Business. In den nächsten Jahren werden zahllose neue „Top-Level-Domains“ das Web überschwemmen, in deren Umfeld lukrative Märkte entstanden sind. Ob man will oder nicht: Man kommt nicht daran vorbei.
Selbst, wenn wir gar nicht wissen, was Top-Level-Domains (TLDs) sind, benutzen wir sie schlafwandlerisch sicher. TLDs sind die vertrauten Endungen von Internetadressen: .at steht für das Land Österreich, .com für Unternehmen, .org für Organisationen und .net für Netzwerke. Kamen wir damit nicht wunderbar zurecht?
Einige mächtige US-Interessensgruppen fanden das nicht. Sie forderten neue Gattungsbegriffe, etwa nach geografischen Gesichtspunkten (Endung etwa .helsinki, .tirol), branchenbezogen (.bank; .immo), unternehmensbezogen (.redbull; .volkswagen) oder themenbezogen (.hiv, .shopping).
Markeninhaber legen ab
1930 neue generische Top-Level-Domains (gTLD) wurden bei der zuständigen Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN, www.icann.org) angemeldet. Die gibt sich einsichtig, dass das zu viele sind, und wird die Zahl reduzieren. Dennoch schätzt Egon Engin-Deniz, Internetexperte der Rechtsanwaltskanzlei CMS, dass an die 1200 neue Endungen übrig bleiben, die in den nächsten Jahren etappenweise ins Internet geschoben werden.
Viele globale Konzerne haben längst ihren Markennamen als gLTD angemeldet – zu groß ist für sie die Gefahr, dass ihn dubiose Internetakteure besetzen und im schlimmsten Fall schädigen.
Doch wo liegt überhaupt der Nutzen einer eigenen Top-Level-Domain? Laut einer Studie bevorzugen 43 Prozent der Deutschen die gTLD-Variante www.fundbuero.berlin, gegenüber 21 Prozent, die die Variante www.berlin.de/fundbuero bevorzugen.
„Besonders für Inhaber globaler Marken kann eine eigene gTLD sinnvoll sein, um den gesamten Traffic zu einem Thema aktiv auf ihre Seiten zu lenken“, meint Engin-Deniz. Dafür muss man nur eine eigene Domainregistrierungsstelle (samt Personal) gründen, was ICANN nach Prüfung der Markenrechte für 135.000 Euro plus Spesen gern gewährt. Kauft man die Domain nur, ohne sie aktiv zu verwalten, kostet das im Schnitt 1000 Euro.
KMU können sich das meist nicht leisten. Auch für sie hat ICANN eine Lösung: „Gegen einen kleinen Obolus von 91 Euro pro Marke können KMU ihre Markenrechte im ,Trademark Clearing House‘ (TMCH) registrieren lassen.“ Damit gehört ihnen zwar die Domain nicht, sie stellen aber sicher, dass sie auch niemand anderer besetzen kann. Selbstredend, dass für einen langfristigen Schutz eine jährliche Gebühr fällig ist.
Dienstleister wittern das große Geschäft
„Uns ist aufgefallen, dass Sie Inhaber der Marke XY sind. Für diesen Markennamen wurde bei uns eine Domain angemeldet. Wenn Sie nicht innerhalb von zehn Tagen reagieren, vergeben wir die Domain.“ Nach Zusendungen wie dieser, oft aus dem fernen Asien, kann man immer noch im Einzelfall entscheiden. Engin-Deniz: „Die Ironie ist, dass selbst die, die das System gar nicht wollen, hineingezwungen werden.“
Profiteure sind – neben ICANN – zahlreiche Web-Dienstleister, die das lukrative Segment für sich entdeckt haben. Sie beobachten, wann welche Endung zum Kauf freigegeben wird, und blockieren sie im Sinn ihrer Kunden. „Oft unterbreiten sie verunsicherten Unternehmen gleich Vorschläge, sinngemäß: ,Wir empfehlen Ihnen, folgende zehn Endungen zu besetzen, das macht dann zehn mal 1000 Euro‘“, weiß Engin-Deniz.
Und der gewöhnliche Internetnutzer? Er wird sich wohl auf eine verwirrende Vielzahl neuer Domains einstellen müssen. Ob sie zu Transparenz und Handhabbarkeit des Internets beitragen, ist fraglich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2013)