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Keimschleuder Mitmensch

Niesende Frau
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Händewaschen schützt vor Krankheiten, so viel ist bekannt. Wie aber hält es der Österreicher mit Hygiene? Hysteriker sind da eher die Ausnahme.

Kennt man die Zahlen, könnte der Wunsch in einem aufkommen, von fremden Mitmenschen Abstand zu halten. So tummeln sich auf nur einem Quadratzentimeter Haut auf der Hand des vielleicht freundlichen Gegenübers bis zu 6000 Keime, bis zu 150 verschiedene Bakterienarten machen es sich hier gemütlich; auf Stirn und Haaren tun es gar 20.000 Keime pro cm. Müssen wir uns also vor unseren Mitmenschen als Keimschleudern fürchten? „Nein, fürchten müssen wir uns nicht, wir sollten uns aber bewusst machen, dass es in Großstädten mit vielen Menschen auch hohe Konzentrationen an Keimen gibt“, sagt Manfred Berger, der vor Kurzem sein drittes Buch veröffentlicht hat: „Hysterie Hygiene“ bietet einen spannenden Streifzug durch die Geschichte der Hygiene, spannt auch Bögen in unser tägliches Leben und blättert Probleme in Hotels und auf Urlaubsreisen, in Kindergärten, Krankenhäusern und Küchen auf. Der Autor, Geschäftsführer eines Instituts für Unternehmensberatung: „Ich will keinesfalls Panik machen, aber ich will schon darauf aufmerksam machen, dass wir mit Hygiene ein bisschen zu sorglos umgehen. Sie ist in der westlichen Welt eine Selbstverständlichkeit geworden und wenn man da die Gefahren der Globalisierung nicht erkennt, kann es kritisch werden.“

Der Österreicher sei nicht unbedingt einer, der bei Hygiene übertreibt, meint auch Andrea Grisold, Professorin am Grazer Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin. Die Statistik zeige, dass die Menschen in Österreich ein wenig nachlässig seien, wenn es um das regelmäßige Wechseln von Zahnbürste oder Bettwäsche geht. „Eine Zahnbürste für die ganze Familie ist definitiv zu wenig“, sagt sie. Und: „Die Bettwäsche sollte öfter als alle sechs Monate gewechselt werden.“ Die Realität in rot-weiß-roten Schlafzimmern aber sieht anders aus.

Hygienemangel im Spital. Weit gefährlicher ist das Problem mit den Krankenhauskeimen, die zu einem gewissen Prozentsatz auch dem Nicht-Händewaschen von Ärzten und Pflegepersonal, also Hygienemängeln, zu verdanken sind. „Nur 30 bis 60 Prozent des Pflegepersonals führen die vorgeschriebene Händedesinfektion durch“, meint Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes bei einem aktuellen Round Table zum Thema Krankenhausinfektionen. Jährlich erkrankten deswegen 3,2 Millionen Europäer (60.000 in Österreich), und 37.000 Europäer (davon 1500 Österreicher) sterben sogar daran. Vielen wäre dieses Schicksal durch ordentliche Händehygiene erspart geblieben, die aber bis zu 70 Prozent des Spitalspersonals missachten. Und das, obwohl inzwischen in jedem Krankenhaus strenge Hygienerichtlinien gelten. „Die wichtigste Infektionsprophylaxe ist eine ordentliche Händehygiene“, zitiert Autor Berger in seinem Buch Christina Peters, Hygienebeauftragte des Wiener St. Anna Kinderspitals: „Händedesinfektion ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch des Gewissens und der Selbstdisziplin.“

„Die Hände sind die häufigsten Überträger von Krankheitserregern“, betont auch Elisabeth Presterl, Leiterin des Klinischen Instituts für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle an der Medizinischen Universität Wien. Eine US-Studie beispielsweise hat gezeigt: Die Zahl der Atemwegsinfektionen in einem Militär-Ausbildungslager in Illinois ging um 45 Prozent zurück, allein durch den Umstand, dass sich die Rekruten mindestens fünfmal täglich die Hände gewaschen haben. Häufiges Händewaschen ist also fernab jeder Hysterie. „Gerade in Grippezeiten – und die Grippesaison beginnt ja jetzt bald – sollte man sich noch häufiger als sonst die Hände waschen“, rät Expertin Grisold, „auch zum Selbstschutz.“ Erwiesen ist: Nach 30 Sekunden Wasser und Seife geht die Keimbesiedelung der Hände um fast 100 Prozent zurück. Dies fanden Forscher der Universität Regensburg heraus.


Brutstätte von Bakterien in Küchen.
„Händewaschen ist aber auch ein Schutz für meine Mitmenschen“, betont Christoph Wenisch, Primar an der 4. Med. Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin, SMZ Süd – Kaiser-Franz-Josef-Spital. Hygiene, so Wenisch, habe nämlich auch den sozialen und gesellschaftlichen Wert, „dass ich das Meine dazu beitrage, keine Krankheit auf andere zu übertragen. Wer sich in die Hand niest und diese dann einem anderen gibt, ist unfair.“ Auch Impfen habe im weitesten Sinne mit Verantwortung zu tun. „Wer sich impft, verhindert so auch eine Ausbreitung von Infektionskrankheiten, auch das ist Hygiene“, betont Grisold.Zur Hygiene in Haushalten: Die meisten Bakterien sind in Küchen zu finden – auf Schwammtüchern und Putzschwämmen. Das Hygiene Council, ein internationaler Zusammenschluss von Hygiene-Experten, stellte 2011 fest: Schwämme sind in allen Haushalten schwer verunreinigt. Bakterien-Hot-Spot Nummer zwei war der Wasserhahn, der in 87,5 Prozent der Fälle unzureichend gereinigt war.

Auch die Ages (österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) hat den Österreichern im Vorjahr in die Töpfe geschaut, im Rahmen der Studie „Lebensmittelsicherheit und Hygiene im Privathaushalt“ (Fragebogenerhebung mit 353 Befragungen plus Beobachtungsstudie mit 40 Teilnehmern). Demnach achteten 77 Prozent der Befragten beim Heimtransport von rohem Fleisch nicht auf dessen Kühlung. Das Schneidbrett reinigten nur 51 Prozent der Testpersonen nach der Zubereitung von rohem Fleisch, bevor sie es mit anderen Lebensmitteln in Berührung brachten (71 Prozent der Frauen, jedoch nur 47 Prozent der Männer verwenden dabei auch Spülmittel und nicht nur heißes Wasser). Mehr als 80 Prozent wuschen sich die Hände vor oder während der Speisenzubereitung, nach dem Kochvorgang taten es allerdings nur mehr 52 Prozent. Eine Händewasch-Hysterie kann man den Österreichern also definitiv nicht nachsagen. Die meisten übertreiben es auch nicht mit Desinfektionsmitteln für Küche und Bad. Die sind erstens weder notwendig – außer es gibt einen schwer Kranken in der Familie – und zweitens sogar schädlich, weil sie nicht nur die unerwünschten, sondern auch die nützlichen Bakterien killen.

Gesunder Dreck?
Übertreiben mag der Europäer und mit ihm der Österreicher vielleicht, wenn es um den Nachwuchs geht, den so manche Eltern gerne steril aufwachsen sehen würden und Kleinkinder aus hygienischen Gründen in ihrem Forschungsdrang einschränken. Tu das nicht, mach jenes nicht, pass auf, mach dich nicht schmutzig. „Wir haben alle als Kinder eine halbe Sandkiste aufgefressen und es hat uns nicht geschadet. Im Gegenteil“, sagt der bekannte Wiener Chirurg Harald Rosen im Buch. Berger: „Alle von mir befragten Ärzte und Hygieniker waren der Überzeugung, dass ein Zuviel an hygienischen Maßnahmen für das Ansteigen von Allergien, speziell im städtischen Bereich, verantwortlich ist.“ Die Erklärung ist einfach: Ein Immunsystem, das vor allem und jedem geschützt wird, kann nicht trainiert werden, „es muss kleinere und größere Infektionen überwinden, um sich auszubilden“. Es gilt also Balance zu halten zwischen klinischer Sauberkeit und „gesundem Dreck“.

HYSTERIE HYGIENE

Um Hygienefragen in allen Lebenslagen und um die Frage, wie viel Sauberkeit noch gesund ist, geht es in dem Buch „Hysterie Hygiene“.

Autor, Verlag, Preis: Manfred F. Berger, Echomedia Buchverlag, 19,80 €,
152 Seiten (ISBN 978-3-902900-34-0)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2013)