Schnellauswahl

Portisch: "Wir wurden als Schmähbrüder bezeichnet"

Hugo Portisch
Hugo PortischDie Presse
  • Drucken

Als Hugo Portisch 1955 als Erster von der Einigung zum Staatsvertrag erfuhr, wollte ihm in Wien niemand glauben. Später hat er den Österreichern als ORF-Chefkommentator Zeitgeschichte erklärt.

Wir feiern heute Nationalfeiertag. Werden Sie die Flagge hinaushängen?

Hugo Portisch: Ich habe nur eine Wohnung in Wien – da kann man keine Flagge hinaushängen.

Aber ein Patriot sind Sie schon?

Ich glaube, dass so pathetische Bezeichnungen wie Helden oder Patrioten heute überholt sind. Aber im alten Sinne bin ich ein Patriot. So wie man das Wort früher verstanden hat: Leute, die für ihr Heimatland auf die Barrikaden gehen und bereit sind, das Land zu vertreten und zu verteidigen. Und die auch tief betrübt sind, wenn es dem Heimatland nicht so gut geht – wirtschaftlich oder politisch.

Können die Österreicher denn stolz auf ihr Heimatland sein?

Oh ja. Es gibt vieles, worauf die Österreicher stolz sein können. Vor allem darauf, dass es uns gelungen ist, dieses Land von dem Trümmerhaufen, der es am Ende des Zweiten Weltkriegs war, in ein wirtschaftlich blühendes, politisch friedliches, stabiles und auch reiches Land zu verwandeln. Dass es gelungen ist, aus der politischen Situation der Ersten Republik, als es ja eine zerstrittene, feindselige, von Misstrauen getragene politische Szene gab, die Lehren zu ziehen – darauf kann man stolz sein. Da haben damals nicht nur die Politiker gelernt, auch die Bevölkerung.


Ihre dokumentarische Aufarbeitung der Geschichte der Zweiten Republik wird nun in einer Neuauflage in ORFIII gezeigt. Warum ist es Ihnen so wichtig, dass diese Phase nicht in Vergessenheit gerät?

Im ersten Augenblick nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist man in Österreich zusammengestanden und hat den Mut gehabt, die Dinge in die Hand zu nehmen. Das ist gerade in Zeiten der Regierungsbildung wie ein Weckruf: Schaut, wie schnell die Leute damals begriffen haben, dass man große Probleme sofort mutig und entschlossen lösen muss. Der letzte Schuss in der Schlacht um Wien fiel am 13.April 1945, bereits am 27.April – innerhalb von nur 14Tagen – hatten diese Menschen, die kein Telefon hatten, keine Straßenbahn, kein Radio, zwei Parteien gegründet – die SPÖ und die ÖVP –, den Gewerkschaftsbund ÖGB. Karl Renner hat nur fünf Tage gebraucht, um eine Regierung zu bilden. Innerhalb von 14Tagen ist die Basis dieser Republik gelegt worden. Das ist ja fast unglaublich!

Sie waren der Erste in Wien, der 1955 erfahren hat, dass der Staatsvertrag zustande kommt. Hat Sie das bewegt?

Wir haben zehn Jahre auf den Staatsvertrag gewartet. Zu dem Zeitpunkt hat kaum jemand mehr daran geglaubt, dass es den jemals noch geben würde. 1954 haben die Amerikaner den Russen sogar eine Neutralität Österreichs angeboten, aber der russische Außenminister Wjatscheslaw Molotow hat darauf bestanden, ein russisches Truppenkontingent im Mühlviertel zu behalten. Das haben Bundeskanzler Leopold Figl und Außenminister Bruno Kreisky strikt abgelehnt. Und dann kam es im April 1955 doch noch zu einer überraschenden Einladung nach Moskau, wo man sich einigte.


Damals gab es noch keine Breaking News, kein Twitter. Was konnten Sie als Journalist tun, um die frohe Kunde zu verbreiten?

Ich war damals stellvertretender Chefredakteur des „Kurier“, Chefredakteur war Hans Dichand. Als mich eines der Delegationsmitglieder am Abend aus Moskau anrief und mir sagte, dass der Staatsvertrag beschlossene Sache sei, haben Dichand und ich eine Extraausgabe gemacht. Wir haben nur eine Zeitungsseite gedruckt: „Österreich wird frei! Wir bekommen den Staatsvertrag.“

Wie haben Sie dieses Extrablatt zum Staatsvertrag unter die Leute gebracht?

Da wir am Abend keine Kolportage hatten, sind wir selbst auf die Kärntner Straße gegangen, um unser Blatt zu verkaufen. Aber die Leute haben uns nicht geglaubt und uns weder die Story noch die Zeitung abgekauft. Die haben uns für Betrüger gehalten – und als wir unser Glück dann noch auf dem Westbahnhof versucht haben, wurden wir des Platzes verwiesen: „Ausse mit euch Schmähtandlern!“

Heute geht es den meisten Menschen viel besser als damals – trotzdem lebt der Nationalismus in Europa wieder auf.

Man hat die EU und ihre Bedeutung der Bevölkerung nie wirklich vermittelt. Dabei drängt sich die Idee eines vereinten Europas ja geradezu auf: Fragen Sie die Leute doch, ob sie wollen, dass wir wieder Grenzen haben, dass es Feindseligkeiten und Wettbewerb der einzelnen Nationen gibt und dass wir als zerstrittener Kontinent dastehen. Im Weltmaßstab sind Deutschland oder Frankreich ja kleine Länder. Wollen wir einzeln gegen eine globale Konkurrenz antreten?

Nationale Parteien in Europa werden mit und wegen ihrer Einstellung gegen die EU, gegen den Euro und gegen Ausländer groß.

Für die Nichtvermittlung des europäischen Gedankens gibt es viele Schuldige. Eine EU, die so Unsinnigkeiten wie die Krümmung der Gurken von oben verordnet – das ist Bevormundung, und das widerspricht auch den EU-Verträgen. Außerdem fehlt eine aktiv vermittelte Transparenz. Und drittens gehen die gewählten Abgeordneten nicht auf ihre Wähler zu, um ihnen die EU-Beschlüsse und ihr Abstimmungsverhalten zu erklären.

Diese Woche wurde in Ungarn des Volksaufstands von 1956 gedacht. Auch die Ungarn wollten neutral werden – wie Österreich –, doch die russische Armee schritt ein. Viele flohen nach Österreich.

Ja, und sie wurden mit offenen Armen aufgenommen. Österreich war ja selbst erst seit einem Jahr frei, die Sowjets waren eben erst abgezogen, und die Neutralität war auch gerade erst ein Jahr alt. Keiner hat gewusst, was geschieht, wenn die Sowjets im Kampf gegen die Aufständischen die österreichische Grenze erreichen.

Da hat Österreich einigen Mut bewiesen.

Das Bundesheer war ja gerade einmal ein paar Monate alt, die Rekruten hatten zwar Waffen, waren aber im Umgang damit nicht geübt. Trotzdem hat die österreichische Regierung das schwache Heer an die Grenze beordert und angeordnet: Wenn Soldaten kommen, dann werden sie entwaffnet. Und wenn sie sich nicht entwaffnen lassen, dann werden wir schießen. Ein Schießbefehl in der Situation: Man kann sich nur an den Kopf greifen, wie mutig das war.

Und die Grenzen blieben für alle Flüchtlinge, die kommen wollten, offen.

Ja, das war der zweite Befehl. Der lautete: Jeder Flüchtling kann ohne Pass und Visum passieren. Jeder wird aufgenommen. 180.000 oder mehr sind gekommen. Hunderte Wiener haben Flüchtlinge aufgenommen, auch die Bauern an der Grenze. Julius Raab hatte ja schon beim Beschluss des Neutralitätsgesetzes im Parlament 1955 gesagt: „Vor unserer Tür ist noch nie jemand abgewiesen worden.“ Das war auch ein Signal für die Zukunft. So war es auch 1989, als die Ostdeutschen ein Paneuropäisches Picknick am Plattensee veranstalteten. Als sich herumsprach, dass Österreich jeden ohne Kontrolle ins Land lässt, sind die mit hunderten Trabbis zu uns gekommen, das war der Beginn des Endes der DDR und des Eisernen Vorhangs.

Heute ist das nicht mehr so. Europa schottet sich ab, Hilfesuchende ertrinken im Mittelmeer. Sind wir hartherziger geworden?

Heute geht es uns viel besser – und wir haben mehr als nur ein Butterbrot, das wir teilen können. Aber diese Flüchtlingsströme sind auch Wasser auf die Mühlen fremdenfeindlicher Parteien, die sagen: Diese Leute kosten Geld und unsere Jobs. Das war ja schon das Argument gegen den EU-Beitritt: Die Portugiesen, die Spanier werden uns die Arbeit wegnehmen. Und was ist passiert? Heute wären wir über Fachkräfte aus diesen Ländern froh.

Derzeit wird in Österreich über eine neue Regierung verhandelt. Im Raum steht u.a. die Forderung nach einem ORF-Zweiervorstand. Droht da der alte Proporz?

Parteipolitische Einflüsse von außen haben dem ORF nie gutgetan. Das hat uns ja 1964 dazu gebracht, das Rundfunk-Volksbegehren zu initiieren. Dessen Ziele wurden letztlich erreicht, die Unabhängigkeit der ORF-Journalisten wurde weitgehend gesichert. Wenn jetzt die Politik ihren zunehmenden Einfluss noch verstärkt, dann ist das ein schwerer Rückfall. Der ORF ist ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie, er muss demokratisch funktionieren, die Freiheit der Meinungsäußerung bewahren. Und er darf nicht ausgehungert werden – das wäre fatal.


1...ob Sie – als Autor eines Pilzbuches – sich je eine Pilzvergiftung zugezogen haben?
Nein. Wenn man Pilze sucht, muss man sich ganz sicher sein, dass man sie kennt. Pilze, die man nicht kennt, darf man nicht anrühren – aber man muss sie stehen lassen, denn sie sind schön.2...was Ihr Rezept für eine lange Ehe ist, wie Sie sie mit der Autorin Traudi Reich führen?
Liebe. Verständnis füreinander. Toleranz. Rücksichtnahme. Und natürlich das Glück, gemeinsame Interessen zu haben.3...was Sie vorhaben, falls Sie sich je in den Ruhestand begeben sollten?
Ruhestand? Das kenne ich nicht. Das Wort Ruhestand ist nicht für alle Leute geeignet. Für mich nicht. Marcel Prawy hat mir einmal gesagt: „Je älter du wirst, desto mehr musst du arbeiten – dann bleibst du jung.“ Das ist ein ganz guter Spruch. Prawy hat ja bis zum letzten Moment gearbeitet, so wie Kardinal König, und auch mein Vater hat bis zum letzten Moment gearbeitet. Er ist 99 Jahre alt geworden.

Steckbrief

1927
wurde Hugo Portisch in Bratislava geboren, ging dort zur Schule. In Wien studierte er Zeitungswissenschaft, arbeitete u.a. beim „Kurier“, wo er 1958 Chefredakteur wurde.

1964
initiierte Portisch – noch beim „Kurier“ – das Rundfunk-Volksbegehren. 1967 ging er zum ORF, war Chefkommentator und Korrespondent.

1991
wurde er als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen, lehnte aber ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)