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Endstation Österreich: Jubel und Jammer

Flüchtlingskinder
FlüchtlingskinderDie Presse
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Sie kamen als Flüchtlinge nach Österreich – mit Hoffnungen und Träumen. Für manche haben sie sich erfüllt, bei anderen hingegen hat sich Ernüchterung eingestellt.

Du kannst Menschen aus ihrer Kultur reißen, aber nicht die Kultur aus den Menschen. Wenn Musa und Nisrin Mohamadali Besuch bekommen, wird aufgetischt. Und zwar reichlich. Ohne gut gegessen und getrunken zu haben, verlässt niemand ihre Wohnung. Zum Abschied schneiden sie sogar eine selbst gemachte Torte an – die Gastfreundschaft ist in der muslimischen Kultur nun einmal heilig. Ganz egal, wer die Gäste sind: Familie, Freunde oder – wie in diesem Fall – fremde Journalisten.

Allzu oft empfangen sie aber nicht Besuch. „Ich würde so gern Österreicher zu mir nach Hause einladen und den Kontakt mit ihnen pflegen, aber da ich noch kein Deutsch spreche, kommen wir nie ins Gespräch“, beklagt Musa. Er lebt seit Juni 2011 in Wien, ist nach dem Beginn der Aufstände in Syrien nach Österreich geflüchtet, weil er als kurdischer Politiker von der Regierung der Spionage bezichtigt wurde und sich in Lebensgefahr befand.

Nach dem positiven Asylbescheid Anfang 2012 holte er ein halbes Jahr später seine Frau Nisrin und seinen fünfjährigen Sohn Ibrahim nach. „Ich wollte schon immer nach Österreich, weil ich das Land bereits während meiner Studentenzeit mit grenzenloser Freiheit und Sicherheit assoziiert habe“, sagt der 43-Jährige. „In Syrien wusste ich: Wenn ich es nach Österreich schaffe, werde ich sicher nicht mehr zurückgeschickt und man kümmert sich um mich und meine Familie. So war es dann auch.“

Als er über die Türkei und Italien in Wien ankam und die vielen historischen Gebäude sah, sei er ganz und gar fasziniert gewesen. „Aus diesen Häusern, die ich bis dahin nur aus Büchern kannte, spricht so viel Geschichte, so viel Kultur. Ich war so angetan von der Detailverliebtheit der Architekten. Mir war bald klar, dass ich meine Familie nachholen und hier bleiben will.“

Auch seine Frau Nisrin gerät ins Schwärmen, wenn sie über Österreich spricht. „Das frei zugängliche Schulsystem, die Disziplin der Menschen, die Sozialleistungen, die Bürgerrechte – das sind Dinge, mit denen wir uns voll und ganz identifizieren“, ergänzt die 33-Jährige, die in Syrien als Volksschullehrerin arbeitete. „Wir hatten wirklich hohe Erwartungen an Österreich und wurden nicht enttäuscht. Wir wollen, dass unser Sohn hier aufwächst und wir Teil dieser Gesellschaft werden.“

Derzeit lebt die Familie noch von der Mindestsicherung. Aber: „Wir besuchen beide Deutschkurse, um anschließend eine Ausbildung zu machen und Arbeit zu suchen. Die Caritas unterstützt uns dabei sehr“, betont Musa. „Es geht nicht alles von heute auf morgen. Wir versuchen Schritt für Schritt, in Österreich Fuß zu fassen und die Eigenheiten des Landes kennenzulernen, beispielsweise seine Küche.“

Was denn sein liebstes österreichisches Gericht sei? „Pizza, ich liebe Pizza“, sagt er und fügt hinzu. „Nein, ich weiß natürlich, dass Pizza keine österreichische Spezialität ist. Aber um ehrlich zu sein, sind wir bisher kaum dazugekommen, die heimische Küche auszuprobieren, weil wir zumeist zu Hause essen und traditionell kochen. Aber ein Wiener Schnitzel würden wir langsam schon gern probieren, weil wir ständig darauf angesprochen werden.“

Sorgen, die Sezgin M. gern hätte. Der 28-Jährige lebt seit sechs Jahren illegal in Wien. Ohne Papiere, ohne festen Wohnsitz, ohne E-Card für den Arzt. Er kam vor sieben Jahren als Asylwerber aus der Türkei nach Österreich, weil er in seiner Heimat in bitterer Armut lebte und keine Perspektive für sich sah. Als Grund für seinen Asylantrag gab er an, als Kurde verfolgt und unterdrückt zu werden. „Was natürlich gelogen war“, bekennt er heute. Nachdem der Asylbescheid negativ ausfiel, tauchte unter. Seither arbeitet er schwarz in einem Restaurant am Brunnenmarkt. Eine Rückkehr in die Türkei schließt er für sich aus. Zu verlockend ist der Traum, eines Tages legal in Wien zu leben und den Wohlstand zu erlangen, der für ihn in der Türkei unerreichbar erscheint.


Reichtum der Stadt. „Ich führe ein Leben in ständiger Unsicherheit“, sagt Sezgin M. Dabei habe er sich Österreich früher immer als einen sicheren Ort vorgestellt. „Ich ging immer davon aus, dass in einem derart reichen Land wie Österreich niemand auf der Straße leben muss, sich der Staat um jeden kümmert und es keine Armut gibt.“ Ein solches Schicksal zu erleiden, habe er nie für möglich gehalten. „Man kann schon von einer Ernüchterung sprechen, aber im Vergleich zur Türkei ist es immer noch besser, hier zu bleiben, weil ich hier zumindest den Traum habe, irgendwann ein legales, menschenwürdiges Leben zu führen.“

Etwas näher ist diesem Traum Jawid Najafi. Er ist vor acht Jahren als 15-Jähriger von Afghanistan nach Österreich geflüchtet. Sein Asylverfahren dauert noch an. Najafi ist ein subsidiär Schutzberechtigter, darf also in Österreich arbeiten, das Land aber nicht verlassen. „Allzu viele Gedanken über Österreich hatte ich mir nicht gemacht, als ich Afghanistan verlassen musste“, sagt der 23-Jährige. „Ich wollte einfach in einem Land leben, in dem ich mich frei bewegen kann, in dem mir keine Gefahr droht. Von Österreich wusste ich aus der Schule, dass es ein sicherer Sozialstaat war. Und einen solchen habe ich vorgefunden.“

In Wien angekommen, habe er die Stadt bald lieben gelernt. „Ich schätze die großartige Infrastruktur. Es ist immer alles so perfekt organisiert, die U-Bahnen sind ebenso pünktlich wie die Menschen“, so Najafi. „Und auch, wenn es für viele Österreicher komisch klingt: Ich mag das Wetter hier. Es ist nie extrem heiß oder kalt. Da bin ich aus Afghanistan anderes gewöhnt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)