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Radioaktives Gift in Arafats Leiche

Jassir Arafat litt im Oktober unter
Jassir Arafat litt im Oktober unter "akuten Magen-Darm-Symptomen" und starb einen Monat später.(c) REUTERS/Palestinian Authority/Hussein Hussein/Handout
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Die Mordthese erhärtet sich. Schweizer Experten haben erstmals Spuren von Polonium-210 im Leichnam des Palästinenserpräsidenten entdeckt. Arafats Witwe spricht bereits vom „Verbrechen des Jahrhunderts“.

Jerusalem. Ein Team von Radiophysikern der Universität in Lausanne hält die Ermordung des früheren Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat nicht für ausgeschlossen. „Das Ergebnis“, so heißt es in dem Bericht „unterstützt mäßig“ (moderately) die Aussage, dass der Tod Konsequenz einer Vergiftung mit Polonium 210 war. Dabei müsse die zeitliche Verzögerung und die Tatsache, dass die Untersuchung mehr als acht Jahre nach dem Tod Arafats stattfand, berücksichtigt werden, sowie die Beschaffenheit der Untersuchungsobjekte. Die an persönlichen Gegenständen und Körperproben ausgeführten Tests ergaben „unerwartet große Mengen von Polonium 210“. Vor gut zwei Wochen hatte ein russisches Expertenteam jede Möglichkeit einer Vergiftung ausgeschlossen. Die Körperproben hätten keine Spuren des tödlichen Gifts aufgewiesen, hieß es in dem Bericht aus Moskau. Die Ergebnisse einer dritten Untersuchung, die derzeit in Frankreich vorgenommen wird, steht noch aus.

Israel hält die neuen Ergebnisse für "unseriös". Ein Sprecher des Außenministeriums wird mit den Worten zitiert, dass es sich bei den Funden von Polonium "eher um eine Seifenoper als um Wissenschaft" handle.

Der katarische Fernsehsender al Jazeera veröffentlichte den 108 Seiten umfassenden Bericht am Mittwoch im Internet. Eine im vergangenen Jahr ausgestrahlte Dokumentation des Senders hatte den Anlass für die Exhumierung von Arafats Leiche im vergangenen Februar geben. Der Film geht bereits auf Untersuchungsergebnisse des L'Institut de radiophysique an der Universität Lausanne ein. Die Schweizer Experten fanden seinerzeit an Arafats Zahnbürste, seiner Unterwäsche und weiteren Kleidungsstücken Polonium, mit dem 2006 auch der russischen Regimekritiker Alexander Litwinenko getötet worden war.

Arafats Witwe Soha hatte die Untersuchung vorangetrieben, dabei war sie es selbst, die unmittelbar nach dem Tod Arafats eine Autopsie ablehnte. Heute spricht sie vom „Verbrechen des Jahrhunderts“. Problematisch war, dass die zahlreichen Untersuchungen am damals noch lebenden Patienten Arafat zu keiner klaren Diagnose führten. Dennoch wollte die Hinterbliebene palästinensischen Pathologen die Leiche ihres Mannes nicht anvertrauen. Das Verhältnis zwischen der Familie Arafat und der palästinensischen Führung war sehr angespannt, was sich in Arafats letzten Lebenswochen noch verschärfte. Eine Delegation hoher palästinensischer Politiker, die nach Frankreich flog, wo Arafat zuletzt behandelt worden war, nannte Soha „eine Bande, die nach Paris kommen will, um Arafats Erbe zu erschleichen“.

Wer stand hinter dem möglichen Mord?

Trotz der jüngsten Ergebnissen aus der Schweiz und den sich verdichtenden Hinweisen, dass der legendäre PLO-Chef keines natürlichen Todes gestorben ist, bleibt unverändert die Frage nach dem Täter offen. Die palästinensische Führung hielt von Anfang an Israel für den „Mord“ verantwortlich. Die Al-Jazeera-Reporter gehen hingegen einer Reihe von Indizien nach, die den oder die Täter eher im Umfeld des früheren Palästinenserpräsidenten vermuten lassen.

Arafat begann am Abend des 12. Oktober 2004 unter „akuten Magen-Darm-Symptomen“ zu leiden, die einen Monat später zu seinem Tod führten. Die anfänglichen Beschwerden und die anschließende „schrittweise Verschlechterung des Gesamtzustands“ passe, so heißt es im Untersuchungsbericht, zusammen mit der „Aufnahme großer Mengen von Radioaktivität“.

Die Schweizer Radiophysiker gehen in ihrem Bericht detailliert auf die untersuchten Gegenstände und Körperproben ein, die einzeln anhand von Fotos dokumentiert werden. Mehrere Kapitel befassen sich zudem mit Erläuterungen zur Vorgehensweise sowie einer Liste von Argumenten für und wider die Mordthese durch Polonium 210. Die Tatsache, dass „nicht alle Symptome akuter Radioaktivität“, vorhanden gewesen seien, spreche gegen eine Vergiftung, heißt es. Dazu gehöre Haarausfall. Ferner blieben die „akuten Verdauungssymptome ungeklärt“.

>> Zum von al Jazeera veröffnetlichten Experten-Bericht

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2013)