"Cornelius Gurlitt hat eine dritte Wohnadresse"

Interview. Nach dem Kunstfund in München fragt sich die Welt: Wer ist Gurlitt? Und wo ist Gurlitt? Ein deutscher Kunsthändler, der mit ihm handelte, hat darauf immerhin einige Antworten. Darunter die, dass Gurlitt über einen weiteren Wohnsitz verfügt und wohl in eine Falle geraten ist.

Während zur Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt sukzessive zumindest einige Informationssplitter auftauchen (siehe oben), bleibt die Person selbst völlig im Dunkeln. Fachwelt und Laien grübeln über das Psychogramm des Mannes und versuchen zu rekonstruieren, wie er seine wenigen Kontaktaufnahmen zur Kunstwelt gestaltet hat, um durch sporadische Verkäufe seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Einer, der mehr weiß, ist Karl-Sax Feddersen, Justiziar des Kölner Kunstauktionshauses Lempertz. Über dieses hat Gurlitt Ende 2011, knapp vor der Razzia Anfang 2012, seinen letzten Verkauf (das Bild „Der Löwenbändiger“) getätigt.

Die Presse: Herr Feddersen, die Kunstszene hat von dieser Sammlung angeblich nichts gewusst. Sie aber müssten durch die Einbringung etwas geahnt haben.

Karl-Sax Feddersen: Natürlich habe ich versucht herauszukitzeln, ob noch mehr da ist. Noch dazu aufgrund eines so tollen Bildes prominenter Provenienz. Aber Gurlitt hat absolut nicht darauf reagiert und keine einzige Andeutung über mehr Besitz gemacht.


Und der Name Gurlitt hat Sie nicht hellhörig gemacht?

Ich habe Gurlitt sehr wohl auf seinen Vater Hildebrand angesprochen. Aber auch darauf gab es nur Zurückhaltung. Im Nachhinein ist es fast schon ironisch, dass wir so nah an diesem großen Kunstschatz waren.


Wie kam der Kontakt eigentlich zustande und wie haben Sie ihn gepflegt?

Im Sommer 2011 hat Gurlitt telefonisch Kontakt mit unserer Münchner Dependance aufgenommen und das Pastell angeboten. In einer Münchner Privatwohnung wurde es später unserer Mitarbeiterin übergeben. Ich selbst habe mit Gurlitt mehrmals telefonisch verhandelt.

Ihr Eindruck von ihm?

Als ob es das letzte große Kunstwerk sei, das er verkauft. Andere Kunden wären ja auf weiterführende Geschäfte eingestiegen.


Aber wie haben Sie ihn als Person erlebt?

Seine Art und Stimme waren zurückhaltend. Bescheiden. Eigentlich sehr angenehm. Er wollte kein Aufsehen. Den geschätzten Preis für das Bild hat er akzeptiert. Gurlitt wirkte auch etwas hilflos und gebrechlich. Er scheint nicht regelmäßig, sondern nur alle Jubeljahre verkauft zu haben. Zuerst bei Kornfeld in der Schweiz und dann bei uns.


Vor 2011 ist er nie aufgetaucht?

Nein. Und auch nach dem Abschluss hatten wir keinen Kontakt mehr.


Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Haben Sie ihn nach dem sensationellen Fund einmal zu kontaktieren versucht?

Wir haben eine Adresse von ihm, aber dort ist er auch nicht anzutreffen.


Eine zusätzliche Adresse zur Wohnung in München und zum Haus in Salzburg?

Ja, eine dritte Adresse, in Deutschland. Aber wo er sich nun wirklich aufhält, ist uns nicht bekannt.

Was wissen Sie über lebende Verwandte von Gurlitt?

Die Familie ist ja ziemlich groß. Über den Buschfunk ist zu hören, dass es entfernte Verwandte gibt. Gurlitt wird nicht ohne Erben sterben.


Wie deuten Sie, dass Gurlitt vom Zoll geschnappt und dann beschattet wurde?

Mich wundert das alles. Ich verstehe nicht, mit welcher Begründung man so massiv in sein Leben eingreift und die Rückgabe der Bilder an ihn seit eineinhalb Jahren hinauszögert. Die Behörden wissen, dass sie einen Großteil werden zurückgeben müssen. Und die Staatsanwaltschaft mauert bislang ja nur. Das passt alles nicht. Und es ist ja keine Straftat, mit 9000 Euro in der Tasche aufgeschnappt zu werden. Ich glaube nicht an einen Zufallsfund.


Sondern?

Man kann natürlich nur spekulieren. Aber irgendjemand muss um den Bestand gewusst und nachgeforscht haben. Und hat es dann den Behörden gesteckt. Gurlitt selbst kann einem nur leid tun. Er dürfte furchtbar einsam sein. Die Situation könnte ihm über den Kopf wachsen. Er hat wohl nicht geahnt, in solche Mühlen zu geraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2013)

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