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Für wissbegierige Kids: Ferngesteuerte Kakerlaken

So sieht sie aus, die Kreatur, die man via Smartphone nach links oder rechts dirigieren kann.
Für wissbegierige Kids: Ferngesteuerte Kakerlaken(c) Backyardbrains.com
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Ein Cyborg soll wissbegierige Kinder in den Vereinigten Staaten für Hirnforschung begeistern.

Wer in den USA lebt und seine wissbegierigen Kinder zu Weihnachten mit etwas ganz Besonderem überraschen will, kann ihnen eine Kreatur schenken, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, zumindest nicht außerhalb von Labors: „RoboRoach“, das ist eine Kakerlake, die man mit dem Finger auf dem Touchscreen eines iPhones fernsteuern kann. Das Insekt kommt per Post, für 99 US-Dollar, Arbeitsmaterialien und Bedienungsanleitung liegen bei: Erst wirft man die Kakerlake zum „Anästhesieren“ in Eiswasser, dann trocknet man sie ab und raut mit Sandpapier Kopf und Rücken ein wenig auf, auf dass gut haftet, was man anschließend mit Superkleber dort fixiert, einen kleinen Prozessor, aus dem Elektroden ragen.

Dann kommt die Feinarbeit, die Elektroden werden in die Antennen der Insekten gesteckt. Fertig! Über die Antennen bzw. die Signale vom Smartphone wird der Cyborg ferngesteuert, drückt man links, rennt er nach links – weil dann seine rechte Antenne stimuliert wird und er glaubt, dort auf ein Hindernis gestoßen zu sein –, drückt man rechts, wendet er sich dahin, nach einiger Zeit verliert sich der Effekt, weil das Tier lernt, dass gar kein Hindernis da ist.

Erschaffen wurde die Kreatur von Greg Gage und Tim Marzullo – beide sind Hirnforscher und Ingenieure, sie betreiben gemeinsam die Firma „Backyard Brains“ –, finanziert wurde sie via Internet („Kickstarter“), vorgestellt wurde sie auf einer Konferenz in Detroit: „The RoboRoach is the world's first commercially available cyborg!“

Das stimmt, denn in Labors gibt es ähnliche Wesen seit 1997, damals baute eine japanische Gruppe die erste ferngesteuerte Kakerlake, bald folgten Käfer, 2002 kamen Ratten dazu. Die Begründung war immer die gleiche: Diese Cyborgs sollten sich dort nützlich machen, wo kein Mensch und kein technisches Gerät hinkommt: etwa Erdbebenopfer in eingestürzten Häusern aufspüren, und man darf vermuten, dass auch das Militär Forschungsgeld spendierte.

„Lernen, wie unsere Gehirne arbeiten“

Aber das blieb in Labors, RoboRoach hingegen soll in Kinderhände – ab zehn Jahre –, „nicht als Spielzeug, sondern als Werkzeug, mit dem man lernen kann, wie unsere Gehirne arbeiten“. Deren Neuronen funktionieren ja so wie die der Kakerlaken, man kann sie mit elektrischen Signalen stimulieren, man versucht das bei manchen Hirnkrankheiten. Und Verantwortung sollen die Kinder auch lernen, sie sollen die Kakerlaken pflegen, wenn sie verletzt sind, sie sollen ihnen ein freundliches Altern bieten, wenn das Experiment nach zwei bis sieben Tagen zu Ende ist, weil das Insekt dann nicht mehr reagiert.

Trotzdem erntete die Kreatur auch Kopfschütteln, nicht nur auf der Konferenz, das musste Gage lernen: „Wir bekommen eine Menge E-Mails, in denen steht, dass wir Kinder lehren, Psychopathen zu werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2013)