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Nazi-Schatz löst den nächsten Schub von medialem Rinderwahnsinn aus

Durch multiple Ahnungslosigkeit wird der Eindruck erweckt, eine Milliardensammlung sei im Müll gefunden worden. Der Skandal ist aber das Behördenvorgehen.

Noch hat sich die Medienwelt nicht von der Edward-Snowden-Dauerhyperventilation erholt. (Einige sehr hilfreiche Anleitungen dazu, sich wieder einigermaßen einzukriegen, hat in der „Presse am Sonntag“ der Grazer Historiker Siegfried Beer veröffentlicht. Man darf aber nicht damit rechnen, dass sie von den Buchstabenhysterikern befolgt werden.)

Schon bricht die nächste Hysterie aus: Der Nazi-Schatz!

Nach eineinhalb Jahren wird bekannt, dass Steuerfahnder im Februar 2012 in einer Münchner Wohnung eine ca. 1400 Werke umfassende Kunstsammlung beschlagnahmt haben. Die Wohnung gehört Cornelius Gurlitt, dem Sohn von Hildebrand Gurlitt. Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war eine der wichtigsten Figuren der zeitgenössischen Kunstszene in den 1920er- und 1930er-Jahren. Er hatte jüdische Vorfahren, kooperierte aber mit den Nationalsozialisten. In der Sammlung, die er seinem Sohn hinterließ, befanden sich mit einiger Wahrscheinlichkeit Werke, von denen die Familie Gurlitt nach dem Krieg erklärte, sie seien vernichtet worden, etwa beim großen Brand in Dresden.

Seinem Sohn Cornelius werden Steuerdelikte zur Last gelegt, offensichtlich im Zusammenhang mit Verkäufen aus der Sammlung.

So viel zur bekannten Faktenlage. Der Rest ist medialer Rinderwahnsinn.

Was da, auch in angeblich seriösen Zeitungen, geschrieben wird, zeugt von multipler Ahnungslosigkeit sowohl der Journalisten als auch ihrer Gesprächspartner, gepaart mit einer Nazi-Geschichten-Geilheit, für die man sich nur fremdschämen kann. Dass da eine Milliardensammlung inmitten von Speiseresten vor sich hin gegammelt sei, weiß inzwischen jeder. Es stimmt nur nicht. Eine der Kunsthistorikerinnen, die bei der Beschlagnahmung anwesend waren, berichtet von einer Durchschnittswohnung im Normalzustand. Von Müll keine Rede.

Dass Cornelius Gurlitt angesichts seiner Familiengeschichte und des Erbes, mit dem er umzugehen hatte, zu einem zurückgezogenen und eigenwilligen Menschen wurde, muss niemanden wundern. Ihn als Messie zu diffamieren, der in seinem Müll gelebt haben soll, ist ungeheuerlich.

Auch von einer „Milliardensammlung“ kann nicht die Rede sein, genauso wenig wie von „Meisterwerken“. Schon die bisher als besonders spektakulär identifizierten und weltweit publizierten Arbeiten werden dieser Sensationszuschreibung nicht gerecht.

Ob und in welchem Ausmaß es sich um Raubkunst handelt, ist noch nicht klar und tut nichts zur Sache. Unter welchem Rechtstitel will man eine ganze Privatsammlung beschlagnahmen, nur weil sich möglicherweise Raubkunst darin befinden könnte? Und selbst wenn: Privatpersonen sind weder in Deutschland noch in Österreich zur Restitution von Kunstwerken zweifelhafter Provenienz verpflichtet.

Trotzdem lassen sich Museumsdirektoren und Kunsthistoriker aller Art vom Boulevard zu spitzen Sensationsschreien im Zusammenhang mit dem „Nazi-Schatz“ hinreißen.

Die Sammlung ist das Privateigentum des derzeit offensichtlich unauffindbaren Cornelius Gurlitt. Sollte er bei Verkäufen Steuern hinterzogen haben, wird er steuerrechtlich zu belangen sein. Sollten wichtige Arbeiten oder Kunstwerke darunter sein, auf die Erben von NS-Opfern Anspruch erheben, wird es, wie in früheren Fällen, zu Verhandlungen kommen müssen, die hoffentlich zur Zufriedenheit beider Seiten abgeschlossen werden können.

Die Geschichte der Familie Gurlitt ist gewiss keine Ruhmesgeschichte. Aber der einzige Schluss, den man aus dem bisher Bekannten ziehen kann, ist, dass die Behörden gut daran täten, die Kunstwerke an ihren rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, falls er noch am Leben ist. Die Beschlagnahmung und alles, was vonseiten der Behörden und der Öffentlichkeit seither unternommen wurde, sind die wirkliche Sensation und der wirkliche Skandal in dieser komplizierten Angelegenheit.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2013)