Der erfolgreiche schwedische Romancier Steve Sem-Sandberg referierte über die spezifischen Schwierigkeiten beim Verfassen dokumentarischer Romane.
Ein Themenschwerpunkt bei den diesjährigen Europäischen Literaturtagen in Spitz an der Donau war der dokumentarische Roman. Der in Wien lebende schwedische Autor Steve Sem-Sandberg, der mit dem Roman „Die Elenden von Łódź“ ein exemplarisches Buch dieser Gattung geschrieben hat, ist mit dieser Zuschreibung jedoch nicht glücklich. Allzu verschiedene Bücher werden unter diesem Label ins Regal gestellt: von Flauberts „Madame Bovary“ bis zu Dan Browns reißerischem Thriller „Illuminati“. Leider hat der Autor keinen Einfluss darauf, wo seine Bücher in den Buchhandlungen landen, meist nicht einmal auf die Klappentexte, bedauert Sem-Sandberg. „Der Leser, an den ich denke, ist der von guter Literatur, ohne weitere Kategorisierung.“
Thema in Spitz waren aber nicht die Schwierigkeiten bei der Zuordnung zu einem Genre, sondern die Probleme des Genres an sich. In gewisser Weise sind nämlich alle Romane historisch, insoweit sie sich mit etwas Dargelegtem innerhalb eines bestimmten Zeitraums beschäftigen. Die Abgrenzung zu übrigen Romanen muss also darin bestehen, Ereignisse in literarischer Form zu behandeln, die historisch dokumentiert sind.
Sem-Sandberg ist der Ansicht, dass es nicht Aufgabe des Romans sein kann, eine Wirklichkeit zu illustrieren, sondern das Verständnis für die Komplexität und die Zusammensetzungen menschlicher Handlungen herzustellen, egal, in welcher Epoche. Das betrifft eine historische Figur wie Chaim Rumkowski, der Judenältester des Ghettos in Łódź war und Hauptperson des viel beachteten Romans „Die Elenden von Łódź“ ist.
Moralisches Dilemma einer Position
Von Rumkowski gibt es Aufzeichnungen, die das moralische Dilemma seiner Position wiedergeben. Danach war es zweifellos seine Absicht, so viele Juden wie möglich vor der Vernichtung zu retten. Auf der anderen Seite hat er in dieser Enklave autokratisch regiert und bestimmt, wen er ausliefert und wen nicht. Er war fest davon überzeugt, dass nur er Schlimmeres verhindern kann. „Ob das auf realistischer Selbsteinschätzung oder auf Hybris beruht, ist schwer zu sagen“, meint Sem-Sandberg. Die historischen Dokumente, die seiner Darstellung Rumkowskis zugrunde liegen, lassen das offen.
Genau diese Offenheit wünscht sich Sem-Sandberg auch vom dokumentarischen Roman. Die trivialeren Erzeugnisse der Gattung gaukeln ein Bild von Geschichte vor, die es so nie gegeben hat. Sie erzeugen eine falsche Wirklichkeit und eignen sich besonders gut als Filmvorlagen. Die anspruchsvolleren Werke hingegen bauen auf Wirklichkeitseffekte. Das heißt, die realen Details sind nur ein Sprungbrett, um eine existenzielle und im Grunde zeitlose Problematik aufzugreifen und literarisch zu gestalten.
Für Sem-Sandberg ist der dokumentarische Roman deshalb auch keine Gattung, sondern eine Methode, um das Geschehen vergleichbar zu machen, um zu zeigen, „dass ich das sein könnte, der Nachbar oder eben jeder Leser“. Er grenzt sich scharf ab von jenen historischen Romanen, die Geschichte als abgeschlossenes und Sinn in sich bergendes Geschehen behandeln. Gerade der Fall von Rumkowski macht für ihn klar, dass es kein abschließendes Urteil geben kann, weder Versöhnung noch Heilung, sondern nur Widersprüche. Diese zu thematisieren, ist seine Angelegenheit. Erst dann kann sich so etwas wie „höhere Wahrheit“ einstellen. Sibylle Lewitscharoff hat in ihrem Roman „Blumenberg“ ein Kapitel eingebaut, in dem sie sich als Erzählerin zu Wort meldet und über die Grenzen des Einfühlungsvermögens eines Autors nachdenkt.
Grenzen des Einfühlungsvermögens
„Diese Grenzen gibt es“, so Sam-Sandberg, „aber sie sind kein Grund dafür, dass man nicht versuchen sollte, sich ihnen zu nähern. Die gesamte Motivation des Schreibens besteht ja darin, sich dem zu nähern, was nicht zu beschreiben ist. Wenn man sich ausschließlich an das hält, was beschreibbar ist, warum sollte man einen Roman schreiben?“
Nun boomt der historische Roman seit Jahren fast ebenso wie der Krimi. Wie kommt das? Der 1958 in Oslo geborene polyglotte Autor sieht einen Grund dafür, dass wir nicht mehr ein Leben lang an einem Ort verharren und das Weltgeschehen im Blick haben. Deshalb erleben wir die Gegenwart als zusammenhang- und begrifflos, und viele Leser von historischen Romanen beziehen sich auf Vergangenes, um die aktuelle Entwicklung verstehen und nachvollziehen zu können.
Hierzulande ist zum Beispiel die multinationale Habsburgermonarchie ein gutes Modell, um gegenwärtige Entwicklungen aufzeigen zu können. Im Gegensatz zum klischeehaften Bild vom vergangenheitsverliebten Wien hat Sem-Sandbergs die Erfahrung gemacht, dass die Stadt eine Modernität besitzt, die sich dahinter versteckt.
Steve Sem-Sandberg wurde 1958 in Oslo geboren und wuchs in Schweden auf. In den 1970er-Jahren arbeitete er als Kulturredakteur der Tageszeitung „Svenska Dagbladet“. Für Recherchen zu einem Roman über Milena Jesenská, einer Freundin Franz Kafkas, reiste er nach Prag und hielt sich einige Zeit dort auf. Zwei Schwestern Kafkas waren in das Ghetto von Łódź deportiert worden. Das animierte Sem-Sandberg, sich mit dem dortigen Judenältesten, Mordechai Chaim Rumkowski, zu beschäftigen. 2009 erschien sein Roman „De fattiga I Łódź“, auf Deutsch „Die Elenden von Łódź“ (2011), der inzwischen in 27 Sprachen übersetzt und mit dem bedeutendsten schwedischen Literaturpreis, dem „Augustpriset“, ausgezeichnet wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2013)