Ein schwäbischer Chefstratege für alle Fälle

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ist in Brüssel wie in Berlin als Polit-Profi unabkömmlich - und auch in Washington bei der IWF-Tagung. Die Politik ist sein Lebenselixier, und Schwarz-Grün sein insgeheimer Traum.

Schwer zu glauben, dass der Mann 71 Jahre alt ist und obendrein seit mehr als 20 Jahren durch eine Querschnittlähmung infolge eines Attentats massiv gehandicapt. Aber es wäre nicht Wolfgang Schäuble, der ebenso zähe wie schlau-hintersinnige Schwabe, würde er sich durch Transatlantik-Flüge aus seinem Rhythmus bringen lassen. Also flog der deutsche Finanzminister am Wochenende aus Washington zurück nach Berlin, von der IWF-Herbsttagung der Finanzminister zur nächsten Sondierungsrunde der Union mit der SPD. Hier wie dort gilt er als Schlüsselspieler.

Jüngere und Gesündere würden längst ächzen, nicht so Schäuble. Politik ist sein Lebenselixier: Seit 40 Jahren sitzt er im Deutschen Bundestag, er bekleidete im Laufe seiner Karriere beinahe alle Schlüsselministerien, war federführend beteiligt an der Wiedervereinigung und als Fraktionschef Drahtzieher im Parlament. Unter Angela Merkel agierte er als Innen- und später als Finanzminister, inzwischen ist er auch bereits als Außenminister im Gespräch – wenn er nicht als Finanzminister unabkömmlich wäre für die Regierungschefin. Die SPD machte jedenfalls keine großen Anstalten, das Amt im Fall einer großen Koalition für sich zu reklamieren.

Höchste Weihen blieben verwehrt

Nur die höchsten Weihen, die Posten des Bundespräsidenten und Bundeskanzlers, blieben ihm verwehrt. Zu lange zögerte Helmut Kohl, seinen Kronprinzen zum Nachfolger zu küren – bis er ihn schließlich nach der Wahlschlappe 1998 im Strudel der Spendenaffäre hinabzog in den Korruptionssumpf. Die damalige Generalsekretärin Angela Merkel nutzte die Gunst der Stunde, sie manövrierte CDU-Chef Schäuble taktisch höchst geschickt aus und verschwieg ihm ihren Bruch mit Übervater Kohl in einem Gastkommentar der FAZ.

Völlig ungetrübt ist das Verhältnis zwischen der Kanzlerin und ihrem wichtigsten Minister nicht, zumal sie 2004 dessen Avancement zum Präsidenten hintertrieb. Um den Wunsch-Koalitionspartner FDP zufriedenzustellen und so die Wende in Berlin vorzubereiten, sperrte sie sich gegen eine Wahl des allseits respektieren Schäuble. Die Oppositionsführerin und ihr liberaler Kompagnon Guido Westerwelle präferierten den dünnhäutigen schwäbischen Landsmann Horst Köhler, der später an der Bürde des Amts scheitern sollte. Dem mit allen Wassern gewaschenen Polit-Veteran Schäuble hätte nicht so schnell die Nerven weggeschmissen.

Unabkömmlich in Berlin und Brüssel

Ohne Wolfgang Schäuble geht nichts im deutschen wie im internationalen Politbetrieb – weder in Washington und Brüssel noch in Berlin. Bei der Herbsttagung der Finanzminister und Notenbankchefs gab der Polit-Profi den Takt vor, er lieh IWF-Chefin Christine Lagarde sein Ohr, philosophierte über Staatsschulden und räsonierte über den Shutdown in den USA.

Zugleich steckte er aus der Ferne den Zeitrahmen für die Bildung einer Koalition in Berlin ab. An sich ist es ein Tabu, im Ausland die Innenpolitik zu kommentieren. Schäuble ist indes über derlei ungeschriebene Gesetze erhaben. Also raunte der Augur: „Ich glaube, dass wir Mitte November eine neue Regierung haben werden.“ Der Finanzminister ist für seine offenen, des Öfteren aber auch für seine sybillinischen Kommentare berüchtigt. Als er im Wahlkampf als erster über ein neuerliches Hilfspaket für Griechenland schwadronierte, brach er ein Tabu – und verärgerte seine Parteifreunde. Nach der Wahl ließ er in einem Interview durchblicken, dass er Steuererhöhungen nicht ausschließe – ein unmissverständliches Signal für eine große Koalition mit der SPD. Dem Pragmatiker wächst im Alter der Ruf eines Weisen zu.

Dabei gilt Schäuble schon seit Langem als Freund einer schwarz-grünen Koalition. Mit seinem Landsmann Wilfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg mit dem bürgerlichen Habitus, versteht er sich ohnehin prächtig. Und die so genannte „Pizza Connection“, die konspirative Gesprächsrunde junger CDU-Abgeordneten mit grünen Parlamentariern in italienischen Restaurants zu Bonner Zeiten, verfolgte er mit wohlwollendem Interesse. Die CDU-Teilnehmer Ronald Pofalla, Peter Altmaier oder Hermann Gröhe sind inzwischen zu fixen Größen in der Union aufgestiegen.

Auch jetzt bricht Schäuble, verklausuliert wie immer, eine Lanze für eine innovative Koalition mit der Öko-Partei, die zum Teil ja auf bürgerlichen Wurzeln gründet. Zumindest hält der gewiefte Stratege die Option offen. Vor seinem Abflug nach Washington in der Vorwoche wohnte er denn auch demonstrativ noch der ersten Sondierungsrunde mit den Grünen in Berlin bei. „Das Herz sagt Schwarz-Grün, der Verstand Schwarz-Rot“, lautet jedoch der Tenor aus der Union. Einerlei, was kommt – für Wolfgang Schäuble findet sich auf jeden Fall eine Hauptrolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2013)

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