In Rainers schöner Damenwelt

Jüngste Folge der Selbstbeschau in Arnulf Rainers Badener Personalmuseum: Der Blick zurück auf Übermalungen „alter Kunst“ wie van Gogh, da Vinci, Messerschmidt.

Natürlich hat Arnulf Rainer sich kein Ohr abgeschnitten, das kann kein ernst zu nehmender Künstler nach van Gogh mehr tun. „Ich kann mir ja nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“, hat Martin Kippenberger das einmal schnoddrig kommentiert und damit recht elegant den lästigen Geniebegriff auf erträgliches Niveau gebracht. Die Last des Genies hat wohl auch Arnulf Rainer recht bedrängt, so wie sie jeden bedrängen muss, der auf dieser längsten, gewundenen Rennstrecke der Kunstgeschichte, der Malerei, an den Start gehen will. 1948, mit 19 Jahren, hat sich Rainer schon als geliebtes Hassobjekt Vincent van Gogh gewählt, von damals stammt die Porträtzeichnung „Wie, van Gogh in Gottes Ohr?“.

Ab 1968 aber kam Vincent richtig dran, da begann Rainers Abarbeitung, „seit spätestens damals pflegte ich Umgang mit mir selbst über van Gogh“, schreibt er so schön. Was erst recht aggressiv aussah – mit schwarzem Stift und schwarzer Ölkreide fiel Rainer über Fotos von Van-Gogh-Selbstporträts her, zerfurchte und zerritzte sie, holte den Totenschädel aus ihnen heraus, mit einem Wort: Gut hat er sie nicht behandelt. Mit 80 Jahren aber sehen viele Dinge anders aus, auch Rainers Übermalungen – 2009 lässt er van Gogh schön ernst zwischen Farbschleiern hervorblicken, einäugig, wohlgemerkt. Breite rote, blaue, grüne Balken rahmen das Gesicht mehr, als sie es bedrängen. Mildes Alterswerk nennt man derlei. Man kann sich wie gesagt ja nur eine beschränkte Zahl von Ohren abschneiden, selbst als Arnulf Rainer.

Weiermair: Nächster in der Herrenriege

In seinem Personalmuseum in Baden lässt er sich zurzeit seine Beschäftigung mit der „alten Kunst“ vorführen, Regisseur dieses Rückblicks ist Peter Weiermair, der sich nahtlos in die Reihe der in diesem Haus hoch gehandelten Altherrenkuratoren einreiht. Keine einzige Kuratorin wurde hier seit der Eröffnung 2009 eingeladen, keine einzige Künstlerin als Sparringspartnerin zu Rainer gebeten, dafür waren schon Georg Baselitz und Mario Merz zu Gast. Die Damen dürfen zumindest in dieser Ausstellung eher dekorative Zwecke erfüllen. Angeführt von keiner Geringeren als der Mona Lisa, vor deren Kitschfaktor bei einer freundlichen Übermalung Rainer sich 2002 nicht einschüchtern ließ. Immerhin zerteilte er sie wie ein Zauberer die Jungfrau, die Gioconda als Diptychon also, sanft umschwungen und umweht von den in den Nullerjahren bei Rainer üblichen bunten Farbschleiern. Ein schöner Nebeneffekt der Zerteilung, es kommen Bewegung, eine zeitliche Abfolge in das Bild, als ob eine Filmkamera über das Gesicht schwenken würde. Links erscheint die Mona Lisa am rechten Bildrand, betritt sozusagen die Leinwand, im rechten Teil entschwindet sie wieder am linken Rand. Ein schöner Trick.

Schönheit ist überhaupt etwas, das Rainer im Alter vermehrt zu interessieren scheint. Ein großer Zyklus kreist um klassische und klassizistische Skulptur, deren schwarz-weiße Abbildungen er mit sichtlichem Genuss farbig fasste. So wie man es in der Antike ja tatsächlich mit den hehren weißen Marmorkörpern getan hat, die wir aus den Museen und Geschichtsbüchern kennen. Als Referenz lieh man sich u.a. den frisch restaurierten Abguss einer lieblichen, geflügelten Psyche aus der Glyptothek der Wiener Akademie, ursprünglich geschaffen von Canova-Schüler Pietro Tenerani, einer „Zierde der Academie“ in Rom.

Ein Fingerzeig auf das Schicksal alternder Genies? Einen der „Charakterköpfe“ von F. X. Messerschmidt hatte man ja vielleicht nicht nach Baden bekommen, er hätte mehr das kontroversielle Frühwerk Rainers betont, als er sich am Abbild der eigenen Fratze abarbeitete. Und als er diese „nicht mehr sehen“ konnte, wie er sagte, sich auf andere „Charakterköpfe“ stürzte. In Messerschmidts exzentrischen manieristischen Ausdrucksstudien fand er 1977 ein kongeniales Pendant. Das waren Zeiten.

Im ehemaligen Frauenbad in Baden, bis 13.April 2014, täglich von zehn bis 17 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2013)


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