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Crowdfunding: Die Macht der Masse

Crowdfunding Macht Masse
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Bei Crowdfunding ermöglichen viele Geldgeber gemeinsam die Umsetzung einer Idee. Neue Perspektiven tun sich dadurch im Feld von Kultur- und Kreativschaffen auf.

Als Elias Canetti sein Buch „Masse und Macht“ vorlegte, das war 1960, widmete er sich ausgiebig den Motivationen, die Menschen in großer Zahl zueinander in Beziehung setzen. Unter anderem unterschied Canetti fünf Arten von „tragenden Affekten“ als Zusammenrottungsbeweggründe: Von Hetz- und Fluchtmassen war da die Rede, außerdem von der Verbots-, der Umkehrungs- und der Festmasse. Ohne natürlich Canettis Hauptwerk trivialisieren zu wollen, könnte man für den vorliegenden Zusammenhang noch eine weitere Masse hinzufügen: nämlich diejenige, die gemeinsam Kreativ- und Kulturschaffen unterstützen will. Bei diesem Typus handelt es sich um die Crowdfunding-Masse (stimmigerweise lautet der englische Titel von Canettis Opus magnum „Crowds and Power“).

Pilotprojekt „Miss Liberty“. Crowdfunding in seiner gegenwärtigen Form ist relativ neu und eng verknüpft mit der amerikanischen Szene innovationsbasierter Kleinunternehmen. Das Konzept „Die Masse fungiert als Geldgeber“ existiert freilich schon länger; als erstes Crowdfunding-Projekt der Geschichte wird oft die Spendenaktion für den Aufbau der Freiheitsstatue genannt (initiiert übrigens von dem Journalismus-Pionier Joseph Pulitzer). Heutzutage wenden sich Projektinitiatoren über eigene Web-Portale an ihr Publikum: Dort präsentieren sie eine bestimmte Idee, und zwar so, dass sich eine größtmögliche Anzahl potenzieller Geldgeber dafür begeistern kann. In der Folge werden per Mausklick Beträge gesammelt, die durchaus auch von normal vermögenden Menschen berappt werden können.

Sobald jene Zielsumme, die von den Initiatoren vorab festgesetzt wurde und die zum Umsetzen der jeweiligen Idee notwendig ist, erreicht werden konnte, gilt ein Crowdfunding-Gesuch als erfolgreich. Dann – und nur dann – werden die vorab gesammelten Gelder verfügbar. Unterschreitet man die festgesetzte Grenze auch nur um einen Euro, bleibt der Zugriff auf die von der Crowd zugesagte Unterstützung verwehrt. In den USA kann Crowdfunding auf beachtliche Erfolgsgeschichten in den vergangenen Jahren zurückblicken. Die Akzeptanz geht so weit, dass es von Kommentatoren als einer der Denkanstöße für das von der Obama-Regierung beschlossene „Jumpstart Our Business Start-ups“-Gesetz zur Unterstützung der amerikanischen KMU-Szene genannt wird.

Wichtig ist die Tatsache, dass von den Geldgebern keine Eigentumsanteile an den unterstützten Unternehmen erworben werden (wenn dies der Fall ist, ist von Crowdinvesting zu sprechen). Ein verbreitetes Modell ist das sogenannte Reward Based Crowdfunding, bei dem die Unterstützer genau festgelegte Dankeschön-Geschenke erhalten. Wer sich als Mikro-Mäzen betätigt, geht also nicht leer aus. Und wenn zum Beispiel ein Projekt, das einen berühmten Gegenwartskünstler involviert, über Crowdfunding finanziert wurde, mag das Dankeschön in der Folge aufgrund rascher Marktwertsteigerung sogar auf einen echten Gewinn für den Unterstützer hinauslaufen.
Das Beispiel eines mit Crowdfunding-Mitteln finanzierten Kunstprojektes ist nicht ganz willkürlich gewählt: Gerade im Bereich des Kreativ- und Kulturschaffens ermöglicht dieses Finanzierungsmodell nämlich die Umsetzung von Projekten, die sich bewusst abseits des Mainstreams positionieren. Wem das Geld locker in der Tasche sitzt und wer sich mäzenatisch betätigen will, findet auf Plattformen wie Kickstarter in den USA oder dem deutschen Startnext mit Sicherheit die eine oder andere Idee nach seinem Geschmack.

Die Startnext-Geschäftsführerin Anna Theil unterstreicht den Aspekt des Niederschwelligen: „Dank Crowdfundings ist es nicht mehr nur Menschen mit viel Geld vorbehalten, Projekte im Bereich von Kunst und Kultur zu unterstützen.“ Ein Anreiz dürfte darin bestehen, dass Unterstützer in einer frühen Phase eingreifen und so durchaus noch mitgestalten können. „Das unmittelbare Feedback der Community ist wichtig“, so Theil.

Geld gibt es nicht umsonst. Eine auf Crowdfunding-Plattformen präsentierte Idee zieht freilich nicht von selbst weite Kreise. Wer Geld für die Finanzierung eines Projektes lukrieren möchte, muss eine begleitende Kampagne starten; naheliegend ist etwa die Bewerbung eines Projektes über Social-Media-Kanäle. Der österreichische, in Berlin lebende Regisseur Jakob M. Erwa sucht aktuell über Startnext nach Unterstützern für sein Filmprojekt „Homesick“ und unterstreicht: „Ohne eine Basis-Crowd, an die man sich wendet, lässt sich ein Projekt nicht erfolgreich zum Abschluss bringen.“ Ähnlich sieht das Kai Staenicke, ebenfalls Regisseur und Initiator des Animationsfilms „Own Drum“: „Crowdfunding ist mit Arbeit verbunden. Man muss eine Community aufbauen, Transparenz erzeugen, das Projekt immer wieder in Erinnerung rufen, täglich updaten und die Leute für die eigene Arbeit begeistern.“ Sympathie allein reicht offenbar nicht, um Unterstützer dazu zu bewegen, dass sie sich die Spendierhosen anziehen. 

Im Idealfall ist eine Initiative bereits im Vorhinein bekannt und kann sich an eine existierende Fan­gemeinde wenden. So appellierte das österreichische Horrorfilmfestival Slash erstmals im Jahr 2012 über Startnext an mögliche Unterstützer. Dafür mitverantwortlich war Magdalena Pichler, die meint: „Ohne das Wissen, dass wir eine sehr treue und engagierte Community hinter uns haben, hätten wir es nicht gewagt, Crowdfunding in Angriff zu nehmen.
Man muss ja genug Menschen erreichen können, um überhaupt die Zielsumme zu schaffen.“ Besagte Zielsumme richtig festzusetzen sei eine zusätzliche Herausforderung: „Das ist ein Balanceakt“, so Pichler, die für Slash 2012 und 2013 jeweils über 6000 Euro einsammeln konnte, wobei die Zielsummen mit 2500 und im Folgejahr 4000 Euro festgesetzt waren.

Kritischer beäugt werden Projekte, die von prominenten Kulturschaffenden einer Crowd zur Finanzierung vorgelegt werden: Die Künstlerin Marina Abramović bewarb durch Kickstarter zuletzt erfolgreich den Start ihres Marina Abramović Institute, und der US-Schauspieler und Regisseur Zach Braff bat, ebenfalls auf Kickstarter, um Mittel für seinen zweiten Spielfilm. Kritisch beäugt wurde von manchen auch der Start des Web-TV-Kanals „Störsender“, der durch ein Gesuch auf Startnext ermöglicht worden war und für den sich der bekannte Kabarettist Dieter Hildebrandt einsetzte. „Solche großen Projekte sind in Deutschland oder Österreich wichtig, um Crowdfunding überhaupt einmal bekannt zu machen“, unterstreicht Anna Theil. „Je mehr die Community wächst, desto eher können Ideen umgesetzt werden.“

Auch Jakob M. Erwa hat kein Problem mit den Vorstößen von prominenten Personen: „Zach Braff oder Marina Abramović sind in dem Fall auch einfach Kulturschaffende; ich finde es völlig okay, wenn sie um Crowdfunding ansuchen.“ Kritisch wird es für Erwa aber, wenn Crowdfunding etwa in der Filmwirtschaft zu einer standardisierten Einnahmequelle avancieren soll: „Das ist definitiv kein Ersatz für Filmförderung. Und es ist problematisch, wenn große Verleih-Firmen plötzlich sagen, dass sie nur mehr für die Hälfte des bisher üblichen Betrages aufkommen, und fordern, dass der Rest – quasi als Test beim Publikum – über Crowdfunding gesammelt wird.“

Sozial und medienwirksam. Während bei klassischem Crowdfunding wegen der Zusicherung von Dankeschön-Belohnungen nicht eigentlich von Spenden gesprochen werden kann, haben sich nach einem ähnlichen Prinzip auch reine Charity-Plattformen formiert. Die deutsche Website BetterPlace verschreibt sich zum Beispiel dem Social Crowdfunding, in den vergangenen sechs Jahren will man fünf Millionen Euro für Projekte in aller Welt gesammelt haben. „Wir decken die ganze Bandbreite ab, von großen Organisationen wie Unicef und Care bis hin zu kleinen Graswurzel-Bewegungen“, sagt BetterPlace-Sprecher Moritz Eckert. Ein Vorteil des Social Crowdfunding bestehe für die Partnerorganisationen in der Aktivierung eines neuen Spenderprofils: „Der klassische Spender in Deutschland ist über 60 Jahre alt, das Durchschnittsalter auf BetterPlace beträgt 37 Jahre.“

Interessante Impulse ermöglicht Crowdfunding wiederum im Umfeld von Qualitäts- und investigativem Journalismus. Das Portal Krautreporter, gegründet von Sebastian Esser, stellt die Verbindung zwischen ambitionierten Journalisten und potenziellen Gönnern her. „Die Motivationen der Unterstützer sind schwer zu verallgemeinern“, so Esser.
„Den meisten geht es aber weniger darum, Journalismus an sich zu stärken. Wichtig sind vielmehr die konkreten Themen, die recherchiert werden sollen.“ Selbst wenn es vorab zumeist keine Veröffentlichungsgarantie gibt, liege vielen in erster Linie etwas „am Prozess des Journalismus“. Auch so spezifische Nischenprojekte, wie der Start des Südtiroler Kulturmagazins „39Null“, konnten dank Krautreporter in Angriff genommen werden.

Dass das Prinzip „Die Masse macht’s möglich“ durchaus auch Entertainment-Potenzial hat, lässt sich übrigens, das nur als kleiner Exkurs zum Schluss, daraus ablesen, dass das Ende November auf dem österreichischen Privatsender Puls4 startende Format „2 Minuten, 2 Millionen“ auch ein bisschen Crowd-Finanzierungsappeal vorsieht. In erster Linie sollen hier Großinvestoren ihre Gunst (und ihr Geld) an vorgestellte Start-ups verteilen. Zudem dürfen aber auch die Zuschauer ihre Portemonnaies öffnen und vermittels Crowdinvesting miniatürliche Unternehmensanteile erwerben. Hier treffen sich dann wieder die Interessen aller Beteiligten: Der TV-Sender hat eine möglichst große Crowd schließlich nicht minder nötig als die Start-up-Unternehmer.

Tipp

Crowdfunding-Plattformen. Kultur- und Kreativprojekte werden unter anderem auf Kickstarter.com und Startnext.de vorgestellt. Für Social Crowdfunding ist Betterplace.org eine gute Anlaufstelle. Ambitionierte Projekte im Bereich des investigativen Journalismus versammelt wiederum die Seite Krautreporter.de.

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