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Mariahilfer Straße: „Mit der Zeit gewöhnen sich alle daran“

MARIAHILFER STRASSE NEU: PASSANTEN
MARIAHILFER STRASSE NEU: PASSANTENAPA/GEORG HOCHMUTH
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Die Begegnungszone wurde in der Schweiz erfunden. Dominik Bucheli war von Anfang an dabei. Im Gespräch mit der „Presse“ rät er bei der Bewertung des Wiener Versuchs zu Geduld.

Die Presse: In der Schweiz haben Sie seit 2002 Erfahrung mit Begegnungszonen. Was bringt dieses Verkehrsmodell?

Dominik Bucheli: Es gibt mehrere Langzeitstudien. Überall hat die Zahl der Unfälle abgenommen, der positive Einfluss von Begegnungszonen auf die Verkehrssicherheit ist eindeutig. Auf dem Zentralplatz in Biel fahren täglich 1000 Busse und 12.000 andere Fahrzeuge. Trotzdem ist der Platz für Fußgänger attraktiv, trotzdem gibt es dort weniger Staus als vorher.

Gab es bei der Einführung von Begegnungszonen in der Schweiz auch Proteste?

Die gab und gibt es. Wie in Wien hat sich etwa in der schweizerischen Kleinstadt Burgdorf die lokale Wirtschaft gegen die Zone in einer Einkaufsstraße gestellt. Die Befürchtung war, dass mit der Umgestaltung die Autos und die Kunden ausbleiben. Meistens gibt es im Vorfeld auch noch öffentliche Debatten. Ist die Errichtung einer Begegnungszone mit diversen Umbauten verbunden, sind die Kosten dafür meistens so hoch, dass die Bürger darüber zwingend befragt werden müssen. Denn immerhin sind sie ja diejenigen, die dafür finanziell geradestehen. Nach der Abstimmung ist die Diskussion – egal, wie sie ausgeht – in der Regel beendet.

Haben sich die Bedenken der Geschäftsleute bestätigt?

Nein. Unsere Organisation (Fußverkehr Schweiz, Anm.) bewertet alle Zonen im Land. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem man einen negativen Trend über das Geschäftsaufkommen beobachten konnte.

Wie bewerten Sie die Wiener Umsetzung?

Das Konzept ist nicht falsch und kann im Prinzip funktionieren. Die Wiener Rahmenbedingungen sind aber nicht mit einer gestalteten Situation vergleichbar. Man hat kaum Baumaßnahmen gesetzt. Das führt noch zu Einschränkungen. Die bisherigen Kritikpunkte sehe ich jedoch nicht bestätigt.

Welche meinen Sie? Busfahrer halten die Fahrt durch die Zone für gefährlich, Fußgänger beschweren sich über Radfahrer.

Gerade in der Mariahilfer Straße ist eigentlich ausreichend Platz vorhanden, sodass sich alle miteinander arrangieren können. Konflikte in einem neuen Umfeld sind unvermeidbar. Der Punkt ist aber: Mit der Zeit gewöhnen sich alle an die neue Situation.

Die Schweizer gehen im Straßenverkehr also freundlicher miteinander um?

Das Beharren auf Rechten, zum Beispiel Vorrang, erschwert natürlich das Funktionieren einer Begegnungszone. Aber wie gesagt: Die Probleme legen sich mit der Zeit. Die Begegnungszonen fördern eine andere Verkehrskultur, wie man miteinander umgeht. Und das auch aufseiten der Kfz-Lenker. Das dauert aber.

In Wien war und ist das Thema ideologisch stark aufgeladen. Welchen Effekt hat das auf das Klima auf der Straße?

Das kann in Einzelfällen schon dort ankommen. In der breiten Masse spielt das aber keine Rolle.

Derzeit scheint es zwischen Fußgängern und Radfahrern nicht zu funktionieren. Warum?

Ganz genau weiß man das noch nicht. Eine Videoanalyse hat ergeben, dass es auf dem Ring-Radweg in Wien deutlich mehr sichtbare Konflikte mit Fußgängern gibt als in der Mariahilfer Straße. Das bedeutet aber noch nicht, dass sich dort Fußgänger nicht durch Radfahrer gestört fühlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2013)