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Energie: "Ökostrom ist der Sündenbock"

Claudia Kemfert(c) Paul Ripke
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Ökostrom ist nicht teuer, die fossile Lobby auf der Überholspur und jedes Drosseln der Energiewende ein Fehler, sagt Claudia Kemfert, die stärkste Stimme der Erneuerbaren.

Die Presse: Wir erleben einen interessanten Stimmungswandel: Nach Fukushima waren viele Menschen begeistert von der Energiewende, heute reden alle nur vom teuren Ökostrom. Was ist da passiert?

Claudia Kemfert: Die Energiewende ist zu einem Schlachtfeld geworden. Und ich fühle mich mittlerweile wie eine Kriegsberichterstatterin. Viele Lobbys bestimmen heute die öffentliche Meinung und sie suggerieren, dass der Strompreis wegen der Energiewende zu stark ansteigt. Ökostrom wird als Sündenbock stigmatisiert für teils unverhältnismäßig hohe Preissteigerungen. Dass gleichzeitig die Börsenpreise sinken und die Konzerne das nur nicht an die Haushalte weitergeben, wird hingegen kaum debattiert. Das ist auch politisch gewollt, da man die Industrie vor höheren Kosten schützen wollte. So kommen Preissteigerungen, die viele nutzen, um die Energiewende zu diskreditieren.

Dem deutschen Kunden wird das herzlich egal sein, wenn er auf der Stromrechnung sieht, dass er mehr Geld für die Ökostrom-Umlage (EEG-Umlage) zahlt als für tatsächlich verbrauchten Strom.

Tatsächlich ist es so, dass der Börsenpreis für Strom historisch niedrig ist. Würde man die Konzerne zwingen, diese Preise weiterzugeben, dürften die Strompreise nicht steigen. Es ist richtig, dass wir Geld für die Förderung von Erneuerbaren ausgeben. Aber letztlich wird die Ökoenergie ja auch immer billiger, weil die Einspeisetarife sinken.

Die niedrigen Börsenpreise derzeit sind aber nicht nur auf die vielen neuen Wind- und Solarkraftanlagen zurückzuführen.

Nein, wir haben im Moment einen Überschuss an Strom, der entsteht, weil viele Kohlekraftwerke weiterlaufen, obwohl sie niemand braucht. Eigentlich sollten diese Kraftwerke abgeschaltet werden, statt, wie jetzt geplant, neue Subventionen für sie einzuführen.

Macht das derzeitige Förderregime Ökostrom unnötig teuer?

Ich finde nicht, dass wir zu viel Geld für die Energiewende ausgeben. Denn auch ohne sie wäre es teuer. Wenn man alle Kosten, die fossile Energieträger und die Atomkraft verursacht haben immer mitgerechnet hätte, wären die Energiepreise heute viel höher. Aber das hat man nie getan. So hat man die Illusion eines fairen Marktpreises, obwohl wir in der Vergangenheit viele Subventionen heimlich bezahlt haben. Für Ökoenergie bezahlen wir sie offen und bekommen so den Eindruck, dass sie ein Luxus ist, den sich keiner leisten kann. Dabei ist es umgekehrt.

Wann wird Ökostrom denn keine Förderungen mehr brauchen?

Das hängt entscheidend davon ab, wie ernst man es mit der Energiewende meint. Wenn man jetzt alles torpediert, wird es länger dauern, weil der Markt kollabiert. Wenn man im System bleibt und die Vergütungssätze gehen runter, dann wird es mittelfristig billiger. Wann, kann man nicht sagen.

Die kommende rot-schwarze Bundesregierung in Deutschland will bei der Energiewende hingegen das Tempo rausnehmen. Sie argumentiert damit, dass genau das den Umstieg kostengünstiger macht.

Das Tempo ist nicht der Kostentreiber. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass es teurer wird, je mehr Windräder man zubaut. Die Einspeisetarife sinken Jahr für Jahr. Wenn wir die Energiewende ausbremsen, wird es hingegen richtig teuer, weil wir dann weiter Kohlekraftwerke bauen und wir tatsächlich keinen Bedarf mehr an Erneuerbaren haben. Billiger wird es damit nicht.

Die EU will länderübergreifende Förderungen für Ökostrom und denkt an Quoten- oder Auktionsmodelle. Das könnte die Kosten des Ausbaus senken, oder?

Daran glaube ich nicht. Es ist natürlich sinnvoll, wenn man geologische Vorteile ausnützt, also Windkraftwerke dahin baut, wo besonders viel Wind weht. Aber man kann und soll nicht alles automatisch vereinheitlichen. Dass ein Quotenmodell oder ein Auktionsmodell billiger wäre als unser heutiges System, bezweifle ich sehr. Das sehen wir in fast allen Ländern, die es ausprobiert haben. Sie haben sich nach einer Zeit wieder dagegen entschieden, weil das Modell höhere Risikoaufschläge in der Finanzierung fordert und damit höhere Kosten verursacht.

Stichwort Subventionen: Viele Energieversorger rufen derzeit nach Förderungen für das Bereithalten von Kraftwerken, die notwendig sind, um die Energieversorgung stabil zu halten. Sollten diese fossilen Kraftwerke auch gefördert werden?

Nein. Die Kraftwerke lohnen sich nicht mehr, weil es zu viel Strom gibt. Aber das ist der Markt. Bevor man baut, muss man eben fragen, ob es sich lohnt oder nicht. Und mittelfristig rechnet sich kein Kohlekraftwerk. Jedes, das heute gebaut wird, ist eine Fehlinvestition. Es gibt – außer in Süddeutschland – zu viele Kraftwerke und wir sollten sie abschalten statt zusätzlich fördern. Das kann erst nach dem Atomausstieg 2022 ein Thema sein. Aber auch da traue ich dem Markt mehr als den Versorgern. Ihre Motivation ist klar: Sie wollen sich alte Kraftwerke subventionieren lassen. Das wäre aber richtig teuer.

ZUR PERSON

Claudia Kemfert (44) leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Im Streit um Sinn und Unsinn der Energiewende gilt die Wirtschaftswissenschaftlerin als eine der stärksten Stimmen auf Seiten der Erneuerbaren. Selbst in seriösen deutschen Medien firmiert sie unter dem Titel „Miss Energiewende“.

Die Ökonomin ist auch politisch aktiv. 2012 beriet sie den früheren Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), 2013 Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD). Ihre persönliche Bilanz der Energiewende hat Kemfert in ihrem Buch „Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole“ niedergeschrieben. [ Archiv ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2013)