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"Das sind ja nur Deutsche im Trainingsanzug"

Die Habsburger (11) 'Voelkerkerker - Hort der Voelker'
Die Habsburger (11) 'Völkerkerker - Hort der Völker'ORF
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In Tschechien gilt die Habsburgerzeit als "Zeit der Finsternis". Das Neujahrskonzert hört man trotzdem gern.

„Die Österreicher feiern ihren Nationalfeiertag zwar zwei Tage vor uns, aber dafür hat unserer eine sehr viel längere Tradition“, spotten die Tschechen gern über ihre Nachbarn. Dass die Tschechen bis heute den 28. Oktober als ihren wichtigsten Feiertag ansehen, mutet dabei etwas seltsam an. Immerhin erinnern sie damit an die Gründung der Tschechoslowakei 1918, einen Staat, den sie zwar liebend gern auf den Trümmern der ungeliebten Monarchie aufbauten, der aber seit 1993 gar nicht mehr existiert.

Es ist die 300-jährige Zeit unter Habsburg, die das Bild der Österreicher in der Tschechischen Republik bis heute prägt. Der Tscheche, so er etwas betuchter ist, mag die Alpen, flaniert gern durch die Kaffeehäuser in Wien, aber das ist alles, wie so vieles in Tschechien, sehr pragmatisch. „Lieben“ wird er die Österreicher nie. Bösartige amüsieren sich über den „Möchtegern-Ordnungssinn“ der Österreicher. Sie versuchten, es den Deutschen nachzumachen, erreichten die aber nie. „Die Österreicher sind nur Deutsche im Trainingsanzug“, heißt es genüsslich.

Die Tschechen werden vermutlich nie vergessen, dass die böhmische oder mährische Köchin in Wien einst zwar gängig war, aber eben nur als Köchin gelitten wurde, als bessere Dienstmagd. Die Österreicher werden bis heute vor allem als „Adlige“ wahrgenommen. Für einige Tschechen ein Hauptgrund, bei der Stichwahl um das Prager Präsidentenamt nicht für den „Österreicher“ Schwarzenberg, sondern für den „richtigen Tschechen“ Zeman zu stimmen. Ex-Präsident Klaus und dessen ganze Familie sprachen sich seinerzeit offen gegen den „österreichischen Adligen“ aus, obwohl der in seinem Innersten ein größerer böhmischer Patriot ist als sie selbst.

Stolz auf Prachtbauten. Wie ambivalent das Verhältnis der Tschechen zu Österreich ist, wird in Prag besonders sichtbar. Die Moldaustädter sind stolz auf viele ihrer Prachtbauten und Kirchen. Dass die meistens in der Zeit der Monarchie entstanden sind, verschweigen sie aber. Die Jahre unter Habsburg gelten als die Zeit des „temno“, der Finsternis. Seit Jahren tobt ein Streit darüber, ob auf dem zentralen Platz, dem Altstädter Ring, die Mariensäule wieder errichtet werden soll, neben dem Denkmal des Theologen Jan Hus. Auch der Wiederaufbau des Radecky-Denkmals ist höchst umstritten.

Den Radetzky-Marsch hören die Tschechen dagegen gern – beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das auch im tschechischen Fernsehen übertragen wird. Und, nebenbei: Der Empfang in der österreichischen Botschaft an jedem 26. Oktober gilt in Prag als eines der absoluten gesellschaftlichen Highlights. Nur: Offen sagen würde das niemand.

Lexikon

Auslandsösterreicher gibt es derzeit mehr als 400.000, von denen die meisten, etwa 175.000, in Deutschland leben. In der Schweiz leben etwa 37.000, in den USA etwa 27.000, in Großbritannien rund 22.000. Die Zahlen sind aber sehr ungenau, weil man keine regelrechte Österreicher-Zählung im Ausland betreibt.

Unser Ruf im Ausland hat durchaus etwas mit jenem der Kanadier gemein: Diese gelten weltweit im Grunde als die „netteren
US-Amerikaner“, wir Österreicher hingegen als die netteren Deutschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)