Schuld war der Amikäfer

Brutal verlief das erste Jahrzehnt der Sowjetisierung Osteuropas nach 1945. Anne Applebaum hat in Archiven geforscht und mit Zeitzeugen in Berlin, Warschau und Budapest gesprochen: „Der Eiserne Vorhang“ – die Geschichte einer Unterdrückung.

Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs litten die Menschen in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas noch immer Hunger. Schlechte Ernten wegen schlechten Wetters kann es überall geben, hier aber führte die kommunistische Landwirtschaftspolitik zu noch miserableren Ergebnissen. In der DDR aber wurde die Schuld für die Lebensmittelknappheit anderswo gesucht und gefunden: US-Piloten hätten über der DDR tausende Käfer abgeworfen, um Ernteschäden anzurichten. Ausländische Journalisten wurden eingeladen, um die vom „Amikäfer“ angerichteten Schäden zu besichtigen.

In Ungarn wiederum tauchte ein alter Feind der Bolschewiki aus den 1930er-Jahren auf: der Kulak! Ein Kleinbauer hatte auf einem Feld ein Feuer gemacht, um sein Essen zu kochen. Der Topf fiel um, das Feuer geriet außer Kontrolle, das Feld brannte ab. Niemand kam zu Schaden – ein Unfall, urteilte die örtliche Staatsanwaltschaft. Aber dann kam die Geheimpolizei aus Budapest, sagte, hier habe ein Kulak kriminelle Brandstiftung und ein Verbrechen gegen den Staat begangen. Es kam zu einem landesweit beachteten Prozess: Der Bauer wurde zum Tod verurteilt und sofort hingerichtet.

Zwei Beispiele, die die amerikanische Publizistin Anne Applebaum in ihrer Studie über das erste Jahrzehnt der Sowjetisierung Mittelosteuropas nach dem Sieg der Roten Armee über Nazideutschland anführt. Zwei Beispiele auch, die die brutale Absurdität und die absurde Brutalität aufzeigen, mit der die Kommunisten damals ihre Herrschaft absicherten.

Applebaum ist nicht die Erste, die sich der dramatischen Etablierung der kommunistischen Herrschaft in diesem Teil Europas annimmt, der französisch-ungarische Historiker François Fejtö hat bereits in den 1950er-Jahren eine „Geschichte der Volksdemokratien“ verfasst. Seither aber ist viel Zeit vergangen, haben sich viele Archive weit geöffnet (außer jene in Moskau), berichten Zeitzeugen über das, worüber sie vor 1989 niemals öffentlich geredet hätten. Diese aber werden immer weniger. Eine der Stärken vonApplelbaums Buch ist es, dass sie in Warschau, Berlin und Budapest noch zahlreiche Augenzeugen aufgestöbert und befragt hat. Geschickt webte sie deren Mikro-Aussagen in die Makro-Beschreibung des Geschehens ein, so entstand ein äußerst lebendiger und spannend zu lesender Text.

Dass sich Applebaum in ihrer Arbeit auf Polen, Ungarn und die DDR beschränkt, mag aufgrund des gewaltigen Stoffes verständlich sein, ist aber ein Manko. Gerade die Tschechoslowakei hätte für die Spurensuche und die analytischen Befunde der Autorin zusätzlich gutes Anschauungsmaterial und möglicherweise auch neue Erkenntnisse geliefert. Auf jeden Fall aber liegt die Amerikanerin völlig falsch, wenn sie die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit zusammen mit Polen, Ungarn und anderen Staaten Osteuropas „auf der untersten Ebene erkennbar kapitalistischen Wirtschaftens“ ansiedelt. Die ČSR war damals die zehntstärkste Industriemacht der Welt.

Bis auf die Vertriebenen war man sich im westlichen Europa vielleicht nie so richtig bewusst, wie gewalttätig die Jahre 1944/45 bis 1956 im östlichen Teil des Kontinents eigentlich waren: Ethnische und politische Säuberungen, Bekämpfung des antikommunistischen Widerstands, Unterdrückung tatsächlicher und vermeintlicher Widersacher forderten unter einer kriegsmüden und sich nach Frieden sehnenden Bevölkerung erneut hunderttausende Opfer.

Dazu kam das Verhalten der Angehörigen der Roten Armee: Sinnlose Zerstörungen, Raubtaten und vor allem Übergriffe auf Zivilisten, vorwiegend Frauen, sorgten in allen Ländern, in denen Sowjetsoldaten stationiert waren, für böses Blut. Applebaum: „Auch wenn die Plünderungen, Gewalttaten und Vergewaltigungen nicht Teil eines politischen Plans waren, hatten sie in der Praxis eine Tiefe und lang andauernde Wirkung in allen Gebieten. Einerseits weckte die Gewalt bei den Menschen Zweifel an der Sowjetherrschaft und machte sie zutiefst misstrauisch gegenüber kommunistischer Propaganda und marxistischer Ideologie. Gleichzeitig versetzte die Gewalt, vor allem die sexuelle, Männer und Frauen in tiefe Furcht.“

 

Regime von vornherein instabil

Der Keim des Scheiterns des Kommunismus in Mittelosteuropa war schon in diesen Anfangsjahren der Machtübernahme gelegt. Auch wenn es damals noch relativ viele „gläubige“ Kommunisten in allen Ländern des sogenannten Ostblocks gab – die KP-Regime waren „von vornherein instabil“, wie Applebaum richtig schreibt.

Da half auch die exzellente Vorbereitung der Machtübernahme von moskautreuen Kommunisten und der effiziente Aufbau von moskauhörigen Sicherheitsapparaten (Polizei, Geheimpolizei, Streitkräfte) durch den sowjetischen Geheimdienst nichts. (Gerade über diese ganzen Moskauer Planungen hätte man übrigens von Applebaum gern mehr erfahren). Die Berater aus der Sowjetunion saßen dann überall in den kommunistischen Parteilokalen und in staatlichen Amtsstuben und sagten den Genossen, wo es politisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell langgehen müsse: immer tiefer in die Sackgasse.

1953 begehrten dann als Erste die DDR-Bürger auf, 1956 die Polen und die Ungarn. Wieder rollten sowjetische Panzer, danach herrschte wieder mehrere Jahre Ruhe. Bis zum nächsten Aufbegehren. Denn: „Keinem der stalinistischen Regime gelang es je, alle Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen und damit für immer jede Opposition zu vernichten“, schreibt Applebaum. ■

Anne Applebaum

Der Eiserne Vorhang

Die Unterdrückung Osteuropas 1944
bis 1956. Aus dem Amerikanischen von
Martin Richter. 640S., Ln., €30,90
(Siedler Verlag, München)