Die kollektive Sehnsucht nach Oma

Früher hat die Oma für sie gebacken, heute ist es umgekehrt: Nora Kreimeyer (32) mit ihrer 91-jährigen Oma, Ruth Rinne, in ihrem kleinen Lokal Mamsell in Wien Gumpendorf.
Früher hat die Oma für sie gebacken, heute ist es umgekehrt: Nora Kreimeyer (32) mit ihrer 91-jährigen Oma, Ruth Rinne, in ihrem kleinen Lokal Mamsell in Wien Gumpendorf.Die Presse
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Junge Frauen entdecken im generellen "Zurück zur Natur"-Trend plötzlich Omas Rezepte und stehen auch dazu. Die Großmutter mit all ihren Eigenheiten und Lebensweisheiten ist wieder schick.

Es fällt schön langsam auf, speziell in der Stadt. Egal wo man hinsieht, taucht plötzlich die Oma auf. Da sitzen junge Frauen, die, statt sich über den neuesten Avantgardefilm oder eine Kunstausstellung zu unterhalten, einfach Kuchenrezepte austauschen. Wenn eine die anderen übertrumpfen will, spielt sie einfach ein Ass aus und sagt: „Das ist von meiner Oma.“ Andernorts eröffnen ebenso hippe, junge Frauen neue Lokale und kochen dort nicht nur nach Großmutters Rezept, sondern benennen das Ganze auch nach der guten, alten Frau. Zuletzt passiert im hübschen Erna B im vierten Wiener Bezirk. Der Beliebtheit des Lokals tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Die kollektive Sehnsucht nach der Großmutter, nach den „guten, alten Zeiten“ – die natürlich alles andere als gut waren – scheint omnipräsent. Sie ist, wenn man so will, die logische Konsequenz des Vintagetrends. Denn wenn wir schon die Möbel, Mode und Musik der Großmutter entdeckt haben, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Frau selbst verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Natürlich, die Oma war schon immer da: von der Literatur („Die Omama im Apfelbaum“) über das Fernsehen („Oma bitte kommen“) bis zur ganz privaten Erinnerung – wie die auf dieser Doppelseite abgedruckten Weisheiten der Großmütter aus der Redaktion zeigen. Ganz zu schweigen von ihrer Hilfe bei der Kinderbetreuung, die nach wie vor in erster Linie die Mütter entlastet.

Omas Weisheiten
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Aber irgendwie scheint die Großmutter gerade besonders Hochsaison zu haben. Sie bringt ein bisschen Entschleunigung, sie erdet und passt perfekt in den allgemeinen „Zurück zur Natur und hin zu mehr Einfachheit“-Trend.


Die Oma beruhigt. „Es ist etwas ganz Besonderes, Großeltern zu haben. Es beruhigt mich einfach. Gerade bei der Schnelllebigkeit in Wien tut dieses vertraute Gefühl gut. Ich brauche nur an sie zu denken, ihren Garten, oder wie ich mit Opa in der Werkstatt war, und ich werde ruhiger, wenn mich etwas aufregt“, sagt die gebürtige Burgenländerin Elisabeth Bader, die das Lokal Erna B betreibt, eine Mischung aus Café und Bar, in dem nach Omas Rezept Strudel, Kuchen oder auch die Kindbettsuppe – eine vitaminreiche Gemüsesuppe mit kleinen Semmelknödeln – gebacken und gekocht wird. Die 31-Jährige hat eine starke Bindung zu beiden Großmüttern. Das Lokal hat sie nach ihrer Oma väterlicherseits benannt. Ihre Großmutter mütterlicherseits, die „Fennes-Oma“, sitzt gerade bei Kaffee und Kuchen im Lokal. Bei ihr ist sie auch ein bisschen aufgewachsen. Während die Eltern Haus gebaut haben, hat sich die Fennes-Oma um Elisabeth und ihre Schwester gekümmert. Heute ist die Großmutter, die eigentlich Theresia Fennes heißt, zu Besuch aus dem Mittelburgeland angereist. „Wenn mich die Kinder brauchen, bin ich sofort da“, sagt sie. Frau Fennes ist eine Großmutter wie aus dem Bilderbuch, allerdings aus einem modernen: eine fesche Frau, der man ihre 75 Jahre nicht ansieht. Von weißen Locken oder gar einem Hauskittel keine Spur, stattdessen eine modische weiße Perlenkette, ein Pullover im Schwarz-Weiß-Muster, die dunklen Haare schön zurechtgemacht. Elegant rührt sie in ihrem Kaffee und meint: „Bei den eigenen Kindern hatten wir nicht so viel Zeit, das war die Nachkriegszeit, und wir waren alle mit Hausbauen beschäftigt. Die Kinder waren brav und haben pariert“, sagt sie. Bei den Enkeln hingegen – Fennes war 41, als das erste Enkelkind da war – war dann einfach mehr Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen und auch die Ruhe, alles nicht so streng zu nehmen. „Wenn die Mama mit mir geschimpft hat, hat der Opa immer gesagt: Komm her, lass sie reden, sie beruhigt sich schon wieder“, erzählt Elisabeth Bader.

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Bei den Großeltern war mehr erlaubt, vielleicht auch, weil bei ihnen die Erziehungsfrage wegfiel, meint sie. Die Fennes-Oma gibt ihr recht und sagt: „Bei meinen eigenen Kindern hätte ich geschimpft, da habe ich nicht die Nerven gehabt, aber bei den Enkeln war das nicht so wild. Dennoch gab es immer Regeln, an die sich die Kinder gehalten haben.“ Denn irgendwie waren die Großeltern ja immer schon Respektspersonen, ein bisschen mehr noch als die Eltern – vielleicht auch durch ihre ruhige, aber bestimmte Art.

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Harmonisches Paar. Das Duo Elisabeth und Fennes-Oma ist ein harmonisches Paar. „Ich bin jetzt zwölf Jahre in Wien, aber trotzdem ist das Burgenland immer meine Heimat“, sagt die Enkelin. Auf die Frage, was sie ihren Enkeln mitgeben wollte, antwortet ihre Großmutter: „Anständig sein, dann kommt der Rest von selbst. Fleißig sein, das ist das Wichtigste.“ Sie ist stolz auf ihre Enkel: „Sie hat studiert, den Magister gemacht, das muss man schon sagen, die andere ist Ärztin, einer Ingenieur und eine unterrichtet“, sagt Frau Fennes. Man merkt schnell: Die beiden tun sich gegenseitig gut – und stehen auch zueinander.

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Ähnlich geht es Nora Kreimeyer mit ihrer Großmutter. Die deutsche Köchin lebt seit drei Jahren in Wien, vor drei Monaten hat sie ein kleines Restaurant mit gerade einmal acht Sitzplätzen eröffnet: das Mamsell in der Gumpendorferstraße. Kreimeyer serviert dort ihre Speisen auf Omas Geschirr. „Meine Oma ist von einer 120-Quadratmeter-Wohnung in eine mit 50 Quadratmetern gezogen. Was sie nicht mehr gebraucht hat, verwende ich jetzt. Ich habe da einen anderen Zugang, ich finde die schönen Teller mit dem Goldrand sollten nicht nur im Schrank stehen, die muss man verwenden“, sagt Kreimeyer, die selbst auch Marmelade einkocht, Kuchen bäckt und in ihrer Freizeit Kräuter an der Alten Donau sammelt. „Ohne Oma und Mama würde ich das bestimmt nicht machen, wir hatten in Deutschland einen großen Garten, wo wir viel geerntet haben“, sagt die 32-Jährige. Während ihre Großmutter alles einkochte, was der Garten hergab, war ihre Mutter da schon ein bisschen wählerischer und machte nur noch das, was sie wollte und auch wirklich brauchen konnte. „Ich mache jetzt eine Mischung aus beiden“, sagt Kreimeyer. Ihre Oma, Ruth Rinne, ist mittlerweile ebenso wie ihre Eltern nach Niederösterreich gezogen. „Es hat mir schon gefallen in Dortmund, aber irgendwann hatte ich auch genug von der Stadt“, sagt die 91-jährige Frau, die erst seit ein paar Monaten in Langenlois in einer betreuten Wohneinheit lebt. Natürlich sei ihr der Familienzusammenhalt wichtig, sonst wäre sie ja nicht umgezogen, meint sie. Heute lässt sie sich eben von ihrer Tochter und ihrer Enkelin bekochen. „Das ist schon eine verkehrte Welt, wenn jetzt plötzlich ich Marmelade einkoche und meiner Oma gebe, früher war das umgekehrt“, sagt Kreimeyer. Aber: So kann sie der kleinen Frau, wie sie sie gern nennt, etwas zurückgeben. Ganz so verkehrt ist das also nicht.

Dass die beiden jungen Frauen, Bader und Kreimeyer, ihre Großmütter so schätzen, hat natürlich in erster Linie mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun. Irgendwie wird man aber das Gefühl nicht los, dass es da noch um ein bisschen mehr geht. Vielleicht liegt es daran, dass es heute wohl die letzte Generation der Klischee-Großmütter gibt, die noch kocht, bäckt und handarbeitet. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass dieses Rollenbild der Omas, die sich um die Enkel kümmern, allerdings erst seit rund 250 Jahren existiert. Allein die Begriffe Oma und Opa stammen erst aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Aber zurück zu den heutigen Großmüttern: Die jüngere Generation an Großmüttern, etwa jene um die 50, 60 Jahre, hat schon andere Prioritäten: reisen, das Leben genießen, machen, was einem Freude macht – und nicht, was ein altes Frauenbild vorschreibt.

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Und noch etwas hebt die Großmütter hervor, speziell für jene Menschen, die erst sehr spät mit dem Kinderkriegen begonnen haben: Die späten Eltern werden den Gedanken nicht los, dass sie – wenn sich ihre Kinder ebenso Zeit lassen – sehr spät, vielleicht zu spät oder gar nicht Großeltern werden. Hinzu kommt, dass speziell die Nachkriegsomas Charakterzüge haben, die wir heute ein bisschen vermissen, aber gut brauchen können: das Beste aus einer Situation, gar einem Leben, machen, nicht gleich aufgeben, stark sein und wissen, was man will. Denn selbst wenn manche dieser Omas immer nur zu Hause waren und sich in erster Linie um die Familie gekümmert haben: Das hielt sie nicht davon ab, auch einmal auf den Tisch zu hauen und zumindest in ihrem Revier – der Familie – den Ton anzugeben. Eine solche Oma hätte wohl nicht ihre Tochter gefragt, was das Enkerl essen darf.


Werte entstaubt. Der Gerontopsychologe Gerald Gatterer will zwar nicht von einer Wiederentdeckung der Großmütter sprechen, meint aber dennoch: „Gerade jetzt besinnt man sich auf traditionelle Werte.“ Das habe einerseits mit einer Gegenbewegung zur Emanzipation, zum modernen Frauenbild zu tun. Andererseits aber mit dem neuen Bild der Großmütter an sich. „Die Kittel tragende, weißhaarige Großmutter gibt es immer seltener. Stattdessen haben wir heute dynamische Großeltern“, sagt er. Und diese sind auch nicht immer verfügbar. Während früher speziell die Oma ohnehin immer daheim war und man die Enkelkinder schnell einmal vorbeibringen konnte, müsse man sich heute dafür Termine ausmachen. „Mit diesem Wandel wird das alte Bild auch ein bisschen idealisiert“, sagt Gatterer. Gleichzeitig wurden die Werte entstaubt. „Das Rollenbild der Großmutter hat sich verändert und ist deshalb eine Zeit lang in den Hintergrund gerückt. Jetzt wurden die Werte wieder neu besetzt.“ Sprich: Kuchen backen, Marmeladen einkochen und einen Schal zu stricken ist wieder in Ordnung und gesellschaftlich akzeptiert – speziell von jungen Frauen – eben weil diese nicht mehr nur darauf reduziert werden. Heute lässt es sich eben vereinbaren, berufstätig zu sein, selbstbestimmt zu leben und nach Omas Rezept zu kochen, weil es aus einer Freiwilligkeit heraus entsteht.

Das würde Elisabeth Bader wohl auch so sehen. Von ihr hat nie jemand verlangt, dass sie weiß, wie man einen Strudelteig macht oder einen Sterz zubereitet. „Ich wollte das selbst wissen, weil ich es bei der Oma gesehen habe“, sagt sie, um dann kurz in die kindliche Enkelrolle zu fallen: „Aber so gut kochen wie die Oma werde ich nie können.“ Die Fennes-Oma lächelt gerührt und sagt das, was eine Bilderbuchoma darauf sagen muss: „Wirst schon draufkommen, Kind.“ Vielleicht hat die Renaissance der Oma ja auch damit zu tun, dass wir heute nicht wirklich erwachsen werden wollen. Oder zumindest damit, dass sich die Grenze zwischen Jung und Alt heute einfach nicht mehr so leicht ziehen lässt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2013)

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