatek hat sich seit 2005 mehr als versechsfacht. Dazu beigetragen hat auch, dass 2009 mit dem Tycoon und Ölhändler Gennadi Timtschenko Wladimir Putins einflussreicher Bekannter aus dem Petersburger Judoklub ins Unternehmen eingestiegen ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2013)