Schnellauswahl

Die Eurozone rutscht in Richtung Deflation

EZB, Zinsen, Inflation
EZB-Chef Draghi(c) EPA (CHRISTOPHE KARABA)
  • Drucken

Die Inflation ist deutlich unter die „Zielmarke“ der EZB gesunken, Ökonomen fürchten jetzt eine Deflation mit lang anhaltender Stagnation – wie seit 25 Jahren in Japan.

Wien. Die Angst vor einer durch die Geldschwemme der Notenbanken ausgelösten Hyperinflation war gestern, jetzt droht das Gegenteil: Die jüngsten EU-Inflationsdaten deuten darauf hin, dass die Eurozone in Richtung Deflation (breitflächiges Absinken des Preisniveaus) schlittert.

Davor haben Ökonomen zumindest ebenso viel Angst wie vor ungebremstem Preisauftrieb: Ein Absturz in die Deflation würde den beginnenden Wirtschaftsaufschwung abwürgen und möglicherweise eine sehr lange Phase wirtschaftlicher Stagnation einleiten. Japan, das nach dem Platzen seiner Immobilienblase Ende der Achtzigerjahre in eine deflationäre Phase schlitterte, hat sich davon bis heute nicht erholt und kämpft nun schon seit einem Vierteljahrhundert vergeblich gegen niedrige Wachstumsraten.

Konkret sieht die EU in ihrer Herbstprognose die Inflation in der Eurozone auf 1,5 Prozent sinken, wo sie auch 2014 verharren soll. Allerdings: Im Oktober sind die Verbraucherpreise in der Eurozone nur noch um 0,7 Prozent gestiegen. Das ist ein schönes Stück entfernt von der von der EZB angestrebten Preisstabilität, die die Zentralbank bei zwei Prozent Teuerung sieht.

Beobachter erwarten, dass die EZB auf diese Bedrohung schon demnächst mit einer weiteren Leitzinssenkung reagieren wird. Möglicherweise schon morgen, Donnerstag. Wahrscheinlicher aber bei der nächsten Sitzung im Dezember. Experten glauben jedoch nicht, dass das einen Erfolg bringt. Die EZB hat ihr Pulver ja fast schon verschossen, der Leitzinssatz liegt nur noch bei 0,5 Prozent.

Das ist übrigens einer der Gründe, wieso Ökonomen Deflation für gefährlicher halten als Inflation: Letztere kann man durch Zinserhöhungen in praktisch unbegrenzter Höhe bekämpfen. Das führt zwar zu Marktverwerfungen, bringt im Endeffekt aber die gewünschte Wirkung. Zinssenkungen, mit denen man Deflation stoppen könnte, sind nach unten dagegen begrenzt: Unter null geht nicht.

 

EZB-Strategie bisher gescheitert

Die jüngste Inflationsentwicklung deutet jedenfalls darauf hin, dass die EZB mit ihrer Inflationspolitik des lockeren Geldes gescheitert ist: Die Kreditvergabe ist trotz aller Maßnahmen weiterhin schwach, die in den Markt gepumpte Liquidität findet nicht den Weg in die produzierende Wirtschaft, sie bläst vielmehr die Immobilien- und Aktienmärkte enorm auf: Die Börsen eilen trotz der schwachen Wirtschaftslage von Rekordhoch zu Rekordhoch. Womit schon das nächste Problem am Horizont auftaucht: Eine – angesichts der Wirtschaftsdaten wohl unvermeidliche – Börsenkorrektur wird die Konjunktur zusätzlich belasten.

Ökonomen sehen in der bisher verabsäumten Bereinigung des Bankensektors einen der Hauptgründe für die deflationären Tendenzen. Was durchaus Parallelen zu Japan aufzeigt: Auch dort sind „Zombiebanken“ jahrzehntelang weitergeschleppt worden, eine wirkliche Bereinigung des Bankensektors ist durch eine Reihe von staatlichen Bankenrettungspaketen verhindert worden, faule Kredite mussten nicht in vollem Ausmaß abgeschrieben werden. Das hat die Kreditvergabe – einen sehr wichtigen Faktor für den Aufschwung - gebremst. Genau wie jetzt in der Eurozone. (ju/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2013)