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Flüchtlinge: Herbergssuche in Amsterdam

In der Vluchtkerk im Westen von Amsterdam waren die Flüchtlinge von Dezember 2012 bis Juni 2013 untergebracht.
In der Vluchtkerk im Westen von Amsterdam waren die Flüchtlinge von Dezember 2012 bis Juni 2013 untergebracht.(c) Manette Ingenegeren
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Seit einem Jahr kämpfen 200 Flüchtlinge in Amsterdam um ihr Bleiberecht. Ähnlich wie in Wien besetzten sie zuerst eine Kirche und nun ein Bürohaus mitten in der Innenstadt.

Marmor. Das Stiegenhaus besteht tatsächlich teilweise aus Marmor. Auf den ersten Blick erscheint die neue Unterkunft der Flüchtlinge in Amsterdam eleganter, luxuriöser als alle davor. Doch das bisschen Marmor täuscht, die großen Schlafsäle sind spartanisch eingerichtet. Eine Matratze reiht sich an die nächste, dazwischen liegen Decken, Taschen und Plastiksäcke. Es sind rund 200 Männer und Frauen aus Afrika, die seit einem Jahr um ihr Bleiberecht in Holland kämpfen. Der Großteil von ihnen hat einen negativen Asyl-Bescheid erhalten, manche saßen schon im Flieger zurück in ihre Heimat, doch Staaten wie das vom Bürgerkrieg geplagte Somalia lassen niemanden einreisen. Manche wollen tatsächlich nach Hause, manche weiter nach Norwegen, weil sie gehört haben, Flüchtlingen gehe es dort besser.

Nach der ersten Nacht in ihrer neuen Bleibe, diesem schicken, leer stehenden Bürogebäude auf der Weteringschans mitten in der Amsterdamer City, spricht sich schnell herum, was zeitgleich vor der italienischen Insel Lampedusa passiert ist. Dass die mehreren hundert toten Flüchtlinge, die man im Meer fand, vor allem aus Somalia und Eritrea kamen, auch. Der Großteil der Amsterdamer Vluchtelingen, wie man sie auf Holländisch nennt, kommt aus Somalia. Auch die fünf Frauen, die sich eines der wenigen abgeschiedenen Zimmer teilen. Die 29-jährige Amina und ihre Zimmernachbarin Fartun erzählen, dass sie schon seit vielen Jahren, manche seit 2008, in Holland sind. Fartun floh vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land über Syrien in die Türkei, von dort mit dem Boot nach Griechenland und mit dem Flugzeug nach Holland. Sie sagt, sie war sich bei ihrer Flucht nicht bewusst, wie schwer es würde, irgendwo eine neue Heimat zu finden, sie wollte einfach nur sicher sein.

In Holland bitten jährlich rund 10.000 Menschen um Asyl – das sind sogar weniger als früher, denn das Land ist bekannt für seine strenge Asylpolitik. Seit Holland in einer schweren Rezession steckt werden zudem weniger illegale Arbeitskräfte gebraucht.


Erstaunliche Parallelen.
Vor einem Jahr begann der Protest der Flüchtlinge aus Äthiopien, Eritrea, dem Sudan und Somalia mit einem Zeltcamp am Stadtrand von Amsterdam. Als das Camp Ende November von der Polizei unsanft geräumt wurde, hatte eine Gruppe von Studenten, Journalisten, Aktivisten und Kirchenvertretern die leer stehende Jozefkerk in West-Amsterdam besetzt und zur „Vluchtkerk“ umbenannt. „Wij zijn hier“ („Wir sind hier“) – so lautet ihr Slogan.

All das passierte nur wenige Tage bevor in Österreich eine Gruppe von Flüchtlingen ganz ähnlich auf ihre Situation aufmerksam machen wollte und vor und später in der Votivkirche campte. Eine erstaunliche Parallele mit einigen Unterschieden: Die Gruppe in Amsterdam ist mehr als doppelt so groß wie jene aus Wien, die Suche nach Unterkunft daher noch schwerer. Zudem hatte sich vor allem in der Vluchtkerk, in der die Flüchtlinge geduldet vom Besitzer bis Juni leben durften, eine beispielhafte Solidaritätswelle mit hunderten Helfern in Gang gesetzt. Die leere Kirche war zwar bitterkalt, bot aber Platz für Konzerte, Debatten und gemeinsames Kochen. Doch im Frühjahr ließ das Interesse der Bevölkerung nach. Nur wenn die Gruppe so wie Anfang Oktober wieder eines ihrer Quartiere räumen muss und wieder auf Herbergsuche geht und die Zeitungen darüber berichten, steigt die Solidarität wieder. Einer der ständigen Helfer ist der pensionierte Hausarzt Co van Melle, der den Spitznamen „Dr. Co“ trägt. Er und Dekan Jasper Klapwijk erlaubten den Flüchtlingen ein paar Wochen im Garten der Diakonie zu zelten. Aus Dankbarkeit pflanzten sie diesen Sommer einen Feigenbaum als Symbol der Gastfreundschaft.

Draußen auf der Weteringschans rauschen die Straßenbahnen und jede Menge Fahrradfahrer vorbei. „Es ist der beste Ort, um gesehen zu werden“, sagt der Aktivist und Helfer Jo van der Spek. Im Foyer des Bürokomplexes hat er einen Zeitungsartikel über die Katastrophe von Lampedusa aufgehängt. „Wir sind hier, um solche Katastrophen zu verhindern“, sagt er. In einem Brief haben die Helfer die Bayer Pensionskasse, der das Haus gehört, darum gebeten, den Flüchtlingen im Winter Unterkunft zu gewähren. Doch es sieht nicht danach aus, als würden sie die illegale Besetzung dulden. Die Gruppe glaubt, dass sie zumindest bis Anfang Dezember hier bleiben kann – solange wird das Besitzstörungsverfahren jedenfalls dauern. Im Amsterdamer Gemeinderat tobt derweil ein Streit, ob die Stadt helfen soll, obwohl sie seit einer Gesetzesänderung 2007 Illegalen keine Unterkunft gewähren darf.

Derweil sitzen die Frauen aus Somalia meist auf ihren Betten und reden. Selten sehen sie aus den großen Fenstern, dabei ist der Blick atemberaubend: Gegenüber thront das märchenschlossartige Rijskmuseum. Dass sie in ihrer neuen Bleibe auf das berühmteste Museum der Stadt blicken, ist den Frauen schon gesagt worden. Doch ein schöner Ausblick und ein bisschen Marmor machen noch keine Heimat.

Stationen

Im Herbst 2012 campiert eine Gruppe von Flüchtlingen am Rand von Amsterdam. Ende November räumt die Polizei das Camp aus Sicherheitsgründen.

Vluchtkerk. Ab Dezember 2012 wohnen die rund 200 Flüchtlinge in der leer stehenden Jozefkerk im Westen von Amsterdam. Eine Welle der Solidarität bricht aus, über 100 Helfer engagieren sich. Im Frühjahr flaut die Solidarität ab.

Vluchtflat. Anfang Juni besetzen sie ein leer stehendes Wohnhaus, da sie die Kirche räumen mussten. Die Vluchtflat müssen sie mit 30. September verlassen.

Vluchtkantoor. Seit Oktober besetzen die Flüchtlinge illegal einen leeren Bürokomplex in der Amsterdamer Innenstadt. Der Eigentümer will das nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2013)