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Wie die Volksgruppen sich Anerkennung erkämpften

ZWEISPRACHIGE ORTSTAFELN-AUFSTELLUNG (K)
ZWEISPRACHIGE ORTSTAFELN-AUFSTELLUNG (K)APA
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Österreich war nie ein ethnisch einheitlicher Staat. Deshalb wurden Minderheiten als Gefahr betrachtet – heute gilt kulturelle Vielfalt als Bereicherung.

In Kärnten ist rund um die slowenische Volksgruppe so etwas wie Normalität eingekehrt: Zweisprachige Ortstafeln sind aufgestellt und werden von niemandem mehr ausgerissen, die jährlichen Feiern zur Volksabstimmung laufen unaufgeregt ab und es ist schon selbstverständlich, dass Vertreter der Minderheit dort das Wort ergreifen. Und im Landtag wird darüber diskutiert, ob Slowenisch offiziell zur zweiten Landessprache erklärt werden soll.

Am deutlichsten ist der Wandel in den Schulen: Die Anmeldungen zum zweisprachigen Unterricht steigen seit Jahren kontinuierlich an. Die Eltern sehen die slowenische Sprache nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance für ihre Kinder. Es ist wohl das Ergebnis einen Generationenwechsels: Die slowenische Volksgruppe wird nicht mehr als feindlich empfunden, sondern als Teil Österreichs.

Die Idee des ethnisch einheitlichen Nationalstaates hat die Geschichte der Minderheiten geprägt. Im 19. Jahrhundert gab es im heutigen Österreich etliche sprachliche Minderheiten: Tschechen in Niederösterreich beispielsweise oder Italiener in Vorarlberg. Sie sind verschwunden, weil im Gegensatz zu den Kärntner Slowenen keine politische Bewegung dahinterstand, die Sprache und Nationalität propagierte. Bei den Slowenen war es der politische Katholizismus, der gegen den deutschen Liberalismus ankämpfte. Nach 1918, als Österreich als deutscher Nationalstaat gegründet wurde, fanden sich die Slowenen als Feindbild wieder – wobei natürlich auch die blutige Auseinandersetzung um die staatliche Zugehörigkeit Südkärntens eine Rolle spielte.

Ganz anders die Entwicklung im Burgenland, das in der Monarchie zur ungarischen Reichshälfte gehörte: Die Politik war dort nicht bis in die lokale Ebene vorgedrungen, die ethnische Zugehörigkeit spielte damit politisch keinerlei Rolle, als das Burgenland 1919 zu Österreich kam. Und auch in den Folgejahren kam es zu keiner nationalen Konfrontation rund um die kroatischen und ungarischen Sprachinseln.

Staatlich anerkannt sind in Österreich weitere drei Volksgruppen: Roma und Sinti, Slowaken und Tschechen. Letztere ist ein Sonderfall: Sie umfasst jenen Teil der zahlreichen Tschechen, der in der Monarchie in die Bundeshauptstadt Wien zugewandert ist, der sich nicht assimiliert hat.

Was alle Volksgruppen eint: Sie sind im vergangenen Jahrhundert deutlich geschrumpft. Am Beispiel der Kärntner Slowenen: Hatten 1910 noch 66.000 Slowenisch als Umgangssprache angegeben, so waren es bei der letzten Volkszählung 2001 nur noch 17.000. Vertreter der Volksgruppe sprechen von bis zu 50.000 Slowenen. Viele hätten Hemmungen, bei den Volkszählungen die Umgangssprache korrekt anzugeben. Bei den burgenländischen Kroaten spielten übrigens nicht deutschnationale Parteien, sondern die Sozialdemokraten lange Zeit eine wesentliche Rolle bei der Assimilierung: Sie propagierten die deutsche Sprache als Mittel zum sozialen Aufstieg.

Das hat sich heute geändert, die Beibehaltung von Identität und sprachlicher Vielfalt gilt allgemein als Bereicherung. Für die Volksgruppen wird das Überleben trotzdem nicht einfacher: Viele gut ausgebildete Junge ziehen in die Städte, in Mischehen setzt sich meist die deutsche Sprache durch (die natürlich, im Gegensatz zu früher, alle beherrschen). Die Basis bröckelt.

Dafür sind zumindest die burgenländischen Kroaten an der Spitze des Staates angekommen: Norbert Darabos und Nikolaus Berlakovich wurden Minister, Terezija Stoisits Volksanwältin. Die Kärntner Slowenen können noch kein Regierungsmitglied vorweisen, aber zumindest Parteichefs von zwei Kleinparteien: Mirko Messner ist Chef der KPÖ, Angelika Mlinar vom Liberalen Forum ist gerade mit den Neos ins Parlament eingezogen.

Anerkannte Volksgruppen

Kärntner Slowenen. 17.953 gaben 2001 bei der Volkszählung Slowenisch als Umgangssprache an.

Burgenländische Kroaten (19.374)

Burgenländische Ungarn (4700)

Roma und Sinti (4348)

Tschechen (11.035)

Slowaken (3343)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)