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JFKs Grand Tour

Dreimal reist der junge John F. Kennedy nach Europa: 1937, 1939 und 1945. Gewissenhaft führt er Tagebuch: „Unter Deutschen“ ist lakonisch, schmucklos und stellenweise ironisch. Eindrücke von Hitlerdeutschland.

Ish bin ein Bearleener“ – als Gedächtnisstütze in englischer Lautschrift notierte sich John F. Kennedy jenen Satz, mit dem er am 26.Juni 1963 in Berlin wahre Begeisterungsstürme auslöste. Die ungelenke Aussprache der berühmten Worte, mit denen der amerikanische Präsident eine friedliche Garantie für die nach dem Bau der Mauer zweigeteilte Stadt abgab, ließ keine Rückschlüsse auf etwaige frühere Aufenthalte in Deutschland zu. Kennedy hatte seinen Gastgebern selbstverständlich verschwiegen, dass er ihr Land gut kannte und es als junger Mann dreimal ausgiebig bereist hatte: 1937 als Harvard-Student, 1939 knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Botschaftersohn und 1945 als Reporter während der Konferenz von Potsdam. Die auf diesen Reisen gewonnenen Erfahrungen und Eindrücke sollten die Politik des späteren Präsidenten der USA und seine Haltung gegenüber Deutschland entscheidend beeinflussen.

Damit kommt den Notizen Kennedys aus jener Zeit, die nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen, besondere Bedeutung zu. Die Kennedys zählen zu jenen reichen und mächtigen Familien der Vereinigten Staaten, die sich selbst als „Adel“ Amerikas fühlen und dies mit einem ihrem Image entsprechenden, gehobenen Lebensstil zum Ausdruck bringen. So wurde John F. von seinem Vater 1937 als 20-Jähriger auf eine „Grand Tour“ geschickt. Als Bildungstourist sollte er „Old Europe“ kennenlernen.

Diese erste Reise, die der Millionärssohn mit einem Freund im eigenen, aus den USA mitgebrachten Ford-Cabriolet unternimmt, führt durch Frankreich, an die spanische Grenze, nach Italien sowie nach Österreich und Deutschland. Die Jugendlichen besuchen Kathedralen, Museen und Ausstellungen, lassen sich auch historische Stätten nicht entgehen. Über die zahlreichen, unterwegs aufgelesenen und begierig interviewten – männlichen und weiblichen – Autostopper aus sehr konträren politischen Lagern ergeben sich Kontakte zu Land und Leuten. Vordergründig haben die beiden Studenten in den Sommerferien vor allem Spaß im Sinn.

JFK entpuppt sich als unermüdlicher Frauenheld, obwohl sich bei ihm bereits Vorboten seiner späteren schweren Leiden bemerkbar machen. Darüber hinaus interessiert er sich, wie die Briefe an seine Eltern zeigen, brennend für Politik. Gewissenhaft führt er Tagebuch. „My Trip Abroad“ ist, obwohl lakonisch, schmucklos und stellenweise sehr ironisch, das authentische Werk eines späteren Weltpolitikers, der Faschismus und Nationalsozialismus hautnah erlebt und seine Eindrücke und Gedanken ungeschminkt zu Papier bringt.

Die ursprünglichen Aufzeichnungen blieben ohne spätere Korrekturen, sie geben daher unverfälscht die Ansichten des jungen Kennedy wieder. „Der Faschismus scheint ihnen gutzutun“, urteilt er im Italien Mussolinis. Die Franzosen verachtet er als „primitives Volk“. Und in Deutschland war er, wie sein Reisebegleiter erklärte, „völlig eingenommen vom Interesse an der Hitler-Bewegung“. Die Schönheit des Rheinlandes begeisterte ihn: „Die Städte sind alle sehr reizend, was zeigt, dass die nordischen Rassen den romanischen überlegen sind.“ Die neuen Autobahnen preist er als technische Wunderwerke. Die Abgründe der NS-Diktatur übersieht er geflissentlich, um zu dem Schluss zu gelangen: „Faschismus ist das Richtige für Deutschland und Italien, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.“

 

Kennedy trifft auf SA-Männer

1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, reist John F. Kennedy, von London aus, erneut nach Deutschland. Er sammelt Material für seine „senior thesis“ über das Abkommen von München (29./30.September 1938) und die englische „Appeasement“- (Beschwichtigungs-)Politik. Außerdem unternimmt er halb offizielle Erkundungsmissionen im Auftrag seines Vaters, des damaligen amerikanischen Botschafters in Großbritannien, der dem Hitler-Regime sehr unkritisch gegenübersteht und für eine Nichteinmischung der USA in Europa plädiert. Ihm schildert John ausführlich seinen Zusammenstoß mit SA-Männern.

Auch von einem Opernabend mit Wagners „Tannhäuser“ in München sowie Aufenthalten in Wien und Prag ist die Rede. Breiten Raum nehmen John F. Kennedys Berichte über die Zuspitzung des Konflikts Deutschland/Polen ein. Nach einem Besuch in Danzig, wo er mit „Nazi-Chefs“ konferiert, meint er, Polen werde die Stadt nicht kampflos den Deutschen überlassen. Trotz steigernder Kriegsgefahr bleibt der Student der Politikwissenschaft zuversichtlich: „Ich denke immer noch nicht, dass es Krieg geben wird.“

Nach Kriegsende nimmt JFK, der dreieinhalb Jahre in der amerikanischen Marine gedient hat und dabei schwer verwundet wurde, als Journalist im Auftrag des Zeitungsherausgebers William Randolph Hearst an der Konferenz von Potsdam (von 17.Juli bis 2.August 1945) teil. In diesem Sommer führt er ein „Europäisches Tagebuch“. In gereiftem Stil, der in nichts an „My Trip Abroad“ des 20-jährigen Harvard-Studenten erinnert, beschreibt er darin zerbombte Städte und zerstörte Bahnhöfe, die fahlen Gesichter der Menschen und den süßlichen Geruch der Leichen.

Er spart nicht mit Kritik an „den Russen“ und der Roten Armee, zitiert eine Deutsche, die Vergleiche zwischen der Sowjetarmee und der SS zieht. Systematisch analysiert er die Probleme der Nachkriegsordnung, die Entnazifizierungsverfahren und die Frage der Behandlung der Deutschen. Sind sie Besiegte oder Partner? Er macht sich Gedanken über die Mentalität der Deutschen. Sie hätten ein gewisses Obrigkeitsdenken, seien geradezu „willfährig im Entgegennehmen von Befehlen“. Wiederum reist Kennedy durch Deutschland, diesmal auf den Spuren des „Führers“. In Berlin steigt er in den Bunker der Reichskanzlei hinab, in Berchtesgaden besichtigt er die Ruinen des Berghofs, fährt zu dem hoch gelegenen Kehlsteinhaus hinauf.

Am Ende seines Berichts, der damals in keiner Zeitung erschienen und erst posthum zugänglich gemacht worden ist, sucht Kennedy die dunkle Faszination auszuleuchten, die von Adolf Hitler ausgegangen ist. Er kommt zu dem Schluss: „Aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, wird Hitler in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten, die je gelebt haben. Sein grenzenloser Ehrgeiz für sein Land machte ihn zu einer Bedrohung für den Frieden in der Welt, doch er hatte etwas Geheimnisvolles, in seiner Weise zu leben und in seiner Art zu sterben, das ihn überdauern und das weiter gedeihen wird. Er war aus dem Stoff, aus dem Legenden sind.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2013)