McLaren 12C Spider: James Hunt für einen Tag

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Lassen wir das wilde Leben des Racing-Bohemiens beiseite - wir teilen uns nur ganz schüchtern für einen Tag den Rennstall. Der McLaren 12C Spider setzt die epochale Rivalität zweier Formel-1-Teams auf der Straße fort.

Wie wir spätestens seit dem Film „Rush“ wissen, war der englische Formel-1-Pilot James Hunt ein wilder Hund und berühmter Womanizer, dem nach dem Rennen zuerst einmal nach Bier und Zigaretterl war, und der 1976 sein großes Jahr hatte, als er Niki Lauda – um einen Punkt, im letzten Rennen der Saison! – den WM-Titel abnahm, bevor er sich gänzlich aufs Feiern verlegte, ohne noch Rennen zu gewinnen. Hunt, der anders als Lauda keinen Willi Dungl an seiner Seite hatte, starb mit 45 an Herzversagen. Weltmeister wurde er im McLaren, Lauda unterlag im Ferrari.

Auf die Straße getragen

Einen Hauch dieser epochalen und bis heute andauernden Rennstrecken-Rivalität hat McLaren-Galionsfigur Ron Dennis Jahrzehnte später auf die Straße getragen. Seit 2012 baut McLaren Automotive im englischen Woking zivile Supersportwagen, Seite an Seite mit Formel-1-Autos (die in dieser WM-Saison allerdings nicht allzu viel Wind entfachen). Eine Legende bleibt der McLaren F1, von dem in den frühen 1990ern weniger als 80 Stück für die Straße gebaut wurden – eine dreisitzige Pionierleistung in Sachen Leichtbau, die unter anderem von „Mr. Bean“, Rowan Atkinson, und Ex-BMW-Vorstand Bernd Pischetsrieder an den Baum gefahren wurde.

Aber passt denn ein solches Auto in unsere Zeit? Der McLaren 12C wirkt elektrisierend auf Passagiere und Straßenpublikum, er ist obszön in Preis und Motorleistung (285.000 Euro, 625 PS) – was sollte daran nicht in unsere Zeit passen?

Gewisse Anpassungsschwierigkeiten ergeben sich höchstens in Hinblick auf die StVO. Denn findet man einmal eine leere und ausreichend lange Gerade, gibt man sich gleich den Sprint von null auf 200, denn bis 100 km/h bleibt kaum Zeit, auf den Tacho zu schauen. Neun Sekunden für 200 km/h – viel schneller hätte auch James Hunt eine Bierdose nicht knacken und zum Mund führen können.

Der Krawall, den der hinter den zwei Sitzen knotzende V8 entfacht, ist eine Sound-Delikatesse, der man sich am besten mit offenem Dach ergibt. Im 12C Spider ist auf Knopfdruck eine Luke geschaffen, und, akustisch wichtiger noch, lässt sich die Heckscheibe versenken – auf dass das Drama zwischen Ansaug- und Auspufftrakt auch im Stadtverkehr vernehmlich bleibt. Vergnügungen dieser Art haben seit dem Tesla Model S, das als Elektroauto mit Performance-Paket ein ähnliches Beschleunigungsinferno völlig lautlos entfesselt, freilich etwas Altmodisches.

McLarens Ingenieure durften mit dem 12C auf einem leeren Blatt Papier beginnen, kein Regal mit Komponenten musste in Bedacht gezogen werden. Herausgekommen ist dennoch – ein Auto. Bloß etwas schneller, schärfer, wohl auch schlauer als die meisten anderen seiner Art.

Im Charakter ist der 12C eher Niki Lauda (oder gar Sebastian Vettel) als James Hunt: diszipliniert, geordnet, effizient. Selbst der CO2-Ausstoß ist für ein Supercar mit 279 g/km fast streberhaft, Verbrauch: für 625 PS Nennleistung doch recht unauffällige 11,7 Liter laut Norm. Im Gegensatz zum McLaren F1 mit seinem V12-Monstrum hat der Motor des 12C mit 3,8 Liter wenig Hubraum, dafür zwei Turbolader, die man beim Luftholen schön schmatzen hören kann.

Zahnräder beleidigen

Man mag enttäuscht sein, dass vor 20 Jahren ein leichteres Auto gelungen ist als heute. Trotz radikalen Einsatzes von CFK wiegt der 12C fast 200 kg mehr als der F1 von 1993, der allerdings nur eine zarte Ahnung der heutigen Crashtests zu bestehen hatte. Bemerkenswert ist die Fahrgastzelle des 12C – eine Monocoque genannte, einteilige Schale aus Karbonfaserverbundstoff, die unglaubliche 90 kg leicht ist und von der Firma CarboTech in Salzburg zugeliefert wird. Dieser Nukleus bleibt beim Spider unverändert, das geringe Zusatzgewicht von 40 kg zum Coupé ergibt sich aus der Dach-Kinematik mit Scharnieren und Stellmotoren.

Selbstredend rührt man in einem Supercar dieser Tage nicht mehr selbst im Getriebe, womöglich Kupplungsbeläge und Zahnräder beleidigend. Diesen Job übernimmt ein Sieben-Gang-DSG, dessen Schaltzeiten man über Voreinstellungen im Cockpit variieren kann. Nichts spricht dagegen, den manuellen Modus zu aktivieren und per Schaltwippen die Gänge durchzureichen, was speziell beim Runterschalten eine klanglich freudvolle Aufgabe ist. Beim verschärften Bremsen unterstützt der Heckflügel, der sich blitzartig aufstellt und als Air Brake zusätzlich verzögert. Das Heck gerät dabei nicht ansatzweise ins Schwänzeln, und beim Herausbeschleunigen scheinen Schienen auf der Straße verlegt. Das liegt allerdings auch am feinfühligen ESP, das die Motorgewalt bändigt – und zwar so höflich, dass es sich für den Fahrer nicht anfühlt, als würde ihm ständig der Saft abgedreht. Schwieriger ist es, Straßen zu finden, auf denen man überhaupt einmal bis 8500 Touren drehen kann. Von der Liaison zwischen Reifen und Fahrbahn berichtet die Lenkung in unverfälschter Klarheit. Allein das Lenkrad – eine Skulptur in Vollkarbon. Mit dem teuren Werkstoff wurde im 12C weiß Gott nicht gespart.

Hat McLaren das perfekte Supercar gebaut, die Konkurrenz vorgeführt? Glücklicherweise bleibt noch Luft für Verbesserung. Das Bordsystem per Touchscreen hinterließ uns ratlos. Radiosender einstellen: ein Ärgernis. Die Schrift der Untermenüs ist lachhaft winzig – wie konnte man das in einem fast 330 km/h schnellen Auto übersehen? James Hunt hätte für diese Art der Fummelei aber ohnehin nichts übrig gehabt.

ZAHLEN UND FAKTEN

McLaren 12C Spider

Maße: L/B/H: 4509/2093/1203 mm. Radstand: 2670 mm. Leergewicht: 1376 kg.

Motor: V8-Otto in Mittellage längs, 3799 ccm, zwei Turbolader. Leistung: 460 kW (625 PS) bei 7500/min. Drehmoment:

600 Nm bei 3000–7000/min.

Testverbrauch: 14,2 l/100 km.

CO2: 279 g/km gemäß Norm.

7-Gang-DSG. Heckantrieb.

Fahrleistungen: 0 auf 100 km/h in 3,3 sec. 0 auf 200 km/h in 9,2 sec. Vmax 329 km/h. Preis: 285.000 Euro.

Gebaut wird der 12C als Coupé und Spider in Woking, Surrey. 12 steht für eine interne Performance-Benchmark, C für den Werkstoff Karbon. McLaren führte Karbon 1982 in der Formel 1 ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2013)

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