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Schöner leben im Jammertal

WAHLWERBUNG DER SPOE IN KLAGENFURT: 'GARTENZWERGE'
WAHLWERBUNG DER SPOE IN KLAGENFURT: 'GARTENZWERGE'APA/SPÖ KÄRNTEN
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Österreich ist reich und schön, die Straßen sind sauber und sicher, die Bürger gebildet und produktiv. Selbst fade Politiker sind gut für den Standort. Ein Freibrief für Stillstand ist das aber nicht.

Jammern gehört in Österreich fast schon zum guten Ton: Der Sommer war ja auch wirklich zu kalt, der Oktober zu warm, die Steuern sind zu hoch, die Nachbarn zu laut und der Wirtschaftsstandort ist endgültig abgesandelt. Da hilft es wenig, wenn sich Regierungspolitiker mühen, das Land in leuchtend bunten Farben zu zeichnen. Wen beruhigt es, wenn der Wirtschaftsminister verspricht, Österreich werde in Zukunft „aufsandeln“?

Dabei wäre es so einfach, in diesem Land glücklich zu sein. Objektiv betrachtet geht es uns nämlich verdammt gut. Die Österreicher haben die größte Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs nahezu unbeschadet überstanden. Das Land ist reich, der Wohlstand wird so stark umverteilt wie in wenigen anderen Nationen dieser Welt. Entsprechend sicher können sich selbst die Reichsten fühlen, sollten sie einmal fernab von Hietzing und Kitzbühel durch die Nacht streifen.

Auch um die viel gescholtene Wettbewerbsfähigkeit des Landes ist es gar nicht so schlecht bestellt. Zu diesem Urteil kommt zumindest die EU-Kommission in ihrem jüngsten Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Darin zählt die Kommission Österreich gemeinsam mit Deutschland, Dänemark, Schweden und Luxemburg zur Spitzengruppe der fünf „konstanten Leistungsträger“ in der EU. Zwei Drittel aller heimischen Unternehmen seien innovativ. Auch die Sorge vieler Industriebetriebe um gut qualifizierten Nachwuchs kann die EU nicht wirklich nachvollziehen. Immerhin absolvierten vor zwei Jahren 16,1 Prozent der heimischen Studenten ein naturwissenschaftliches oder technisches Fach – erstmals mehr als im EU-Schnitt.


Teuer, aber es funktioniert.
Und selbst jene Experten, in deren Standort-Rankings Österreich zuletzt viel Boden verloren hat, haben im Grunde viel Lob für das Land übrig. So findet etwa das Davoser Weltwirtschaftsforum in seinem Global Competitiveness Report (Rang 16) nur in drei Ländern bessere Stromversorgung und nur in fünf bessere Straßen als in Österreich. Auch exzellente Zulieferer müssen Investoren nicht lange suchen. Und die Bürokratie mag aufgeblasen und unflexibel sein, aber immerhin: sie funktioniert.

Das Schweizer IMD-Institut, in dessen Wettbewerbsranking Österreich von 2007 bis 2012 zwölf Plätze auf Rang23 verloren hat, sieht auch viel Positives: Besonders gelobt werden das Gesundheitssystem und die Qualität der heimischen Unternehmen. Nur in drei Ländern gebe es motiviertere Mitarbeiter, nur ein einziger Staat, Schweden, sei lebenswerter. Streiks, wie sie die Metaller eben angekündigt haben, kommen so selten vor, dass sie beinahe als Kuriosität bewundert werden. Und auch mit dem Wahlausgang dürften die für das Ranking befragten Manager in Österreich recht zufrieden sein. Für sie ist die „Vorhersagbarkeit der Politik“ einer der drei wichtigsten Vorteile des Standorts Österreich.

Ein Freibrief für Stillstand ist das allerdings nicht. Denn Österreich lebt von den Früchten der Vergangenheit. In den vergangenen Jahren ging es hingegen bergab: Die Arbeitslosigkeit stieg stark an, ebenso die Staatsverschuldung (seit 2008 immerhin um 54 Mrd. Euro). Zum Teil ist das der globalen Wirtschaftsflaute geschuldet. Doch viele Probleme sind auch hausgemacht. Firmen haben das längst erkannt, wie man am stillen Exodus aus Österreich erkennt. Zwar verlässt kaum ein Betrieb das Land mit großem Getöse, wirklich große Investitionen finden heutzutage aber in Asien oder den USA statt – und nicht mehr in Österreich.


Jammern für das Karma.
So schön das Land und so motiviert die Menschen auch sein mögen, hier Waren herzustellen wird immer teurer. Seit 2008 stiegen die heimischen Lohnstückkosten um 15Prozent an, doppelt so schnell wie im Schnitt der übrigen Euroländer. An hohen Nettolöhnen liegt das nicht. So streiken auch die Metaller letztlich vor allem für den heimischen Fiskus. An jeder Lohnerhöhung verdient großteils der Staat. Von jedem Euro echter Arbeitskosten (Bruttolohn plus Arbeitgeberabgaben), den ein Unternehmer für seine Mitarbeiter zahlt, landen weniger als 50 Cent auf den Konten der Angestellten.

Aber halt! All das ist hinlänglich bekannt – und das Gesudere hat bisher denkbar wenig gebracht. Ist es also an der Zeit, damit endlich aufzuhören? Wohl kaum. Jammern wir ruhig weiter – gern auch lauter. Im schlimmsten Fall ändert das nichts, und es dient nur der persönlichen Psychohygiene, wenn man nicht alles teilnahmslos hinnimmt. Im besten Fall bewahrt es das Land vor falscher Selbstzufriedenheit und hält es fit. Damit wir auch in 20 Jahren so entspannt jammern können wie heute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)