Von keinem Buch wird so oft behauptet, man habe es gelesen, wie von George Orwells Roman "1984".
In Österreich hat Julius Deutschbauer 2007 eine „Bibliothek der ungelesenen Bücher“ gegründet. Gemeint sind damit Bücher, die man gern gelesen hätte oder von denen man annimmt, man sollte sie gelesen haben – aber bisher hat man es aus verschiedenen Gründen versäumt: keine Zeit, keine Lust; zu dick, zu schwer, zu kompliziert. Es ist eine so illustre wie amüsante Liste: Die Bibel nimmt einen vorderen Platz ein und „Das Kapital“, Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ und natürlich James Joyce' „Ulysses“. Ja, das Ranking der ungelesenen Bücher ähnelt dem Ranking der ungeliebten Promis: Wer vorkommt, hat es geschafft.
Das gilt auch für jene Liste, die jüngst der „Guardian“ publizierte. Sie basiert auf einer Befragung von 2000 Personen und der Vermutung, dass Menschen nicht immer ehrlich sind, wenn es um ihre Lektüre geht. Von welchen Büchern, wollte man wissen, haben die Befragten behauptet, sie hätten sie gelesen – obwohl das gar nicht stimmt? Auf Platz eins findet sich überraschend ein Buch, von dem zu vermuten gewesen wäre, die Zeit hätte es überholt: „1984“ von George Orwell. Knapp dahinter folgt Tolstois „Krieg und Frieden“ (immerhin circa 1600 Seiten dick, was die Lüge ein wenig dreist macht). Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ (oder für Fans der alten Übersetzung: „Schuld und Sühne“) ist dagegen eine durchaus plausible Wahl, ebenso wie Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Das sind Bücher, die man gern empfiehlt, vielleicht sogar verschenkt, und die dann im Eck verstauben. Auch eine Reihe von üblicherweise in jungen Jahren gern gelesenen Romanen wie Salingers versöhnlichem Coming-of-age-Roman „The Catcher in the Rye“ und Tolkiens „The Lord of the Rings“ hat es unter die ersten zehn geschafft.
Was auffällt? Dass sich die beiden Listen stark unterscheiden. Das hängt nicht nur mit der Sprache zusammen, sondern wohl auch mit dem Sample: Deutschbauer befragte vor allem seine Freunde und Bekannten, später jene Literaturfreunde, die seine Veranstaltungen besuchten. Die Auswahl der „Guardian“-Liste passierte zufällig. Zumindest bei „1984“ und bei „Catcher in the Rye“ dürfte es sich um Schullektüre handeln, und die Leser haben schlicht ihre Lehrer angelogen.
Was ist nun der Grund, warum Bücher nicht zu Ende gelesen werden? Darüber gibt eine andere Umfrage Auskunft: Langeweile ist der häufigste Grund, aber immerhin fünf Prozent gaben an, sie mochten den Helden nicht. Für 0,5Prozent der Leser war der Text zu unmoralisch. Und was ist der Grund, warum man bis zur letzten Seite durchhält? Enttäuschend für die Autoren, hat das weniger mit ihrer Kunst zu tun als mit dem Charakter des Lesers. 36,6Prozent der befragten meinten schlicht: Was ich anfange, bringe ich auch zu Ende.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2013)