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Nationalfeiertag: Im Land der heiteren Mieselsucht

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Wie konnte Österreich trotz Dauergesudere zum zwölftreichsten Land der Welt aufsteigen? An der Weisheit seiner Politiker kann es schon länger nicht liegen.

Österreich beschäftigt sich gern mit sich selbst; wer sollte es auch sonst tun? Die Republik richtet den Blick seit ihrer Geburt zwanghaft nach innen. Anfangs, um sich zu vergewissern, ob ihre Restexistenz nach dem Zerfall des Habsburgerreichs überhaupt berechtigt ist. Nach 1945, um sich von Deutschland abzugrenzen. Und heute? Weil es zur Gewohnheit geworden ist im Lauf der Zeit und mithin zum Bedürfnis – die Nabelschau als Traditionspflege. Dann wäre da noch ein anderes stinknormales Motiv, das Österreich mit 192 Staaten teilt: Es ist einfach sinnvoll, sich regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Ein Datum wie der Nationalfeiertag bietet sich dafür an, allerdings nicht exklusiv: In Österreichs Selbstbespiegelungskabinett gilt kein Ladenschlussgesetz; es ist das ganze Jahr über geöffnet.

Eine besondere Note verleiht der österreichischen Art, sich selbst zu ergründen, der permanente Jammerton. Anders als nörgelnd und rauzend ist es für Österreicher nahezu unmöglich, der Realität ins Auge zu blicken. Lob will niemand verteilen, Lob ist langweilig, lästern viel lustiger.

Die mieselsüchtige Übertreibung ist seit jeher fixer Bestandteil jeglicher Auseinandersetzung mit Österreich. 1919 zitierte Robert Musil in seinem Kurzessay „Buridans Österreicher“ voll spöttischer Lust den Vorstand eines Kulturinstituts: „Österreich hat die größte Zukunft, weil es in der Vergangenheit noch so wenig zu leisten vermocht hat.“ 1956 merkte Hans Weigel an, unter „echt österreichisch“ verstehe der Österreicher „verspätete Züge, unzuständige Beamte und reformbedürftige Zustände, die ja doch nie reformiert werden“.

In dieser Tonart geht es bis in die Gegenwart weiter. Und da darf man sich schon auch wundern, dass Österreich nicht längst in den Abgrund marschiert ist, sondern an die Spitze der internationalen Wohlstandsstatistiken. Das ewig krankgejammerte Österreich ist heute das zwölftreichste Land der Welt. Kein anderes Mitglied der EU, mit Ausnahme Deutschlands, ist so wohlbehalten durch die tiefste Wirtschaftskrise seit 1945 gekommen. Nachbarn beneiden diesen Staat um dessen niedrige (wenngleich geschönte) Arbeitslosenrate, die hohe Lebensqualität, das gut organisierte Gemeinwesen um die gewitzten Unternehmer und begabten Künstler, um die medizinische Versorgung und vor allem um den sozialen Frieden (um den Schuldenstand schon weniger).


Theatermenschen. Und doch ziehen vom Neusiedler- bis zum Bodensee Schwaden der Unzufriedenheit, die sich im Rhythmus der Wahlen über die Volksvertreter entladen. Österreicher sind, was ihr öffentliches Engagement anlangt, Theatermenschen – passiv, auf Unterhaltung bedacht und sehr kritisch. Die Darbietung auf der politischen Bühne behagt ihnen derzeit gar nicht. Sie wollen überzeugendere Staatsschauspieler, keine mediokren Statisten. Selbst jedoch will kaum einer Verantwortung übernehmen. Das Land ist gut, aber es hat ein Elitenproblem, das die Aussicht langfristig trübt.

Hans Weigels Diagnose der Reformparalyse hat auch 2013 Geltung, wenn man an Zukunftsfragen wie Bildung (Lehrerdienstrecht!) und die Sicherung der Sozialsysteme (durchschnittliches Pensionsantrittsalter: 58 Jahre) denkt. Niederschmetternd auch, wie klein sich der außenpolitische Fußabdruck des zwölftreichsten Landes der Welt ausnimmt, das sich als „Brückenbauer“ verkaufen will. Von Vermittlungsbemühungen ist bei aller Neutralitätsfolklore nichts zu bemerken. Doch Österreichs Politiker halten sich wenigstens an den hippokratischen Eid. Ihre Untätigkeit verhindert, dass sie alles noch schlimmer machen.

Österreich funktioniert. Dank seiner fleißigen, begabten und nörgelnden Bürger. Auch die maulende Begleitbeschallung mag Anteil am Erfolg des Landes haben. Ohne Kritik kein Fortschritt. Vielleicht liegt im Dauergrant der Österreicher auch so etwas wie eine aufklärerische Kraft. Aber das ist jetzt wahrscheinlich auch übertrieben.



christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)