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Maria Happel zeigt kühl Courage

FOTOPROBE: 'MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER'
FOTOPROBE: 'MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER'APA/HANS KLAUS TECHT
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Das Burgtheater versucht sich mit Gewinn an Bertolt Brecht. David Bösch inszeniert das Lehrstück "Mutter Courage und ihre Kinder" einfühlsam, nur das Pathos im Finale stört.

Der Vorhang des Burgtheaters sieht aus wie eine grauenhafte Abstraktion moderner Malerei, die den Krieg mit naiven Mitteln bewältigen will. Fleckig wie ein Leichentuch scheint das Bild. Aus einer riesigen Titelzeile ragen zwei fahle Kreuze. Bevor die Leinwand bei der von David Bösch inszenierten Premiere von Bertolt Brechts bestem Lehrstück auf die Seite geschoben und zum umhüllenden Tuch für die Rundbühne wird, leuchtet die Schrift auf:

„Mutter Courage“ ist nun viel klarer zu lesen, mit den Kreuzen als doppeltem „t“. Diese tapfere Unternehmerin trägt den Tod bereits in sich, sie bewegt sich von Anfang an durch eine verheerte Landschaft. Solche Zeiten sind laut Brecht meist gut für die Geschäfte und den Zynismus, schlecht für all die armen Leute. Das vor allem soll diese Mutter aller Lehrstücke über zerstörerische Kräfte vermitteln.


Kadaver, Feuer und Asche. Patrick Bannwart hat bei Bühnenbild, Kostümen und Videos ganze Arbeit geleistet. So stellt man sich Apokalypsen vor. Mit Asche und Brocken bedeckt ist der Boden, später wird mittendrin ein Pferdekadaver liegen, aus einer Tonne wird ein Feuer lodern. Der die Drehbühne umhüllende Vorhang zeigt dann noch mehr Kreuze, Skelette und Totenschädel. Schon treten Musikanten auf, für die Bernhard Moshammer leicht modernisierte Variationen auf die Originalmusik Paul Dessaus geschrieben hat. Das Kriegsspiel kann beginnen.

Da steht sie nun mit ihrem Planwagen, den zwei Söhnen und der stummen Tochter – Maria Happel als Anna Fierling alias Mutter Courage, die sich seit Jahren durch den Dreißigjährigen Krieg geschlagen hat. Gekleidet ist sie schwarz, sie trägt ein Holzkreuz, Ledergurte und einen Gürtel voller Silbermünzen – eine Punkerin, die es bei ihren zynischen Liedern manchmal fast sogar rappen lässt. Aber diese Courage ist nicht auf Unterhaltung, sondern aufs Geschäft aus.


Sex am Rande. Gehandelt wird mit Fetzen, toten Vögeln, Gammelfleisch und verschimmeltem Brot. Wenn es sein muss, bietet die gute Mutter den Soldaten sogar ein bisschen Sex an. Der wird rasch am Bühnenrand erledigt. Es herrscht reine Mangelwirtschaft. Alles ist improvisiert, der Wagen ein Bretterverschlag, Soldaten, Huren, ein Pfarrer und ein Koch tragen Kostüme, die aus verschiedenen Zeiten zusammengestohlen sind. Sogar ein Stahlhelm aus dem 20. Jahrhundert dient als ideologischer Aufputz für den sogenannten Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten. Das stört hier nicht einmal, zu bunt ist die Mischung.

Man muss sich das 17. Jahrhundert eben synkretistisch vorstellen. Wie aber soll man sich die Mutter Courage denken, die als Marketenderin zynisch vom Krieg lebt, an den sie schließlich ihre drei Kinder verlieren wird. Ist sie bloß ein Opfer, das aus Not schlecht oder falsch handelt? Lässt Brecht sie einsichtig werden? Wohl kaum. Der Text zeigt Schärfe und Eiseskälte, keine Gnade. Am Ende, nachdem das letzte Kind erschossen wurde, wird die Courage weiterziehen, wird sich allein vor ihren Krämerkarren spannen.


Die Leiche in der Schubkarre. Das aber lässt der brave Bösch nicht zu. Zwar schreit auch hier die Marketenderin einem Regiment nach: „Nehmt's mich mit!“, doch diesmal versagt ihre Pfeife zum Aufbruch, sie sinkt nieder, streckt den Arm hoch und lässt Asche niederrieseln. Das ist dann doch zu viel Pathos und stört den an sich gelungenen Gesamteindruck. Denn bis dahin wurde die Titelrolle raffiniert zurückgenommen gespielt und im Gesang brillant. Sogar Facetten wie List und Lust wurden ihr abgewonnen.

Von der Courage hängt in diesem an sich recht statischen Stück fast alles ab. Sie trägt buchstäblich die Hauptlast. Vor allem spielt Happel natürlich die Abgebrühte, ihre verschlagene Vorsicht und ihre fremde Kühle sind durch die brutalen Vorgänge begründet. Sentiment kann sich ein armer Teufel nicht leisten, aber immerhin zeigt sie in all der Härte auch minimale Anflüge von Menschlichkeit, manchmal kommen die aber doch zu schwach.

Das finale Pathos wäre eher in jenem Moment angebracht gewesen, in dem Courage ihren toten jüngeren Sohn nicht erkennen darf, weil sonst die ganze Familie als Verräter gilt, mit der die Soldaten kurzen Prozess machen würden. Der blutverschmierte Tote wird der Mutter in einer Schubkarre vorgeführt. Sie bleibt völlig ungerührt, man sieht in ihrem Gesicht keine Überwindung. „Ins Massengrab mit ihm!“, befiehlt ein Schlächter, und der Tross darf weiterziehen.


Eine schrille Hure. Konträr zur Courage ist für Regina Fritsch die Rolle der Yvette angelegt, als Karikatur einer schrillen Hure mit wirrer roter Perücke und zerrissenen roten Strümpfen. Sie stöckelt völlig überschminkt wie ein Spaßmacher durch die Szenen und darf im falschen Sentiment so richtig aus sich herausgehen. Sarah Viktoria Frick gibt als stumme Tochter Kattrin ebenfalls eine lustige Figur, auch ohne Worte zeigt sie starke Präsenz.

Tino Hillebrand rührt ein wenig als naiver Sohn Schweizerkas. André Meyer wirkt als der bereits brutalisierte ältere Sohn Eilif wesentlich gefährlicher. Er gewinnt der Rolle dieses Kraftlackels, der schließlich recht gefasst zur Hinrichtung geht, durchaus auch Humor ab, etwa im Zusammenspiel mit Hermann Scheidleder als verkommenem Hauptmann. Tilo Nest als Koch und Falk Rockstroh als Feldprediger, die um die Gunst der Courage buhlen, machen ebenfalls gute Figur, fügen sich geschmeidig in diesen bunten Haufen ein und lassen diskret spüren, dass sie eine große Affinität zu dieser Art von Theater haben.

Der Klassiker wurde gekonnt und fast unspektakulär belebt, mit Empathie für Brechts Humanismus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2013)