Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Jom-Kippur-Krieg: "Verlieren war keine Option"

Israelische Centurions 1973 auf dem Golan
Israelische Centurions 1973 auf dem GolanIDF
  • Drucken

Interview mit einem Kriegshelden: Der Israeli Zvi Greengold war 21, als er im Oktober 1973 als Panzerkommandeur Syriens Panzermassen auf dem Golan trotzte. Er erzielte über 20 Treffer und bekam den höchsten Militärorden.

Vor 40 Jahren, vom 6. bis 26. Oktober 1973, focht Israel im "Jom-Kippur-Krieg" gegen eine mehrfache Überlegenheit syrischer und ägyptischer Streitkräfte, die, von Einheiten anderer Staaten wie Marokko, dem Irak und Libyen unterstützt, Israel überraschend am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur angegriffen hatten. Nach ersten arabischen Erfolgen und unerwartet hohen israelischen Verlusten gelang den Israelis rasch ein frontweiter Gegenschlag, in dessen Zuge sie bis über den Suezkanal stießen sowie über den Golan bis nahe Damaskus vordrangen.

Dort, am Golan, waren die Syrer anfänglich wie eine stählerne Welle über die Israelis hereingebrochen: Nur zwei israelische Panzerbrigaden (zusammen etwa 180 britische "Centurion"-Kampfpanzer, 60 Geschütze, 3000 Mann) sahen sich dem Ansturm von zunächst drei, dann fünf syrischen Infanterie- und Panzerdivisionen ausgesetzt, die über mindestens 1200 Panzer, 800 Geschütze und 50.000 Mann verfügten.

Am südlichen Abschnitt des Golan, im Rahmen der 188. "Barak"-Panzerbrigade, focht auch der 21jährige Panzerkommandant Zvi "Zvika" Greengold. Geboren im Februar 1952 im Kibbuz Lohamey HaGheta'ot nahe Akkon an der Küste Nordisraels, war er am Ende einer von nur acht israelischen Soldaten, die nach dem Krieg mit der höchsten Tapferkeitsmedaille des Landes ausgezeichnet wurden. Grund: Greengold hatte sich mit seinem Centurion als einziger Panzerkommandant den Syrern mehr als 30 Stunden lang entgegengestemmt und schoss mindestens 20, möglicherweise sogar 40 Feindpanzer (meist russische T-62, T-54 und BMP-Schützenpanzer) und andere Fahrzeuge ab.

Zvika Greengold (61) ist heute Bürgermeister von Ofakim im NegevPrivat

Greengold war am Nachmittag des 6. Oktober vom Kibbuz zur Front geeilt und hatte dort einen Centurion übernommen. Diese noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelten Panzer wogen je etwa 52 Tonnen, hatten als Hauptwaffe eine hart zuschlagende 105-Millimeter-Kanone und eine enorm dicke Panzerung (bis zu 152 Millimeter), wenngleich diese 1973 angesichts moderner panzerbrechender Munition und sogenannten Hohlladungen eigentlich nicht mehr gar so viel Schutz bot. In Israel hieß der Centurion "Scho't" (Peitsche), sie zählten noch in den 1970ern zu den stärksten Panzern.

Kavallerie in letzter Sekunde

Greengold wurde in Verein mit einem zweiten Centurion ins Gefecht geschickt. Der zweite ging irgendwann verloren, sodass Greengold fortan quasi als eigene Kampfgruppe operierte, allein oder in spontan wechselnder Verbindung mit anderen Tanks. Als sein Panzer beschädigt wurde, mussten er und seine Crew aussteigen und konnten einen anderen, noch einsatzbereiten Centurion übernehmen.

Zvi Greengold Anfang der 1970er in Uniform.IDF

Das soll sich sogar mehrfach wiederholt haben, bis Greengold nach mehr als 30 Stunden Kampf im schwierigen Gelände völlig erschöpft ausstieg und sich halb ohnmächtig auf den Boden legte, um zu ruhen. Die Barak-Brigade war bis dahin praktisch ausradiert worden, doch sollten frische Verstärkungen das Blatt am Golan rasch gegen die Syrer wenden: Schon ab 10. Oktober stießen die Israelis über die Vorkriegsgrenze nach Syrien hinein gen Damaskus und blieben etwa 40 Kilometer vor der Stadt liegen.

Greengold verließ das Militär 1974 als Hauptmann, wurde Unternehmer, etwa im Rahmen einer Firma für vegetarische Lebensmittel, und ist seit fünf Jahren Bürgermeister der Stadt Ofakim im Negev (Südisrael). Mit der "Presse" sprach er über seine Erlebnisse.


Herr Greengold, in diesen Tagen jährt sich der Jom-Kippur-Krieg zum 40ten Mal. Wie ist das für Sie?

Zvika Greengold: Es wird immer schwerer. Ich sitze in Veranstaltungen und Konferenzen und Interviews. Um ehrlich zu sein: Es steht mir bis zum Hals.

Interviews zu geben oder sich mit dem Thema befassen zu müssen?

Das Thema. Kriege. Ständig laufen im Fernsehen diese Filme mit Panzern und Soldaten. Das kann einem die Laune verderben.

Trotzdem: Wie war das damals mit ihrer "Kampfgruppe Zvika?" (So nannte man Zvi Greengolds leicht chaotischen Panzertrupp damals.)

Der syrische Überraschungsangriff führte dazu, dass die 188. Panzerbrigade, die südlich der 7. Brigade an der Golanfront stationiert war, in den ersten Tagen allein drei syrischen Divisionen gegenüberstand. Ich hatte meine Brigade ein paar Tage vorher verlassen und sollte nach den Feiertagen in eine neue Einheit kommen. Trotzdem bin ich sofort los und meldete mich. Ein Kommandant wies mir ein paar Leute und zwei Panzer zu, die erst gesäubert und repariert werden mussten. Die Gefallenen waren noch in den Panzern. Wir hatten britische Centurions, die noch aus den Beständen des Zweiten Weltkrieges stammten.

Sie waren zwei Panzer, die drei Divisionen gegenüberstanden?

Nicht ganz. So funktioniert das nicht. Da waren noch andere, es kam ja immer wieder Nachschub, aber ich verlor ja auch immer wieder Panzer. Wir waren jedenfalls völlig unvorbereitet auf die syrische Armee. Im Sechstagekrieg 1967 war deren Armee sehr schwach. Die Syrer saßen dort an der Grenze, von dort aus konnten sie ab und zu die Kibbuzim beschießen, mehr aber nicht. Dann kamen die Russen, die (Greengold flucht), die haben den Syrern eine brandneue Armee aufgebaut für umsonst! Die Russen wollten an Einfluss gewinnen. Sie lieferten mobile Artillerie, moderne Panzerabwehrwaffen, eine Marine und eine komplette Luftwaffe mit Luftabwehrgeschützen und -Raketen, die sehr effektiv waren. Und in jeder syrischen Armeebasis waren sowjetische Ausbilder.

Israel wusste von der syrischen Aufrüstung nichts?

Die Haltung war, dass zwei Divisionen reichen würden, um die Syrer am Golan aufzuhalten, aber dazu brauchten wir erst Reservisten, um diese zu füllen. Und deren Mobilmachung dauert bis zu 72 Stunden (also standen am 6. Oktober nur die zwei Brigaden am Golan; zwei Divisionen hätten aber sechs Brigaden entsprochen). Dazu kam, dass unsere Luftwaffe, die unsere wenigen Panzer vor Ort unterstützen sollte, zunächst an der syrischen Luftabwehr scheiterte. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Stimmt es, dass Sie allein 40 syrische Panzer außer Gefecht gesetzt haben?

Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren eine ganze Menge.

Was waren die Hauptschwächen der syrisch-sowjetischen T-54 und T-62? Stimmt es, dass sie leicht gebrannt haben?

Nein. Die sowjetischen Panzer hatten ein anderes Problem: Sie waren für den Einsatz im Flachland konstruiert. Die T-54 und T-62 sind sehr niedrige Panzermodelle. Die Syrer konnten deshalb deren Kanonenrohr um nicht mehr als vielleicht um 9 Grad nach unten abwinkeln. Sie versuchten, sich hinter Hügeln und Erhebungen zu positionieren, um nicht getroffen zu werden. Um uns zu beschießen, mussten ihre Panzer also zuerst relativ weit hinter der Erhebung hochkommen. In dem Moment wurden sie für uns zum Ziel. Wir mit unserem Centurion waren augenscheinlich viel verletzbarer, weil Centurions größere, klobigere Panzer waren. Aber die Kanonenrohre ließen sich viel weiter neigen. Wir konnten also uns hinter Anhöhen positionieren und trotzdem aus deren Schutz heraus schießen. Wir waren also versteckter.

Zerstörte syrische Panzer vor einem Panzergraben auf dem Golan.
Zerstörte syrische Panzer vor einem Panzergraben auf dem Golan.IDF


Wurde Ihr Panzer nie durchschlagen, etwa von einer Hohlladung?

Wir sind in der Nacht getroffen worden. Ich habe mir dabei Splitter und Verbrennungen zugezogen, konnte aber noch weiter kämpfen in einem anderen Panzer.

Glauben Sie, dass der Krieg anders ausgegangen wäre, wenn die Syrer auch Centurions gehabt hätten oder M-60 wie Israel?

Völlig anders.

Dann war es nur ein technischer Aspekt, der den Krieg entschied?

Den Syrern mangelte es außerdem an der Moral. Sie waren keine guten Soldaten, weder aus professioneller Sicht als Panzersoldaten, noch hinsichtlich ihrer Motivation. Das war unser Glück. Wenn wir gegen Russen, Koreaner oder Chinesen gekämpft hätten, wäre die Sache vermutlich anders ausgegangen.

Das ist doch eigentlich ein gutes Zeichen, dass es den Syrern nicht so dringend war, die Juden ins Meer zu treiben? Wie erklären Sie das?

Ich glaube nicht, dass der syrische Soldat bereit ist, im Kampf gegen die Juden zu sterben. Er ist bereit zuzusehen, wie die Juden ins Meer getrieben werden, aber dabei mithelfen muss er nicht unbedingt.

Auf israelischer Seite gab es keinen Motivationsmangel?

Wir wussten, dass der Staat Israel auf dem Spiel stand. Jeder einzelne dort an der Front war ein Held. Jeder stand hinter seinem Felsen und kämpfte, bis er fiel. Verlieren war keine Option.

Was bedeutete es für Sie, mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet zu werden?

Ich glaube, dass es nicht möglich ist, objektiv zu entscheiden, wer ein Held ist und wieviel er Held ist, also welche Auszeichnung ihm objektiv zukommt. Als ich hörte, dass ich Kandidat für den Orden bin, dachte ich: "Wieso das?" Es waren soviele Menschen gestorben und wir saßen noch immer in einem Armeelager auf dem Golan. Es muss Dezember 1973 gewesen sein. Wir waren verängstigt, verunsichert und traurig. Für uns war der Krieg nicht vorbei. Es gibt Leute, für die ist der Krieg bis heute nicht vorbei. Was sollte ich mit einer Auszeichnung anfangen? Aber meine Freunde sagten, dass ich die Auszeichnung stellvertretend für alle bekam und daher annehmen sollte. Für mich hatte der Orden eher symbolische Bedeutung. Solche Geschichten sind wichtig für Armee und Staat: Mythen, denen man nacheifern kann.

Mehr erfahren

Zum Thema

Jom-Kippur-Krieg als Trauma einer Nation