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Chailly: „Brahms weilt unter uns“

Chailly, Brahms
Riccardo Chailly(c) EPA (JAN�WOITAS)
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Mit seinem Gewandhausorchester Leipzig präsentiert Riccardo Chailly dieser Tage sämtliche großen Orchesterwerke des Komponisten im Wiener Musikverein.

Halbzeit beim Brahms-Zyklus im Musikverein. Diesen Mittwoch stehen die dritte Symphonie und das erste Klavierkonzert mit Pierre-Laurent Aimard, morgen das Violinkonzert mit Leonidas Kavakos und die vierte Symphonie auf dem Programm. Dann kehrt das Gewandhausorchester wieder nach Leipzig zurück, wo es diesen Brahms-Zyklus, mit dem es auch in Paris und London erfolgreich gastierte, begonnen hat.

Auch auf CD liegen die Symphonien nun vor. „Ich setze mehr auf Durchsichtigkeit. In den Tempi gibt es kaum Unterschiede. Wichtig war für mich das Buch des Dirigenten Fritz Steinbach, in dem er berichtet, wie Brahms diese Werke selbst in Meiningen aufgeführt hat. Einer der geheimen Schlüssel für die Interpretation ist die Flexibilität, diese ist aber immer der Form untergeordnet“, erklärt Gewandhauskapellmeister Chailly den Unterschied zu seiner früheren Symphonieneinspielung mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam. Damals stand er im Bann der großen romantischen Brahms-Tradition seiner Amsterdamer Amtsvorgänger Willem Mengelberg und Bernard Haitink.

 

Brahms braucht keine Exzentrizität

Chailly hat sich mit Brahms neu auseinandergesetzt, vor allem mit Felix Weingartner: „Er war ein sehr texttreuer Dirigent, ganz ohne Exzentrizität. Brahms braucht das nicht. Auch die Aufnahmen von Sir Adrian Boult, er war ein Schüler von Nikisch, den Brahms für seine Werke auch sehr geschätzt hat, sind ein Muss für jeden Dirigenten. Wenn man die Interpretationen von Weingartner und Boult durch die Linse von Nikisch vergleicht, erkennt man, dass es damals eine gemeinsame Sprache für Brahms gab.“

„Brahms ist ein Mann der Kontraste. Man sieht es an den Klavierkonzerten: Den langsamen Sätzen folgen jeweils ungarisch inspirierte Finalsätze. Was seine Leidenschaft für die Zigeunermusik anlangt, muss man wissen, dass er mit fünfzehn in Hamburger Kneipen am Klavier aufgespielt und mit Zigeunergeigern musiziert hat. Es bedarf viel Sorgfalt, um die Kontraste herauszuarbeiten. Man muss aber ebenso eine Balance zwischen den Extremen finden“, zeigte sich der italienische Maestro, der seinen Leipziger Vertrag bis 2020 verlängert hat, überzeugt.

Im Übrigen hält er es für Unsinn, die Erste Brahms als „Zehnte Beethoven“ zu sehen. „Beethoven war für Brahms heilig, aber seine erste Symphonie ist ein echtes neues Universum vom ersten Takt an, eine Hoffnung für ein neues Kapitel der Musikgeschichte. Beethoven war für Brahms eine Obsession, aber er hat einen total eigenständigen Weg gefunden.“ Brahms im Wiener Musikverein aufzuführen, ist für Chailly etwas Besonderes: „Man denkt an Live-Erfahrung mit dem Komponisten, wenn man hier musiziert.“

 

Musikdirektor an der Mailänder Scala?

Für ihre nächste Wien-Residenz 2015 planen die Leipziger ein Programm mit den sechs Tondichtungen von Richard Strauss und drei Mozart-Konzerten. Ein Kontrastprogramm zum nächsten CD-Projekt, das den Symphonien und Symphonischen Dichtungen von Sergej Rachmaninow gilt. Das Gewandhausorchester hat nämlich nicht nur den ersten Beethoven- und Bruckner-Symphonien-Zyklus realisiert, sondern auch eine besondere Beziehung zur russischen Musik. In den 1970er-Jahren war es das erste westliche Orchester, das sämtliche Schostakowitsch-Symphonien musiziert hat, noch dazu in Gegenwart des Komponisten.

„Wir lassen die Gerüchte sprechen. Momentan ist es nur eine journalistische Spekulation. Wir sollen Herrn Pereira Zeit für seine Projekte lassen“, kommentiert der gebürtige Mailänder Meldungen, wonach er Musikdirektor des Teatro alla Scala werden könnte. Hier hat er als Assistent von Claudio Abbado seine Dirigentenkarriere begonnen und erste Brahms-Erfahrungen gesammelt. Abbado vertraute ihm bei seiner allerersten Probe die schwierige Vierte an! „Ich war 19, stand im dunklen Orchestergraben – und erlebte zum ersten Mal dieses Universum des Klangs von Brahms. Eine unglaubliche Atmosphäre.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2013)