Fit & proper: „Ich habe mich sehr intensiv vorbereitet“

Fit & proper, Finanzmarktaufsicht
Fit & proper, Finanzmarktaufsicht(c) Michaela Bruckberger
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Die Fit-&-proper-Tests der FMA sind gefürchtet. Ein bis zwei Stunden lang wird das rechtliche Wissen der Kandidaten überprüft. Ein zu einseitiges Vorgehen, meinen Kritiker.

Wien. „Ich habe mich genauso gefühlt wie damals als Student an der WU, wenn ich mich auf den Weg zu einer großen Prüfung gemacht habe. Magenkribbeln inklusive“, sagt Friedrich Rödler. Der 63-Jährige spricht von seinem Fit-&-proper-Test, den er bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) im Frühjahr 2012 zu absolvieren hatte.

Das deshalb, weil Rödler von der Erste Group zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt worden ist. Nach dem österreichischen Bankwesengesetz (BWG) müssen die Mitglieder der Geschäftsleitung sowie Aufsichtsratsvorsitzende einerseits persönliche Anforderungen erfüllen, andererseits fachliche Eignung mitbringen, um diese Funktionen ausüben zu dürfen. Beides hat die FMA zu überprüfen.

Prüfung nicht zu unterschätzen

Im konkreten Fall bei dem renommierten Wirtschaftsprüfer Rödler, der zum Zeitpunkt des Hearings auch noch der Big-Four-Kanzlei PwC Österreich vorstand. Eineinhalb Stunden lang überzeugte sich eine Mitarbeiterin der Behörde in Anwesenheit einer Protokollführerin von seinem Fachwissen. 90 Minuten, die nicht zu unterschätzen sind. „Ich habe mich sehr intensiv auf die Prüfung vorbereitet. Der Stoff ist sehr umfassend, und mir war klar, dass es sich bei dem Gespräch nicht um eine oberflächliche Plauderei handeln wird.“ Dass er die Sache trotz seiner jahrelangen Erfahrung als Wirtschaftsprüfer so ernst genommen hat, sei nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig gewesen: „Ich verstehe, dass die FMA sich bei einem Aufsichtsratsvorsitzenden einer Großbank genauer der fachlichen Kompetenzen vergewissern will als bei dem Leiter einer kleinen Sparkassa im Waldviertel. Jedenfalls hätte meine berufliche Praxis allein nicht ausgereicht, die Prüfung zu bestehen.“ Auch Andreas Bene, seit 1.Jänner 2013 Vorstand der Raiffeisen Factor Bank, kennt den Nervenkitzel vor dem FMA-Hearing. „Schließlich geht es ja um sehr viel, nämlich die Berufsberechtigung.“ Bene leitete zuvor sieben Jahre lang den Credit-Risk-Control-Bereich der RBI und hatte schon deshalb „zu den meisten relevanten Themen ein Naheverhältnis“. Im Wesentlichen sei es also bei ihm um die Festigung der Prüfungsinhalte gegangen.

Dafür nahm sich der Harvard-Absolvent über Monate hindurch neben der Arbeit Zeit. „Ich bin mit dem Gefühl hingegangen, wirklich alles zu können.“ Über die Prüfung selbst kann er nichts Negatives sagen. Sachlich und objektiv sei es zugegangen. Auch Rödler betont: „Sie war schwer, aber zu keinem Zeitpunkt unfair. Denn eines ist sicher, ob an der Uni oder bei einem Fit-&-proper-Test, der Prüfer kann es immer so anlegen, dass der Kandidat durchfällt.“ Wie viele in den letzten Jahren nicht bestanden haben, darüber gibt Klaus Grubelnik, der Sprecher der FMA, keine Auskunft. „Die Zahl erheben wir nicht, denn die Leute treten nach einiger Zeit – besser vorbereitet – wieder an.“

Wirtschaftsprüfungkanzleien und Seminaranbieter haben übrigens längst erkannt, dass man mit den gefürchteten Tests auch Geld verdienen kann. Kurse jeder Façon werden angeboten, um die Paukerei möglichst effizient und erfolgversprechend zu gestalten. Und jeder gibt wohl viel darum, sich die Blamage des Scheiterns zu ersparen. Das Geschäftsfeld hat auch aus einem anderen Grund Entwicklungspotenzial: Am 22.Mai2013 traten die Leitlinien der Europäischen Bankaufsicht in Kraft. Diese musste die FMA in ihre Aufsichtspraktiken integrieren. Sie veröffentlichte ein Rundschreiben zur Eignungsprüfung, das nun mit den Guidelines anzuwenden ist. Gesetzlich werden die Bestimmungen durch die Novelle des BWG mit 1.Jänner 2014 umgesetzt.

Die neuen Regeln sind strenger und erfassen einen größeren Personenkreis als bisher. Neu ist, dass nicht nur die Geschäftsleiter und der Aufsichtsratsvorsitzende, sondern auch „einfache“ Aufsichtsräte der 800 österreichischen Banken ihre Fitness unter Beweis stellen müssen. „Aber auch Inhaber von Schlüsselfunktionen, also der interne Revisor, der Leiter des Risikocontrollings, der Chief Risk Officer sowie der Compliancebeauftragte, müssen nun die erhöhten Anforderungen erfüllen“, sagt Dorotea Rebmann, Partnerin bei PwC. Die Eignung ist nicht nur bei Antritt der Position, sondern laufend nachzuweisen. Dafür hat das Kreditinstitut zu sorgen.

Wer will sich das noch antun?

Leo Chini, Vorstand des Forschungsinstituts für Freie Berufe an der WU Wien, ist über das Rundschreiben der FMA empört: „Die Behörde hat gesetzliche Grundlagen einfach negiert. Das Aktiengesetz und das BWG legen klar fest, dass Aufsichtsräte nicht die Aufgabe haben, das Unternehmen zu beaufsichtigen, sondern die strategische Ausrichtung sicherzustellen, Organe zu bestellen und Investitionsentscheidungen zu treffen. Dazu ist aber ein ganz anderes Wissen erforderlich, als die FMA abfragen will.“

Die rechtliche Kontrolle stellt die Aufsicht seiner Meinung nach deshalb bei den Prüfungen so sehr in den Vordergrund, „weil die FMA selbst vorwiegend nur über dieses Wissen verfügt. Es prüfen Mitarbeiter, die meist selbst noch nie in einem Kreditinstitut gearbeitet haben.“ Auch Rechtsanwalt Günther Hanslik findet den Zugang fragwürdig: „Die Stärke jedes Aufsichtsrats ist seine Vielfalt. Die Mitglieder sollten unterschiedliche Bereiche abdecken. Es kommt eben nicht nur auf das rechtliche Know-how, sondern etwa auch auf die Kenntnisse des Markts an. Darauf wird keinerlei Rücksicht genommen.“

Hanslik fürchtet, dass viele Aufsichtsräte mit wertvoller Erfahrung ihre Funktion nicht mehr ausüben wollen: „Viele werden sich das nicht mehr antun, noch einmal die Schulbank zu drücken.“ Peter Prebil, Chief Compliance Officer der RBI, hält den Eignungstest für ein notwendiges Instrument der Aufsicht, selbst wenn so mancher Betroffener damit keine Freude hat. „Ich erwarte mir allerdings, dass die Beurteilung durch kompetente und ausreichend erfahrene Mitarbeiter erfolgt, die mit dem nötigen Augenmaß und praktischem Verständnis agieren. Besteht dieses gemeinsame Verständnis zwischen Prüfer und Geprüften, steht einem fairen Miteinander nichts entgegen.“

Bei der FMA versteht man die ganze Aufregung nicht. „Bei der Prüfung wird individuell auf jeden Kandidaten und die Position, die er künftig auszufüllen hat, eingegangen. Die Fragen sind maßgeschneidert“, sagt Grubelnik. Und was die Zusammensetzung des Aufsichtsrats betrifft: „Die Proportionalität muss stimmen. Wenn nur Landwirte vertreten sind, werden wir anmerken, dass es sinnvoll ist, einen Wirtschaftsprüfer oder Anwalt in den Aufsichtsrat hineinzunehmen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2013)


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