Amanshausers Welt: 321 Österreich

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Kleine Geschichten über große Locations.

Am Ende wollte er ein Bild aus seinem Blut malen. Ein Schachspiel des Lebens, die Figuren Rotweingläser. Denn ihn, der nie in seinem Leben krank gewesen war, brachte das eigene Blut um – er wirkte eher verblüfft als verärgert, als er mir am letzten milden Sommertag im Salzburger Pflegerwirt seinen Niedergang beschrieb. Die Nebenwirkungen einer Studie, an der er teilnahm, hatten ihm den Geschmackssinn ruiniert. Er stocherte in seinem Lieblingsgericht, gebackenen Champignons mit Sauce tartare und wunderte sich über den scheußlichen Geschmack gespritzten Apfelsafts. „Ich bin nicht lebensmüde“, bilanzierte er, „aber lebenssatt.“

Er war ein Reiseprofi der alten Schule, immer mit einem Pack Dollarscheinen und möglichst ohne Kreditkarte unterwegs, jüngst noch auf dem Kilimandscharo oben. Und wenn ich irgendwo hinflog, war er garantiert schon dort gewesen – als Steward hatte er in einer Epoche der luxuriösen Passagierschiffe mehrfach die Erde umrundet.
In Zagreb geboren, aber gelernter Salzburger, beherrschte Vladimir Bedeniković keine Sprache fehlerlos. Das hinderte ihn nicht daran, in allen zu parlieren. Er erzählte unglaubliche Anekdoten, ob er jetzt Gulda auf Ibiza oder Ella Fitzgerald in der Getreidegasse getroffen, oder ob er als Kellner in einem Pariser Nobellokal Salvador Dalí jeden Sonntag bedient hatte.

Einen LSD-Trip im New York der Siebziger Jahre konnte er so schildern, dass auch ein Rauschgiftmuffel wie ich so richtig Lust auf Drogen bekam. Seine 15 Jahre „of fame“ genoss er als Vertreter der Naiven Malerei. Und in den Siebzigerjahren wurde er mit Kinderbüchern populär, vor allem dem wunderbar detailreichen Panorama „Vladimirs Weltreise“, das hohe Auflagen erreichte.

Er scheute sich nicht davor, Träume zu verwirklichen. In Cartagena, Kolumbien, hatte er sich einst einen Ara gekauft, dem er in seiner Kabine Sprachunterricht geben wollte. Der Schiffscapo ließ ihn mit dem Vogel nicht an Bord. Diese Niederlage wurmte ihn lebenslang. „Kannst du dich in den Wiener Tierhandlungen für mich umhören?“, fragte er, schwer gezeichnet, im Pflegerwirt. „Ich hätte so gerne einen solchen Ara – schau, ob du mir gelegentlich einen besorgen kannst!“ Ich sagte nicht zu, sagte nicht ab, war einfach nur verblüfft über seine Kraft, am Unrealistischen festzuhalten. Nächsten 1. Jänner wäre er siebzig geworden, doch am 29. Oktober um ein Uhr nachts starb Vladimir.

Ort

Salzburg. Treffen mit Vladimir Bedeniković im Gasthof Die Pflegerbrücke, Pflegerstraße 53, Salzburg, Österreich.