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Österreich: Ein Markt ideal für innovative Experimente

Philipp Baumgaertel (l.) will am Pioneers möglichst vielen Menschen von dem orangefarbenen Server in seiner Hand erzählen.
Philipp Baumgaertel (l.) will am Pioneers möglichst vielen Menschen von dem orangefarbenen Server in seiner Hand erzählen.Die Presse
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Eine Gruppe junger Unternehmer will Wien und Österreich als das Land für Innovation und Start-ups in Europa etablieren. Das hat auch die Konkurrenz bemerkt.

Philipp Baeumgaertel versucht, die Menschen vor der Bühne zu beeindrucken. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Über die orangefarbene Box in seiner Hand. Über diesen Server, der die Funktion einer Cloud hat, die Daten dort allerdings nicht speichert. Baeumgaertel redet schnell, er wirkt nervös. Vor ihm sitzen fünf Juroren, die darüber entscheiden, ob er in die nächste Runde aufsteigen wird. Er hält die orangefarbene Box in die Höhe. „Und das Wichtige ist, der Server hat nur einen Knopf.“ Applaus im Publikum. Die Juroren nicken anerkennend. Bis einer die Hand hebt und fragt: „Entschuldigung, was ist diese Box in deiner Hand noch einmal?“

Philipp Baumgaertel kämpft auf der Pioneers Challenge gegen 49 Start-ups und um eine Reise zu Investoren auf der ganzen Welt. Es ist der Investors Day des Wiener Pioneers Festival. Die große Start-up-Konferenz hat heuer zum zweiten Mal von Mittwoch bis Donnerstag in der Wiener Hofburg stattgefunden. Und sich in ihrer kurzen Bestandszeit zu einer international renommierten Konferenz entwickelt – die Redner aus der ganzen Welt anzieht.

Exoskelette und Hobbyforscher.
Adam Cheyer, der die Sprachsteuerungssoftware von Apples Siri entwickelt hat, läuft hier mit einem Pappbecher Kaffee herum. Die Firma Ekso Bionics zeigt ihre Roboter-Exoskelette, die Rollstuhlfahrer wieder gehen lassen. Und der gebürtige Wiener Peter Platzer präsentiert sein Satellitenprojekt („Die Presse“ berichtete), in dem Hobbyforscher für 185 Euro pro Woche das kleine Teil im All mieten können.

2500 Menschen beherbergt die Hofburg in diesen Tagen: Junge Unternehmer stehen dann in Anzügen und Jeans zusammen, schieben sich durch die vollen Gänge, jeder spricht hier viel zu schnell in viel zu wenig Zeit über sich und seine Ideen. Visitenkarten werden ausgetauscht. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, eine fast schon naive Euphorie, auch wenn wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Teilnehmer mit ihrem Vorhaben scheitern werden. Und es sind bemerkbar wenig Frauen im Raum.

Die beiden, die das Pioneers Festival gegründet haben, sind Andreas Tschas und Jürgen Furian, 30 und 29Jahre alt. Die gebürtigen Kärntner haben das Pioneers aus Start Europe geschaffen, einer Plattform, auf der sich Start-ups vernetzen können. Dass das Fest so rasant gewachsen ist, hat wohl auch mit der Begeisterung zu tun, mit der Furian und Tschas ihr Projekt vorangetrieben haben. Wenn sie reden, ist Österreich „the next place to be“, dort, wo Innovation früher stattfindet als in Amerika. „Man muss den Start-up-Begriff heutzutage viel größer definieren“, sagt Furian. „Da geht es nicht nur um das typische Internet-Start-up, sondern um Innovation im Bereich Robotics, Medizin und Aerospace.“

In den vergangenen Jahren hätte die heimische Gründerszene einen enormen Schub erlebt. „Vor vier Jahren hat man in Österreich ja noch erklären müssen, was ein Start-up überhaupt ist“, sagt Furian. Das sei mittlerweile anders.

Kampf der Konferenzen.
Das sehen auch die Organisatoren der irischen Web Summit so. Diese zählt mit ihren 10.000 Teilnehmern zu den führenden Tech-Konferenzen in Europa. Und hat in diesem Jahr – wohl mit einem kritischen Auge auf die vergleichsweise kleine Konferenz in Österreich – ihr Datum ausgerechnet auf den Termin des Pioneers Festival gelegt. Immerhin geht es nicht nur um Ruf, Redner und Teilnehmer. Sondern um Kontakte und den Sponsorenkuchen, der schlussendlich überschaubar ist.

„Für die Community ist das natürlich schlecht. Es gibt ja viele, die beides besuchen wollten“, sagt Furian, der lieber nicht in den Konkurrenzkampf mit der großen Konferenz treten will. „Wir sind inhaltlich ja auch viel breiter aufgestellt.“ Doch es sind die Ambitionen der Pioneers, die zählen. Und diese sind hoch: Österreich als den Standort für Innovation zu positionieren, auch als Drehschreibe für Osteuropa, das ist ihre Vision. „Wien ist nun einmal das Tor zum Osten. Und von welchem Land aus kann man in drei Stunden vier andere Länder erreichen?“, sagt Furian.

Einer, der auch an diese Vision glaubt, ist Oliver Holle. Holle hat vor Jahren seine eigene Firma um einen Batzen Geld ins Silicon Valley verkauft und ist nun selbst Chef des zehn Millionen schweren Businessangel-Fonds Speed Invest. Am Investors Day sind er und vier Kollegen von früh bis spät auf den Beinen. In informellen Gesprächen lassen sie interessante Start-ups noch einmal antreten. „Wir sind auf der Suche nach echter Technologieinnovation, die in Silicon Valley eine Chance hat, und nicht nach der 27.Mobile-Marketing-Idee“, sagt Holle. Österreich als Innovationsland? Aber sicher. „Im Engineeringbereich sind unsere Leute besser“, sagt Holle. Da kann Österreich locker mit den USA mithalten.

Genauso sieht das auch Peter Stebe, dessen Kollege Ben nach Philipp Baumgaertel die Bühne betritt. Der gebürtige Kärntner hat vor wenigen Monaten „Next Society“ gegründet. Ein Networkingtool, das die zahlreichen (und mittlerweile unübersichtlich gewordenen) Social-Media-Kontakte etwa auf Facebook verwaltet. Stebe ist mit seinem Unternehmen bereits dort, wo viele hin wollen. In New York und in der ersten Runde ausfinanziert. Seine Entwickler sitzen aber alle in Wien, arbeiten und leben sogar alle in einem eigenen Haus (thestartuptales.com). „Entwickler sind hier einfach sehr gut und kosten ehrlicherweise auch die Hälfte jener in den USA“, sagt er. Auf dem Pioneers ist er, um noch tiefer in die Entwicklerszene vorzustoßen. Sein Produkt wird aber in Amerika gelauncht. „Dort ist der Markt“, sagt er.

Netzwerken über alles.
Glaubt man Curtis MacDonald vom deutschen High-Tech-Gründerfonds, dann ist aber genau der überschaubare österreichische Markt für viele interessant. „Viele Firmen nützen Österreich als ihren Betamarkt“, sagt MacDonald. Hier werden Produkte ausprobiert, bevor man sich etwa an die 82 Millionen Deutschen wagt. MacDonald ist eines der Jurymitglieder, die beim Start-up-Wettbewerb über das Weiterkommen von Stebes und Baumgaertels Firma entscheiden. Auch er ist auf der Suche nach Start-ups – allerdings mit Deutschland-Bezug –, in die seine Firma investieren kann.

Wie viele Businessdeals tatsächlich durch das Pioneers zustande kommen? Man wird es nie erfahren. Und vielen geht es auch gar nicht darum. Philipp Baumgaertel will den Start-up-Wettbewerb nicht unbedingt gewinnen, sondern sich Gehör verschaffen. Möglichst vielen Menschen von seiner Idee erzählen. „Wir suchen Menschen, die unsere Visionen teilen“, sagt er. Der Rest ergibt sich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2013)