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Was John F. Kennedy zum großen Präsidenten machte

Wenn je in den zutiefst republikanischen USA die Stimmung herrschte, der Präsident habe die Statur eines Monarchen, dann was das in der Ära JFK.

Morgen jährt es sich zum fünfzigsten Mal, dass John F. Kennedy den Schüssen Lee Harvey Oswalds zum Opfer fiel. Alle, die Zeitzeugen dieses Geschehens waren, erinnern sich, wie sie es damals erfuhren. So auch ich: Einer meiner Mitschüler in der damaligen erstenKlasse, Gabor Darvas, der Verwandte in den USA hatte, teilte uns Internatskindern die Nachricht aufgeregt in den späten Abendstunden mit. Trotz unserer jungen Jahre spürten wir irgendwie, dass es sich um ein Geschehen handelt, das die Welt verändern wird.

Jahrzehnte später wurde von vielen Seiten ein nüchternes Bild der Präsidentschaft Kennedys gezeichnet. Es stimmt: Sein Wahlsieg gegen Richard Nixon war erstaunlich knapp. Es mag sein, dass Abstimmungsunregelmäßigkeiten in einigen Bundesstaaten Kennedys Wahlsieg erst ermöglichten.

Es stimmt: Kennedy stammt aus einer Familie, deren Oberhaupt den außerordentlichen Reichtum mit Aktienspekulationen und offenbar auch mit illegalem Schnapshandel aufgebaut hat und der sich unbändig ehrgeizig mit nichts Geringerem zufriedengeben wollte, als dass seine Söhne die höchsten politischen Ämter in den Vereinigten Staaten von Amerika erringen.

Es stimmt: Kennedy hatte auf Anraten des Geheimdienstes im April 1961 den Invasionsversuch von Exilkubanern in der Schweinebucht auf Kuba unterstützt, der kläglich scheiterte. Es stimmt: Kennedy verstärkte das militärische Engagement der USA in Vietnam, indem er die Zahl der als „Militärberater“ nach Südvietnam entsandten US-Soldaten von gut 700 auf über 16.000 erhöhte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch er, wie sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, die Ausweitung des Krieges nicht verhindert hätte – aber genau weiß dies niemand.

Aber es ist weniger entscheidend, wie die innen- und außenpolitischen Leistungen Kennedys zu bewerten sind. Viel wichtiger ist die außerordentliche Ernsthaftigkeit, das beeindruckende Charisma, die in seinen Reden zum Ausdruck gebrachte visionäre Kraft, mit der dieser damals jüngste Präsident der Vereinigten Staaten sein Amt wahrnahm. Beginnend mit dem von keinem seiner Nachfolger jemals überbotenen Wort in der Inaugurationsrede: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country!“ Im gleichen Jahr 1961 kündigte er programmatisch an: „I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth.“

Dass dies in der Tat beeindruckend glückte, noch dazu unter der Präsidentschaft seines einstigen Widersachers Richard Nixon, beweist, wie weitblickend dieser Mann war. Mit diesem Wort hatte er nicht nur das eigentlich ziemlich nutzlose Ziel vorgegeben, dass irgendjemand ein paar Fußspuren auf dem Mond hinterlassen sollte, er gab mit ihm zugleich den Anstoß für eine technische Entwicklung ohnegleichen. Denn die Raumfahrt benötigte Rechengeräte im Miniaturformat. Dass die Computerindustrie so rasant voranschritt, wäre ohne dieses Bedürfnis undenkbar.

Das Begräbnis Kennedys mit dem zu Herzen gehenden Salut, den sein erst knapp drei Jahre alter Sohn dem vorbeiziehenden Sarg leistete, war eines Königs würdig.

Möglicherweise macht dies die Größe der Präsidentschaft Kennedys aus: Wenn je in den zutiefst republikanischen USA die Stimmung herrschte, der Präsident der Vereinigten Staaten habe die Statur eines Monarchen, bei John F. Kennedys Ausstrahlungskraft und bei der beeindruckend Persönlichkeit seiner ihm, all seiner Eskapaden zum Trotz, stets loyal verbundenen Frau, die das Weiße Haus zu einem Zentrum der Kultur und Kunst machte, empfand man sie.

Mit den Schüssen von Dallas scheint diese Eleganz, mit der Kennedy seine kurze Ära prägte, wohl für sehr lange Zeit dahin. Keiner seiner Nachfolger kam ihr je nahe. In diesem Sinn ist der 35. Präsident der USA sicher zu den Großen zu zählen.

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Zum Autor:
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2013)