75 Jahre danach: Walter Fantl-Brumlik und Vilma Neuwirth erzählten bei einer Gedenkveranstaltung, wie sie die Novemberpogrome in Österreich erlebten.
Das Leben der damals zehnjährigen Vilma Neuwirth änderte sich im Jahr 1938 mit einem Schlag. "Wir wohnten in der Glockengasse in Wien-Leopoldstadt, hatten ein Friseurgeschäft. Mein Vater war Jude, meine Mutter Christin", erinnert sich die heute 85-Jährige an ihr "normales Leben". Dann kam der "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland, bald darauf folgten die Novemberpogrome - "und ich lernte die wahren Wiener, die wahren Österreicher kennen".
"Unsere Nachbarn haben begonnen uns zu beschimpfen. 'Du jüdische Drecksau, du Rassenschänder', riefen sie uns nach", erzählt Neuwirth Donnerstagabend bei der Gedenkveranstaltung an die von den Nazis so genannte "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). "Von Burschen der Hitlerjugend wurde ich getreten und bespuckt, Uniformierte schlugen uns mit Hundepeitschen, unser Geschäft wurde verbarrikadiert, die Fenster eingeschossen."
Als es Bomben regnete, "freute ich mich"
In Summe wurden in Österreich während der Pogrome 30 Juden getötet, 7800 verhaftet und aus Wien rund 4000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Im gesamten "Deutschen Reich" wurden tausende Synagogen und Geschäfte niedergebrannt, an die hundert Personen getötet, 20.000 verhaftet. Die gezielten Ausschreitungen beschränkten sich allerdings nicht auf eine Nacht, sondern dauerten mehrere Tage an.
„Ich habe heute eine Rundfahrt durch Wien gemacht. Im Ganzen sah ich persönlich 9 Synagogen, die zum Teil noch brennend, zum anderen Teil gesprengt waren. Im Übrigen werden die Juden zusammengetrieben und wahrscheinlich zum Großteil der Polizei übergeben. (...) Im Allgemeinen ist sonst übliche Wiener Ruhe.“ Mit ein paar kurzen Zeilen berichtete das Reichskommissariat für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich am 10. November 1938 über eines der dunkelsten Kapitel der Zeitgeschichte. Die Nazis nannten die Gewaltexzesse euphemistisch Reichskristallnacht, Historiker prägten den Begriff Novemberpogrome. (c) EPA (-)
Schon seit der Machtübernahme von Adolf Hitler im Jänner 1933 gehören für Juden Demütigungen und Entrechtung zum Alltag. Einen willkommenen Anlass, die Gewalt weiter eskalieren zu lassen, liefert den Nationalsozialisten ein Attentat: Am 7. November 1938 schießt der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan (Bild) den deutschen Botschaftssekretär in Paris, Ernst vom Rath, nieder. Grynszpan reagiert mit der Tat auf die Nachricht, dass seine Eltern (wie rund 17.000 weitere Juden) zwecks Abschiebung an die deutsch-polnische Grenze deportiert wurden. Der Attentäter wird festgenommen, Rath stirbt zwei Tage später. (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Die Führung des NS-Regimes versammelt sich am 9. November im alten Rathaus in München, um den Jahrestag des gescheiterten Putsches Hitlers von 1923 zu begehen. In den Tagen zuvor gab es bereits vereinzelte Racheakte für das Attentat. Nun ordnet Hitler an, die Juden im ganzen Reich „einmal den Volkszorn verspüren“ zu lassen. Propagandaminister Joseph Goebbels gibt den Befehl an die Parteispitzen weiter. "Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone", schreibt er später in sein Tagebuch. (c) imago stock&people (imago stock&people)
„Goebbels gab hiezu um ca. 22 Uhr die Weisung, dass Aktionen grössten Stils mit vollkommen freier Hand für jedermann gegen Juden einzutreten haben, die mit einer entsprechenden Vernichtung des jüdischen Besitzes zu enden sollten“, notiert der Gauleiter der „Ostmark“, Odilo Globocnik. „Ich telephonierte an meine Dienststelle nach Wien, dass Aktionen demonstrativer Art stattzufinden hätten unter der Beifügung dass das Tragen von Uniformen während dieser Aktion strengstens verboten ist“. Die Männer von NSDAP und SS sollen zivil tragen, um die Übergriffe wie spontane Racheaktionen wegen des Attentats aussehen zu lassen. (c) imago stock&people (imago stock&people)
Im ganzen "Dritten Reich" ziehen in dieser Nacht Nazi-Trupps durch Städte und Dörfer, zünden rund 1400 Synagogen an, verwüsten und zerstören unzählige jüdische Geschäfte und Wohnungen. Ungefähr 400 Juden werden getötet oder begehen Selbstmord, rund 30.000 werden in Konzentrationslager verschleppt. (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
In Wien gehen 42 Synagogen in Flammen auf. 30 Juden werden österreichweit getötet, tausende nach Dachau verschleppt.(Bild: Razzia der SS in der israelitischen Kultusgemeinde in der Wiener Seitenstettengasse im März 1938) (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
An allen Tatorten bilden sich Mengen von Schaulustigen - teils begeistert, teils teilnahmslos. Aus Wien berichtet die 11. SS-Standarte, dass die Bevölkerung „größte Befriedigung“ gezeigt habe. Gauleiter Globocnik hingegen schreibt, dass die „Judenaktion“ von der Bevölkerung „eher ablehnend wie zustimmend bewertet“ worden sei. (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Der ehemalige Eigentümer und Chefredakteur der „Presse“ (damals „Neue Freie Presse“), Ernst Benedikt, wird am 10. November festgenommen und tagelang mit Nahrungsentzug und „Leibesübungen“ gequält. „Ich habe dem Satan mitten in seine Küche gesehen. Ich habe seine Helfer kennengelernt: Aug in Aug stand ich ihnen gegenüber – ihrer glühenden Bosheit, ihrem grinsenden Hohn, ihrer zähnefletschenden Mißhandlungslust“, schreibt er in seinen Erinnerungen an die Novemberpogrome.>>Manuskript von Ernst Benedikt auf der Website des DÖW Die Presse Archiv
Feuerwehr und Polizei sind angewiesen, nicht in die Geschehnisse einzugreifen. Die Feuerwehrleute schützen lediglich an Synagogen angrenzende "deutsche" Gebäude. (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Der für die „Reichswirtschaft“ zuständige Hermann Göring legt den Juden eine „Sühneabgabe“ für das Attentat von einer Milliarde Reichsmark auf. Auch für die öffentlichen Schäden der "Reichskristallnacht" muss die jüdische Bevölkerung aufkommen.
16 „befehlswidrige Morde“ werden nach den Pogromen untersucht, zwei der Täter in Folge „verwarnt“. Zwei Männer, die Jüdinnen vergewaltigten, werden an die Justiz überstellt – allerdings nicht wegen der Vergewaltigungen, sondern wegen „Rassenschande“. (c) Bundesarchiv (o.Ang.)
Von den Novemberpogromen zum Holocaust war es nicht mehr weit. Die Ereignisse um den 9. November 1938 hätten „die Judenverfolgung massiv beschleunigt“, sagt der Leiter des Zentrums für Holocauststudien in München, Frank Bajohr. „Von jetzt an war brachiale Gewalt an der Tagesordnung, um die Juden loszuwerden", so der Historiker Wolfgang Benz gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die physische Vernichtung sei 1938 zwar „noch nicht auf dem Programm" gestanden - „aber der Weg in Richtung Holocaust war eingeschlagen".(Von Maria Kronbichler) (c) imago stock&people (imago stock&people)
Weil Vilma Neuwirth und ihre Geschwister nach der Geburt in der Kultusgemeinde registriert worden waren, wurden sie von den Nazis trotz der nicht-jüdischen Mutter als "Geltungsjuden" definiert. Zwar durfte die Familie in ihrer Wohnung bleiben, "doch es waren Jahre der Demut, der Angst, der Schikane". Sie habe sich daher regelrecht gefreut, als Bomben abgeworfen wurden: "Natürlich hatte ich Angst, doch ich habe mich auch gefreut, als die Bomben auf Wien geflogen sind, denn ich wusste, dass nun auch alle Nicht-Juden zitterten."
Im Dunkeln gewartet
"Links, rechts, rechts, links. Mit diesen Worten hat uns Lagerarzt Josef Mengele aussortiert", erzählt Walter Fantl-Brumlik bei der DÖW-Gedenkveranstaltung. Er musste nach links, sein Vater nach rechts. "Ich wurde nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Auf dem Weg dorthin fragte ich einen Aufseher, wonach es hier rieche. Er antwortete: 'Hast du jemanden dabei?' Ich sagte: 'Ja, meinen Vater.' Dann deutete er zu den Schornsteinen und dem aufsteigenden Rauch: 'Dann ist er jetzt dort oben.'"
Walter Fantl-Brumlik bei der DÖW-Gedenkveranstaltung(c) Hellin Sapinski, Presse Digital
Fantl-Brumlik wurde 1924 geboren und lebte bis 1938 mit seinen Eltern im niederösterreichischen Bischofstetten. Wie Neuwirth erlebte auch er die Pogromnacht mit. "Wir saßen da in der abgedunkelten Wohnung und haben gewartet. Tags darauf haben sie meinen Vater geholt und eingesperrt. Am 11. November wurde er wieder freigelassen." Bald darauf musste die Familie Haus und Geschäft verkaufen. "Dann wurden wir mit einem Lastauto nach Wien in eine jüdische Sammelwohnung gebracht." 1942 folgte die Deportation nach Theresienstadt, später nach Auschwitz, wo die Eltern ermordet wurden. Seine Schwester Gertrude kam im Lager Bergen-Belsen um.
Fantl-Brumlik überlebte als einziger seiner Familie die NS-Herrschaft. Hassgefühle hege er aber nicht, betonte der Zeitzeuge: "Ich bin als Jude zurückgekommen, nicht als Rächer."
Anlässlich des 75. Jahrestages der Novemberpogrome fand am 7. November im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) die Gedenkveranstaltung "Der Novemberpogrom: ZeitzeugInnen erinnern sich" statt. Die Germanistin Judith Gruber-Rizy verlas dort Auszüge aus Texten von Überlebenden der Pogrome. Im Anschluss daran fand eine Diskussion mit den Zeitzeugen Vilma Neuwirth und Walter Fantl-Brumlik statt. Der Abend wurde von Brigitte Bailer, wissenschaftliche Leiterin des DÖW, moderiert.
9.November 1938. Die verwirrende Geschichte der drittgrößten Synagoge Wiens in der Sechshauser Vorstadt. In der Katastrophennacht brannte der Turnertempel völlig aus.
In der Nacht von 9. auf 10. Oktober 1938 waren sie zwischen zehn und 14 Jahre alt. Rudi Gelbard, Vilma Neuwirth, Walter Fantl-Brumlik und Karl Pfeifer über ihre Erinnerung an jene Nacht.
Ich hatte als erste Stunde Turnen. Ich schnürte mir die Turnschuhe. Ich wusste, ich würde an diesem Morgen die Schule nicht sehen. Dann läutete die Türglocke. Einmal. – Vor 75 Jahren: Novemberpogrom 1938 in Wien.
Die jüdische Bevölkerung beklagt eine Zuspitzung. Drei von vier in der Europäischen Union lebenden Juden glauben, dass Antisemitismus in ihrem Land im Laufe der vergangenen fünf Jahre zugenommen hat.
Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.