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Blackberry: Ohne Tastatur in den Untergang

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Heuer hätte Blackberry mit neuen Handys sein Comeback feiern sollen. Geworden ist daraus ein Desaster. Es waren zwei Entscheidungen, die das Unternehmen an den Rand des Ruins trieben.

Thorsten Heins war sichtlich irritiert. Was, wollte „Die Presse“ im Februar dieses Jahres bei einem Interview mit dem einstigen Chef von Blackberry wissen, zeichne ein Blackberry-Handy wirklich aus? „Die Tastatur“, antwortete Heins. Und warum stellt Blackberry dann als erstes Mobiltelefon seiner neuen Generation ein reines Touchscreen-Gerät ohne Tastatur vor? „Weil es jeder hat.“

Der Dialog in Köln hat Thorsten Heins innerlich vermutlich noch mehr irritiert, als er äußerlich gezeigt hat. Denn genau diese Diskussion musste er schon ein Jahr früher intern mit dem Gründer von Blackberry, Mike Lazaridis, führen. Während Heins das Touchscreen-Gerät als erstes Modell der neuen Generation favorisierte, wollte Lazaridis unbedingt eine Tastatur: „Das ist unser Butter und Brot, das unterscheidet uns von allen anderen. Das Keyboard ist der Grund, warum die Menschen einen Blackberry kaufen“, sagte Lazaridis laut einem Bericht der kanadischen Tageszeitung „The Globe and Mail“.

Der Showdown zwischen den beiden endete bei einer Aufsichtsratssitzung Mitte 2012. Heins setzte sich durch: Als erstes Handy würde Blackberry im Jänner 2013 das Touchscreen Z10 vorstellen, erst Monate später sollte der Q10 mit einer Tastatur folgen. Es war eine Entscheidung, die hauptverantwortlich für den endgültigen Niedergang Blackberrys war und die Heins am Ende seinen Job kostete. Vergangene Woche feuerte der Aufsichtsrat den gebürtigen Deutschen.

Die Geschichte von Blackberry zeigt beeindruckend wie kaum eine andere, wie Managementfehler ein Unternehmen an den Rand des Ruins führen können. Vom Liebkind der Börse zu einem Handyhersteller, den niemand kaufen will. Deshalb sagte Blackberry vergangene Woche mit dem Rausschmiss von Heins auch die Suche nach einem Käufer ab. Offiziell, weil man sich mit einem neuen Vorstand aus eigener Kraft sanieren will. Inoffiziell aber, weil sich niemand fand, der fünf Milliarden Dollar für das Unternehmen bezahlen wollte, das einmal 83 Milliarden Dollar wert war.

Es waren viele Fehler, die das einstmals führende Smartphone der Welt Marktanteile, Börsenwert und seine Zukunft kosteten. Angefangen mit der verspäteten Reaktion auf Apples iPhone über ein missglücktes Tablet, das nicht einmal E-Mail hatte, bis hin zum Festhalten an einem veralteten Betriebssystem. Aber es waren vor allem zwei Entscheidungen, die das kanadische Unternehmen hätten retten können – wenn sie anders getroffen worden wären. Einerseits die fehlende Tastatur beim ersten neuen Gerät nach fast zwei Jahren. Andererseits die Weigerung, den eigenen beliebten Kurznachrichtendienst Blackberry-Messenger (BBM) für Apple- und Android-Handys zu öffnen.


WhatsApp von Blackberry. Der BBM könnte heute sein, was WhatsApp ist: eine Plattform zum Austauschen von Nachrichten, Videos und Fotos mit 300 Millionen Nutzern.

„Es war ein ganz großer Plan“, zitiert „The Globe and Mail“ einen ungenannten Blackberry-Mitarbeiter über den internen Plan, den BBM als SMS 2.0 zu etablieren. Die Arbeiten begannen bereits 2010. Zu dem Zeitpunkt konnten Blackberry-User schon seit fünf Jahren mit anderen Blackberry-Usern unkompliziert wie beim SMS Texte und Fotos austauschen. Und weil der Messenger über das firmeneigene Netz lief und nicht über das Mobilfunknetz, konnten Regierungen und Geheimdienste diese Nachrichten auch nicht abfangen und mitlesen.

Das machten sich beispielsweise Oppositionelle in arabischen Ländern zunutze, um ihre Demonstrationen zu organisieren (Saudiarabien drohte Blackberry mit einem Verkaufsverbot, wenn das kanadische Unternehmen nicht die Möglichkeit schaffte, die Nachrichten mitzulesen. Das Unternehmen gab nach). Aber auch die Hooligans in London, die 2011 Teile der Stadt verwüsteten, verabredeten sich über den Messenger. Damals war Blackberry mit einem Marktanteil von 37 Prozent noch das beliebteste Handy unter britischen Jugendlichen.


800 Mio. Dollar Gebühren. Was also lag näher, als diesen beliebten Dienst auch anderen Handynutzern zugänglich zu machen – und irgendwann ordentlich dafür zu kassieren? Jedes Quartal nahm das Unternehmen beeindruckende 800 Millionen Dollar aus den Gebühren ein, die Blackberry-Nutzer monatlich für die schnelle Push-E-Mail und den Messenger bezahlen mussten. Mehr als 90 Prozent war Profit.

Jim Balsillie, damals neben Lazaridis CEO der Firma, drängte daher auf eine Öffnung des BBM. Mitte 2011 stellte er das Konzept als „SMS 2.0“ den zwölf größten Mobilfunkbetreibern der Welt vor. Der Plan: Gegen eine geringe zusätzliche Gebühr können Handynutzer unbeschränkt Nachrichten über den Blackberry-Dienst verschicken, der weit mehr kann als SMS, deren Anzahl viele Betreiber damals mit ein paar hundert, maximal 1000 pro Monat beschränkt hatten. In Europa gab es zwei Interessenten, in den USA soll sich AT&T dafür interessiert haben– genug, um bei einem Erfolg auch andere Betreiber zu gewinnen.

Thorsten Heins aber sah eine große Gefahr. Die Möglichkeiten des Messenger seien ein Kaufargument für einen Blackberry. Öffne man den Nachrichtendienst auch für andere Handys, hätten User einen Grund weniger, sich für einen Blackberry zu entscheiden. Anfang 2012 drehte Heins SMS 2.0 ab. Balsillie gab enttäuscht seinen Sitz im Aufsichtsrat auf und trennte sich von der Firma, die er mitaufgebaut hatte.

Research in Motion (RIM), wie die Firma damals noch hieß, hatte die einmalige Chance, einen globalen Kurznachrichtendienst aufzubauen und sich damit eine solide Einnahmenbasis zu sichern. Man hat sie grandios versäumt. Erst jetzt, da WhatsApp, Kik und der Apple-Messenger den Markt beherrschen, hat die Firma reagiert. Vor zwei Wochen stellte Blackberry mit viel PR-Getöse eine neue App für iPhone und Android als „die beste Möglichkeit“ vor, Sofortnachrichten und Bilder mit anderen zu teilen – den Blackberry Messenger.


Tastatur – oder nicht. Die Entscheidung aber, mit der sich Blackberry seine Zukunft endgültig zerstörte, bevor sie überhaupt begonnen hatte, fiel 2012. In der Firma arbeitete man intensiv am neuen Betriebssystem Blackberry 10, das die Verkäufe wieder ankurbeln sollte. Doch in welches Gerät soll man das OS packen? Es gab zwei Gruppen: Firmengründer Lazaridis plädierte für ein Handy mit Keyboard, das Markenzeichen Blackberrys. Heins und andere wollten ein reines Touchscreen-Handy haben. Der Vorteil: endlich ein Blackberry mit großem Bildschirm. Der Nachteil: keine Tastatur. „Wir mussten an die Konkurrenz aufschließen“, erklärte Heins Anfang des Jahres der „Presse“. „Alle haben große Bildschirme. Nur mit so einem Gerät haben wir das Potenzial, eine junge und größere Käuferschicht anzusprechen.“

Bis dahin hatten noch 70 Millionen Blackberry-Fans weltweit an ihren mittlerweile völlig veralteten, aber eben mit einer Tastatur ausgestatteten Handys festgehalten. In der Hoffnung, dass mit der nächsten Generation alles besser wird. Doch dann stellte das Unternehmen ein Handy vor, wie es die Konkurrenz – Apple, Samsung, HTC – schon seit Jahren hatte. Und das mit einem besseren Betriebssystem und einem umfassenderen App-Store.

Noch während Heins im Jänner 2013 das neue Handy präsentierte, stürzte der Aktienkurs ab. Das Z10, das den Neuanfang hätte einläuten sollen, verkaufte sich nicht. Im zweiten Quartal 2013 musste Blackberry 934 Millionen Dollar für unverkaufte Z10 abschreiben. Als endlich der Q10 auf den Markt kam, ein Blackberry in alter Tradition mit Tastatur, war es schon zu spät: Nur noch die leidensfähigsten Blackberry-Anhänger hielten da dem Unternehmen die Treue.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2013)