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Der Herr Nachbar schaute zu

GERMANY HISTORY POGROM ANNIVERSARY
GERMANY HISTORY POGROM ANNIVERSARYEPA
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9.November 1938. Die verwirrende Geschichte der drittgrößten Synagoge Wiens in der Sechshauser Vorstadt. In der Katastrophennacht brannte der Turnertempel völlig aus.

Wien. Leopold H., Fuhrwerker in der Gebrüder-Lang-Gasse in Wien-Sechshaus, Jahrgang 1905, war seit 1932 Nationalsozialist. Als diese Partei nach 1934 vom christlichsozialen „Ständestaat“ verboten wurde, unterstützte er die nun illegale NSDAP durch Propagandafahrten mit seinen Lastkraftwagen. Das brachte ihm nach dem Anschluss 1938 Auszeichnungen und Belobigungen durch die Nazis ein. Er engagierte sich in der NS-Volkswohlfahrt, im NS-Kraftfahrkorps. Nach 1945 wurde Leopold H. als „minderbelastet“ entnazifiert und blieb ein angesehener Unternehmer dieses Grätzels in Sechshaus.

Seine Liegenschaft grenzte an den israelitischen Tempel Ecke Turnergasse/Dingelstedtgasse, das drittgrößte jüdische Bethaus in Wien. In der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 brannte der prächtige Tempel bis auf die Grundmauern nieder – so wie alle Synagogen Wiens. In der Turnergasse waren es Unbekannte, die mit Handgranaten das zuvor sorgfältig im Bethaus verschüttete Benzin zur Explosion brachten. Dass der Nachbar dabei Rädelsführer gewesen sein soll, ist nicht bewiesen.

 

Alles Wertvolle gestohlen

Es zeugt von der technischen Akkuratesse der Feuerwehr und der SA, dass auch hier nur das jüdische Bethaus bis auf die Grundmauern abbrannte, sämtliche Nachbargebäude aber von dem Großbrand nichts abbekamen.

Die Infamie erreichte aber erst danach durch die Behörden ihren grotesken Höhepunkt. Einen Monat später, im Dezember 1938, „genehmigte“ nämlich die Bezirkshauptmannschaft, dass die Israelitische Kultusgemeinde auf eigene Kosten den riesigen Schutthaufen auf ihrer Liegenschaft beseitigen dürfe. Alles Wertvolle, die vielen Bücher, die Kultgeräte, Gewebe, Stickereien, war schon verschwunden: entweder von den Brandstiftern sofort zur Seite geräumt oder aber in das Feuer geworfen...

Just der Transportunternehmer Leopold H. erhielt nun den Auftrag, entsorgte die Überreste des Bethauses – und „arisierte“ dann die brache Liegenschaft. Er zahlte der Kultusgemeinde 38.500 Reichsmark auf ein Liquidationskonto der Länderbank.

Die jüdische Gemeinde bekam dieses Geld aber nie zu sehen, weil es beim Sonderbevollmächtigten für das Vermögen der IKG in der Ostmark landete, einer Dienststelle des Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, Bürckel. Über dieses Konto war die Zentralstelle für die jüdische Auswanderung in Wien verfügungsberechtigt. Der Leiter dieser Dienststelle: Adolf Eichmann.

 

Eine Karriere wie üblich

Leopold H. weitete nun sein Fuhrwerksunternehmen aus, baute eine Tankstelle und Garagen auf dem Grundstück, das ihm gehörte. Ganz legal. Wirklich geheuer dürfte ihm die Sache aber doch nicht gewesen sein, denn er erkundigte sich unter der Hand, ob auf dem Grund einer abgebrannten Synagoge ein jüdischer Fluch lasten könnte...

Nach dem Krieg kam es zum Restitutionsverfahren. So zahlte der Fuhrwerker 1951 an die Kultusgemeinde 70.000 Schilling an Wiedergutmachung. Alles muss seine Ordnung haben. Auch das schlechte Gewissen dürfte nun besänftigt gewesen sein.

1973 verkaufte er an die Gemeinde Wien. Es entstand dort ein unansehnlicher Gemeindebau samt „Beserlpark“. Denn die Fläche selbst, auf der die Synagoge stand, blieb unbebaut: ein eingezäuntes Stück Wiese. 1988 wurde an dem Bau äußerst diskret eine Gedenktafel unter Ausschluss der Öffentlichkeit angebracht.

 

Das Projekt Herklotzgasse

Damit wollten sich junge historisch Interessierte nicht abfinden. Denn unweit, in der Herklotzgasse 21, steht das einstige jüdische Gemeindehaus des Bezirks. Es war Knotenpunkt vieler jüdischer Organisationen. Hier befand sich bis 1938 der große Festsaal mit Bühne, im Hof war die jüdische Turnhalle, die heute einem Kleinunternehmen großzügig Quartier gewährt. Heute arbeiten im ersten Stock Historiker an ihren Computern.

Gefördert vom Zukunftsfonds, vom Nationalfonds, von der Erste-Stiftung, dem Jewish Welcome Service und dem Wiener Magistrat, konnte man vor fünf Jahren Interviews in Israel mit Vertriebenen machen, die sich noch an das Vereinshaus oder die „Storchenschul“ erinnern konnten, die beim Hakoah turnten oder im Tempel beteten.

 

Ein Erinnerungsort

Dann setzte man einen Wettbewerb zur Gestaltung des Parks durch. Die Architekten Iris Andraschek, Hubert Lobnig, Auböck und Kárász wollten kein Denkmal. Ihr Entwurf wurde umgesetzt, und am 10.November 2011 konnte der „Erinnerungsort Turnergasse“ seiner Bestimmung übergeben werden. Querliegende Balken versinnbildlichen den Brand des Tempels.

Nicht der Anklage dient dieses Mahnmal, sondern dem Erinnern, dem Dialog mit den jungen Wienern. Ob Leopold H. den Tempel wirklich angezündet hat, ob er nur dabei war, ob er nur davon gewusst hat, das ist heute nicht mehr wesentlich.

www.herklotzgasse21.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2013)