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So lasst sie doch endlich streiken!

Es steht ein Milliardensparpaket bevor – und die Lehrergewerkschaft streikt wegen etwas Mehrarbeit. Das muss man nicht verstehen. Und das ist gut so.

Endlich. Die österreichische Lehrergewerkschaft hat sich dazu entschlossen, Kampfmaßnahmen gegen die Regierung einzuleiten. Das ist gut so. Vielleicht, weil es zu den ureigensten Aufgaben einer Gewerkschaft zählt, sich gegen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen einzusetzen. Ganz sicher gut ist es, weil die seit nunmehr zwölf Jahren ergebnislos hinter mehr oder weniger verschlossenen Türen vor sich hin dümpelnden Dienstrechtsverhandlungen nun dort angelangt sind, wo sie mittlerweile hingehören: an die Öffentlichkeit.

Zwar sind ein Gesetzesbeschluss gegen die Interessenvertreter und darauf folgende Streiks nicht unbedingt die erste Wahl der Waffen in einer Dienstrechtsverhandlung. So verfahren, wie die Situation ist, könnte sich ebendies allerdings als der einzige noch brauchbare Schritt erweisen.

Die Gewerkschaft ist damit nämlich endlich gezwungen, sich und ihre Positionen einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. Sich bloß auf dem großen innerparteilichen Einfluss auszuruhen, mit dem man bisher jedwede Reform blockiert hat, die der eigenen Klientel zuwider war, wird ab nun zu wenig sein. Auch die wehleidige Taktik, sich selbst als unschuldige Buhmänner einer Gesellschaft voll ahnungsloser Ignoranten, die vom Schulalltag so gar keine Ahnung haben, zu inszenieren, wird hoffentlich nicht mehr aufgehen.

Die Gewerkschaft könnte uns nun etwa erklären, warum sie nicht akzeptieren kann, dass Volksschullehrer nicht weniger verdienen sollen als AHS-Lehrer. Nicht nur die vielen Volksschullehrer sind sicher gespannt auf die Argumente, warum ihre Bildungsarbeit weniger wert ist – nur weil die Kinder, mit denen sie arbeiten, jünger sind.

Die Gewerkschaft könnte uns aber vor allem erklären, warum es in Zeiten, in denen dem Land ein Milliardensparpaket bevorsteht, ausgerechnet ihrer Berufsgruppe partout nicht möglich ist, einige Stunden mehr zu arbeiten. Von einer gestiegenen (Arbeits-)Belastung können nämlich auch andere Bevölkerungs- und Berufsgruppen erzählen, die vorab übrigens nicht zwölf Jahre lang um ihr Plazet gefragt wurden. Für sie alle muss die Streikdrohung wie ein Hohn wirken. Dass sich Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer (ÖVP) am Mittwoch noch dazu zu der Aussage verstieg, dass der öffentliche Dienst „das Budgetloch nicht stopfen werde“, zeugt entweder von unglaublicher Kaltschnäuzigkeit – oder offenbart, dass er das Problem des österreichischen Staatshaushaltes immer noch nicht verstanden hat. Zweiteres wäre noch bedenklicher.

Dass die Gewerkschaft auch nachvollziehbare Kritikpunkte liefert, soll freilich nicht unterschlagen werden. Dass etwa ein Mathematiklehrer gleich viele Stunden unterrichten soll wie, sagen wir, ein Turnlehrer, ist tatsächlich nicht verständlich. Dass fachfremder Unterricht – also durch einen Lehrer, der für das Fach nicht ausgebildet ist – nicht eben die Qualität steigert, wird wohl ebenfalls jeder unterschreiben. Die Frage, warum es den sonst so effizienten Lehrervertretern in gezählten 35 Verhandlungsrunden nicht gelungen ist, hier finanzier- und umsetzbare Gegenmodelle vorzulegen, wird man ihr dennoch nicht ersparen können. Ebenso wenig die Frage, ob sich diese Punkte tatsächlich eignen, als Berechtigung für Streiks zu dienen.


Wem all das nicht reicht, der sollte spätestens bei der Ankündigung der Gewerkschaft, die Schüler „auf ihre Seite ziehen zu wollen“, alarmiert sein. Die Idee, die Kinder in den Turnsälen zu versammeln und an den Dienststellenversammlungen (zwangs-)teilhaben zu lassen, hat eher etwas von Indoktrinierung als von einem gesunden Verständnis von Schulpartnerschaft. Die Gewerkschaft ist endgültig über das Ziel hinausgeschossen. Vom Gedanken, dass sie gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen könnte, hat sie sich schon lang verabschiedet. Mit der neuen Gangart bringt sie jetzt aber auch ihre Klientel – vielfach zu Unrecht – erneut in Misskredit.

Genau das steht dem Gelingen unseres Schulsystems weit mehr im Weg als ein paar Unterrichtsstunden zusätzlich. Bleibt zu hoffen, dass das auch den vielen Lehrern langsam klar wird. Und sie sich endlich vom fehlgeleiteten Kurs ihrer Vertreter emanzipieren.

E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2013)