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Wenn vor dem Riesenrad kein Gras mehr wächst

Wenn vor dem Riesenrad kein Gras mehr wächst
Wiener PraterAPA (Herbert Pfarrhofer)
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In Wien ist ja vieles Ansichtssache.

Ansichtskartensache. Das Schloss Schönbrunn aus der Neptunbrunnen-Perspektive. Der Stephansdom vom Graben her. Oder das Riesenrad, wie es sich über der Kaiserwiese aufbaut. Ausgerechnet die nimmt sich dieser Tage wenig kaiserlich aus, eher so, als hätte eines der temperamentvolleren unter den hiesigen Wildschweinrudeln hier seinen Suhlenspaß gehabt. Freilich, mit Bache, Eber, Frischlingen hat das Ganze gar nichts zu tun, mehr mit unsereinem und der eigentümlichen Idee, ein Fest gerade an einem Ort auszurichten, wo es größtmöglichen Flurschaden anrichtet. Konkret: das Wiener Wies'n- Fest. Wer's ironisch mag: Die Wies'n hat dafür gesorgt, dass vor dem Riesenrad kein Gras mehr wächst.

Zugegeben, als Hiesiger ist man Schlimmeres gewöhnt. Aber mitten in der Sichtachse auf eines der Wiener Topsights wochenlang eine graubraune Schlammszenerie zu haben, wird Wien-Besichtiger genauso wenig freuen wie die monumentalen weißen Wies'n-Zelte, die davor, ebenso wochenlang, dieselbe Sichtachse besetzt hielten. Nein, mir geht's nicht darum, einer neuen Enthaltsamkeit das Wort zu reden, und wem es gefällt, der soll seine Lust am ländlich-unsittlichen Biergenuss im urbanen Umfeld ausleben können. Nur: Ließen sich dafür nicht genauso prominente, aber besser befestigte Plätze finden?

Ja mehr noch: Gar nicht so wenige Örtlichkeiten könnten sogar wunderbar profitieren, würde man sie hinter den Zeltgebirgen der Wies'n verschwinden lassen. Nehmen wir nur ein paar Schritte weiter das 2008 neu gestaltete Entree in den Wurstelprater: Wies'n-Zelte davor, und schon wäre eine der schlimmeren Peinlichkeiten der Stadt nicht mehr zu sehen. So wird jeder von uns Objekte wissen, denen er die Gnade einer wenigstens zeitweiligen Verdeckung wünschte. Her mit ein paar Wies'n-Zelten, schon wär das Malheur aus den Augen. Mit Zeltauf- und -abbau einen guten Monat lang. Immerhin.

Und übrigens, unter uns gesagt: Was die Wies'n am allerwenigsten braucht, ist doch in Wahrheit eine Wiese.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2013)