Nachrichten Meinung Magazin
New Articles

Novemberpogrome: ''Glühende Bosheit, grinsender Hohn''

Im November 1938 organisierte das NS-Regime Gewaltexzesse gegen Juden. Von der "Reichskristallnacht“ zum Holocaust war es nicht mehr weit.
30.12.2016 um 16:54
  • Drucken
Hauptbild • (c) imago stock&people (imago stock&people)
„Ich habe heute eine Rundfahrt durch Wien gemacht. Im Ganzen sah ich persönlich 9 Synagogen, die zum Teil noch brennend, zum anderen Teil gesprengt waren. Im Übrigen werden die Juden zusammengetrieben und wahrscheinlich zum Großteil der Polizei übergeben. (...) Im Allgemeinen ist sonst übliche Wiener Ruhe.“ Mit ein paar kurzen Zeilen berichtete das Reichskommissariat für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich am 10. November 1938 über eines der dunkelsten Kapitel der Zeitgeschichte. Die Nazis nannten die Gewaltexzesse euphemistisch Reichskristallnacht, Historiker prägten den Begriff Novemberpogrome.
„Ich habe heute eine Rundfahrt durch Wien gemacht. Im Ganzen sah ich persönlich 9 Synagogen, die zum Teil noch brennend, zum anderen Teil gesprengt waren. Im Übrigen werden die Juden zusammengetrieben und wahrscheinlich zum Großteil der Polizei übergeben. (...) Im Allgemeinen ist sonst übliche Wiener Ruhe.“ Mit ein paar kurzen Zeilen berichtete das Reichskommissariat für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich am 10. November 1938 über eines der dunkelsten Kapitel der Zeitgeschichte. Die Nazis nannten die Gewaltexzesse euphemistisch Reichskristallnacht, Historiker prägten den Begriff Novemberpogrome.
(c) EPA (-)
Schon seit der Machtübernahme von Adolf Hitler im Jänner 1933 gehören für Juden Demütigungen und Entrechtung zum Alltag. Einen willkommenen Anlass, die Gewalt weiter eskalieren zu lassen, liefert den Nationalsozialisten ein Attentat: Am 7. November 1938 schießt der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan (Bild) den deutschen Botschaftssekretär in Paris, Ernst vom Rath, nieder. Grynszpan reagiert mit der Tat auf die Nachricht, dass seine Eltern (wie rund 17.000 weitere Juden) zwecks Abschiebung an die deutsch-polnische Grenze deportiert wurden. Der Attentäter wird festgenommen, Rath stirbt zwei Tage später.
Schon seit der Machtübernahme von Adolf Hitler im Jänner 1933 gehören für Juden Demütigungen und Entrechtung zum Alltag. Einen willkommenen Anlass, die Gewalt weiter eskalieren zu lassen, liefert den Nationalsozialisten ein Attentat: Am 7. November 1938 schießt der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan (Bild) den deutschen Botschaftssekretär in Paris, Ernst vom Rath, nieder. Grynszpan reagiert mit der Tat auf die Nachricht, dass seine Eltern (wie rund 17.000 weitere Juden) zwecks Abschiebung an die deutsch-polnische Grenze deportiert wurden. Der Attentäter wird festgenommen, Rath stirbt zwei Tage später.
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Die Führung des NS-Regimes versammelt sich am 9. November im alten Rathaus in München, um den Jahrestag des gescheiterten Putsches Hitlers von 1923 zu begehen. In den Tagen zuvor gab es bereits vereinzelte Racheakte für das Attentat. Nun ordnet Hitler an, die Juden im ganzen Reich „einmal den Volkszorn verspüren“ zu lassen. Propagandaminister Joseph Goebbels gibt den Befehl an die Parteispitzen weiter. "Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone", schreibt er später in sein Tagebuch.
Die Führung des NS-Regimes versammelt sich am 9. November im alten Rathaus in München, um den Jahrestag des gescheiterten Putsches Hitlers von 1923 zu begehen. In den Tagen zuvor gab es bereits vereinzelte Racheakte für das Attentat. Nun ordnet Hitler an, die Juden im ganzen Reich „einmal den Volkszorn verspüren“ zu lassen. Propagandaminister Joseph Goebbels gibt den Befehl an die Parteispitzen weiter. "Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone", schreibt er später in sein Tagebuch.
(c) imago stock&people (imago stock&people)
„Goebbels gab hiezu um ca. 22 Uhr die Weisung, dass Aktionen grössten Stils mit vollkommen freier Hand für jedermann gegen Juden einzutreten haben, die mit einer entsprechenden Vernichtung des jüdischen Besitzes zu enden sollten“, notiert der Gauleiter der „Ostmark“, Odilo Globocnik. „Ich telephonierte an meine Dienststelle nach Wien, dass Aktionen demonstrativer Art stattzufinden hätten unter der Beifügung dass das Tragen von Uniformen während dieser Aktion strengstens verboten ist“. Die Männer von NSDAP und SS sollen zivil tragen, um die Übergriffe wie spontane Racheaktionen wegen des Attentats aussehen zu lassen.
„Goebbels gab hiezu um ca. 22 Uhr die Weisung, dass Aktionen grössten Stils mit vollkommen freier Hand für jedermann gegen Juden einzutreten haben, die mit einer entsprechenden Vernichtung des jüdischen Besitzes zu enden sollten“, notiert der Gauleiter der „Ostmark“, Odilo Globocnik. „Ich telephonierte an meine Dienststelle nach Wien, dass Aktionen demonstrativer Art stattzufinden hätten unter der Beifügung dass das Tragen von Uniformen während dieser Aktion strengstens verboten ist“. Die Männer von NSDAP und SS sollen zivil tragen, um die Übergriffe wie spontane Racheaktionen wegen des Attentats aussehen zu lassen.
(c) imago stock&people (imago stock&people)
Im ganzen "Dritten Reich" ziehen in dieser Nacht Nazi-Trupps durch Städte und Dörfer, zünden rund 1400 Synagogen an, verwüsten und zerstören unzählige jüdische Geschäfte und Wohnungen. Ungefähr 400 Juden werden getötet oder begehen Selbstmord, rund 30.000 werden in Konzentrationslager verschleppt.
Im ganzen "Dritten Reich" ziehen in dieser Nacht Nazi-Trupps durch Städte und Dörfer, zünden rund 1400 Synagogen an, verwüsten und zerstören unzählige jüdische Geschäfte und Wohnungen. Ungefähr 400 Juden werden getötet oder begehen Selbstmord, rund 30.000 werden in Konzentrationslager verschleppt.
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
In Wien gehen 42 Synagogen in Flammen auf. 30 Juden werden österreichweit getötet, tausende nach Dachau verschleppt.(Bild: Razzia der SS in der israelitischen Kultusgemeinde in der Wiener Seitenstettengasse im März 1938)
In Wien gehen 42 Synagogen in Flammen auf. 30 Juden werden österreichweit getötet, tausende nach Dachau verschleppt.(Bild: Razzia der SS in der israelitischen Kultusgemeinde in der Wiener Seitenstettengasse im März 1938)
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
An allen Tatorten bilden sich Mengen von Schaulustigen - teils begeistert, teils teilnahmslos. Aus Wien berichtet die 11. SS-Standarte, dass die Bevölkerung „größte Befriedigung“ gezeigt habe. Gauleiter Globocnik hingegen schreibt, dass die „Judenaktion“ von der Bevölkerung „eher ablehnend wie zustimmend bewertet“ worden sei.
An allen Tatorten bilden sich Mengen von Schaulustigen - teils begeistert, teils teilnahmslos. Aus Wien berichtet die 11. SS-Standarte, dass die Bevölkerung „größte Befriedigung“ gezeigt habe. Gauleiter Globocnik hingegen schreibt, dass die „Judenaktion“ von der Bevölkerung „eher ablehnend wie zustimmend bewertet“ worden sei.
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Der ehemalige Eigentümer und Chefredakteur der „Presse“ (damals „Neue Freie Presse“), Ernst Benedikt, wird am 10. November festgenommen und tagelang mit Nahrungsentzug und „Leibesübungen“ gequält. „Ich habe dem Satan mitten in seine Küche gesehen. Ich habe seine Helfer kennengelernt: Aug in Aug stand ich ihnen gegenüber – ihrer glühenden Bosheit, ihrem grinsenden Hohn, ihrer zähnefletschenden Mißhandlungslust“, schreibt er in seinen Erinnerungen an die Novemberpogrome.>>Manuskript von Ernst Benedikt auf der Website des DÖW
Der ehemalige Eigentümer und Chefredakteur der „Presse“ (damals „Neue Freie Presse“), Ernst Benedikt, wird am 10. November festgenommen und tagelang mit Nahrungsentzug und „Leibesübungen“ gequält. „Ich habe dem Satan mitten in seine Küche gesehen. Ich habe seine Helfer kennengelernt: Aug in Aug stand ich ihnen gegenüber – ihrer glühenden Bosheit, ihrem grinsenden Hohn, ihrer zähnefletschenden Mißhandlungslust“, schreibt er in seinen Erinnerungen an die Novemberpogrome.>>Manuskript von Ernst Benedikt auf der Website des DÖW
Die Presse Archiv
Feuerwehr und Polizei sind angewiesen, nicht in die Geschehnisse einzugreifen. Die Feuerwehrleute schützen lediglich an Synagogen angrenzende "deutsche" Gebäude.
Feuerwehr und Polizei sind angewiesen, nicht in die Geschehnisse einzugreifen. Die Feuerwehrleute schützen lediglich an Synagogen angrenzende "deutsche" Gebäude.
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Der für die „Reichswirtschaft“ zuständige Hermann Göring legt den Juden eine „Sühneabgabe“ für das Attentat von einer Milliarde Reichsmark auf. Auch für die öffentlichen Schäden der "Reichskristallnacht" muss die jüdische Bevölkerung aufkommen.
Der für die „Reichswirtschaft“ zuständige Hermann Göring legt den Juden eine „Sühneabgabe“ für das Attentat von einer Milliarde Reichsmark auf. Auch für die öffentlichen Schäden der "Reichskristallnacht" muss die jüdische Bevölkerung aufkommen.
16 „befehlswidrige Morde“ werden nach den Pogromen untersucht, zwei der Täter in Folge „verwarnt“. Zwei Männer, die Jüdinnen vergewaltigten, werden an die Justiz überstellt – allerdings nicht wegen der Vergewaltigungen, sondern wegen „Rassenschande“.
16 „befehlswidrige Morde“ werden nach den Pogromen untersucht, zwei der Täter in Folge „verwarnt“. Zwei Männer, die Jüdinnen vergewaltigten, werden an die Justiz überstellt – allerdings nicht wegen der Vergewaltigungen, sondern wegen „Rassenschande“.
(c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Von den Novemberpogromen zum Holocaust war es nicht mehr weit. Die Ereignisse um den 9. November 1938 hätten „die Judenverfolgung massiv beschleunigt“, sagt der Leiter des Zentrums für Holocauststudien in München, Frank Bajohr. „Von jetzt an war brachiale Gewalt an der Tagesordnung, um die Juden loszuwerden", so der Historiker Wolfgang Benz gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die physische Vernichtung sei 1938 zwar „noch nicht auf dem Programm" gestanden - „aber der Weg in Richtung Holocaust war eingeschlagen".(Von Maria Kronbichler)
Von den Novemberpogromen zum Holocaust war es nicht mehr weit. Die Ereignisse um den 9. November 1938 hätten „die Judenverfolgung massiv beschleunigt“, sagt der Leiter des Zentrums für Holocauststudien in München, Frank Bajohr. „Von jetzt an war brachiale Gewalt an der Tagesordnung, um die Juden loszuwerden", so der Historiker Wolfgang Benz gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die physische Vernichtung sei 1938 zwar „noch nicht auf dem Programm" gestanden - „aber der Weg in Richtung Holocaust war eingeschlagen".(Von Maria Kronbichler)
(c) imago stock&people (imago stock&people)

Zum „Das Wichtigste des Tages“ Newsletter anmelden

Die Presse

Der einzigartige Journalismus der Presse. Jeden Tag. Überall.

Abonnieren

  • Impressum
  • Alternative Streitbeilegung
  • AGB
  • Datenschutz
  • Cookie Policy
  • Cookie Einstellungen
  • Vermarktung
  • Hilfe, Kontakt & Service
  • Newsletter
Copyright 2023 Die Presse

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.