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Zinsen in Europa gehen gegen null

(c) BilderBox (BilderBox.com)

Aus Angst vor der Deflation senkt die Zentralbank den Leitzins auf 0,25 Prozent - den tiefsten Stand seit Einführung des Euro. EZB-Chef Draghi kündigt weitere Schritte an, falls sie notwendig sind.

Wien. Auf das unerwartete Sinken der Inflation im Oktober reagierte die Europäische Zentralbank (EZB) nun mit einem überraschenden Schritt: Sie senkte den Leitzins am Donnerstag von 0,5 auf 0,25Basispunkte. Damit befindet sich der Leitzins im Euroraum auf dem niedrigsten Stand seit der Einführung der Gemeinschaftswährung.

Experten haben eine Zinssenkung zwar erwartet – schließlich folgt die EZB damit nur ihrer Ankündigung, die Politik des billigen Geldes fortzusetzen. Dass es so schnell gehen würde, kam aber überraschend. Den Ausschlag dürfte die Angst vor einer Deflation gegeben haben, also vor sinkenden Preisen. Die EU-Kommission erwartet für heuer und nächstes Jahr 1,5 Prozent Teuerung in der Eurozone. Damit würde das Ziel der Preisstabilität (zwei Prozent) verfehlt. Im Oktober sank die Inflationsrate auf 0,7 Prozent, nachdem sie im September 1,1 Prozent betragen hatte. Das ist der niedrigste Wert seit Ende 2009. Laut EZB-Chef Mario Draghi ein überraschend starker Rückgang. Die Notenbank erwarte eine „längere Phase niedriger Inflation“, sagte Draghi im Anschluss an die monatliche EZB-Zinssitzung.

Käme es zu Deflation, würde das die gerade erst wieder anziehende Wirtschaft erneut dämpfen und könnte zu einer dauerhaften Wirtschaftsflaute führen. Bei sinkenden Preisen werden Kaufentscheidungen und Investitionen aufgeschoben, was sich negativ auf die Konjunktur auswirkt.

Axel Weber, Verwaltungsratsvorsitzender der Schweizer Bank UBS und früher Chef der Deutschen Bundesbank, hält die Auswirkungen der Senkung für überschaubar. „Die Zinssenkung wird keinen nachhaltigen Effekt haben“, sagte er zur „Presse“. Die Refinanzierung der Banken werde zwar erleichtert, doch die Auswirkungen auf die Realwirtschaft würden gering sein.

 

EZB: „Untergrenze noch nicht erreicht“

Viel Spielraum nach unten bleibt nach der jüngsten Zinssenkung nicht mehr. Trotzdem habe die Zentralbank laut Draghi ihr Pulver noch nicht verschossen. „Wir haben die Untergrenze noch nicht erreicht und könnten den Zins grundsätzlich weitersenken“, so der Italiener am Donnerstag. Die Zentralbank sei bereit, alle zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen. Dazu gehöre theoretisch auch eine Neuauflage der vor rund zwei Jahren eingesetzten langfristigen Kreditlinien für Banken: Damals wurde Geld ins Finanzsystem gepumpt, indem sich Banken dreijährige, sehr günstige Kredite bei der Notenbank in Frankfurt holen konnten.

Die Entscheidung über eine neue Geldspritze wollen die Notenbanker von den Wirtschaftsaussichten abhängig machen. Diese besserten sich zuletzt: Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone erhöhte sich im zweiten Quartal 2013 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Davor war sie sechs Quartale in Folge gesunken.

Die überraschende Ankündigung der Notenbank führte kurzfristig zu einem Kurssprung auf den europäischen Aktienmärkten. Der deutsche Leitindex DAX kletterte in den ersten Minuten um knapp 100 Punkte auf das Rekordhoch von 9162,08 Zählern. Auch die Wall Street startete mit Gewinnen in den Handel. Der Euro hingegen stürzte um über ein Prozent ab und notierte mit 1,3354 Dollar so niedrig wie zuletzt Mitte September. Vor der Zinssenkung lag er bei 1,35 Dollar.

Kreditnehmer dürfen sich wohl auf etwas niedrigere Zinsen freuen. „Aber das wird sich nur im Ausmaß von ein paar Basispunkten abspielen“, sagt Gottfried Steindl von der Raiffeisen Zentralbank. Die Zinsen für Sparer werden weiter sinken. Wobei es dabei ohnehin kaum mehr Luft nach unten gibt: Auf einem täglich fälligen Sparbuch bekommt man so gut wie keine Zinsen mehr.

Weitere Infos: www.diepresse.com

LEXIKON

Deflation (sinkende Preise) würgt die Konjunktur ab, weil Kaufentscheidungen und Investitionen aufgeschoben werden. Um diesem Szenario vorzubeugen, senkte die EZB den Leitzins auf ein historisches Tief: Er liegt nun bei 0,25Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2013)