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Tarawa-Atoll: Als Amerikas Gegenschlag im Pazifik begann

Landung auf Tarawa, Gemälde von Tom Lovell
Landung auf Tarawa, Gemälde von Tom LovellMarine Corps Combat Art Collection
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20.-23. November 1943 griff eine US-Invasionsflotte das Atoll Tarawa im Zentralpazifik an, Japans östlichsten Vorposten. Der Angriff wurde für die Marines unerwartet blutig, das "Inselspringen" leitete Japans Niederlage ein.

Es war eine Szene von dantesker Grausamkeit, die in diesen warmen Tag auf der zuvor paradiesartigen pazifischen Sandinsel unter dem blauen Himmel mit den weißen Wolkenbänken platzte. Mehrere Tage lang war hart gekämpft worden, Pulverdampf waberte in dichten Schwaden, kaum eine Palme stand noch - und da versuchten einige der letzten Verteidiger, sich zu Fuß über das flache Korallenriff zur nächsten Insel abzusetzen.

Diszipliniert, wie sie von Natur aus waren, rannten die Männer einen engen geraden Pfad entlang Richtung Strand am schmalen Ostende der Insel, säuberlich hintereinander in einer Linie. Da brach genau hinter ihnen ein Panzer aus dem Gewirr von Trümmern und umgestürzten Palmen. Er richtete seine Kanone so, dass sie exakt in einer Linie mit den Fliehenden zu liegen kam.

Es sei, so wird berichtet, hernach nicht möglich gewesen, die Toten genau zu zählen. Es waren wohl 50, vielleicht sogar 80. Ihre Leiber waren zerfetzt, Köpfe und Oberkörper abgerissen oder zerplatzt, wild durcheinandergewirbelt oder unauffindbar. Eine einzige 75-Millimeter-Granate des „Sherman"-Panzers hatte die gesamte Reihe niedergemäht.

Es begann an einem Samstag

Die Szene markierte in etwa das Ende der Schlacht um eine kleine Insel namens Betio auf dem zentralpazifischen Tarawa-Atoll (s. Googlemaps-Karte am Anfang der Geschichte), deren Beginn drei Tage zuvor, am 20. November 1943, es war ein Samstag, etwas weit Größeres eingeleitet hatte: Den Beginn des alliierten Gegenschlages im Pazifikkrieg gegen das japanische Imperium, der nach vielen Luft- und Seeschlachten, erbarmungslosen Bodenkämpfen und dem Abwurf zweier Atombomben im August 1945 endete.

Die Vorgeschichte ist bekannt: Von Dezember 1941 bis Frühsommer 1942 hatte Japan in einem beispiellosen Sturmlauf ganz Südostasien und Teile der süd- und zentralpazifischen Inselwelt erobert. Die anderen Kolonialmächte USA, Großbritannien und die Niederlande samt ihren Alliierten Australien und Neuseeland hatten dem nichts entgegenzusetzen.

Lage im Pazifik ab Sommer 1942
Lage im Pazifik ab Sommer 1942Aus: "Der große Atlas zum 2. Weltkrieg", Südwest Verlag, München 1974

So beherrschte Japan bis Juni 1942 einen gewaltigen Bogen von Burma über Malaya (beide britisch), Indonesien (holländisch), Neuguinea (holländisch/australisch) und die Salomonen (britisch/australisch) bis zu zentralpazifischen Inselgruppen wie den Marshall Islands - siehe die schwarze Linie auf der Karte oben, Tarawa ist in der Ausbuchtung nahe des Äquators).

Die Marshall-Islands sind unweit der Datumsgrenze rund 3800 Kilometer südwestlich von Hawaii und waren seit Ende des 1. Weltkriegs Völkerbundmandate Japans, ebenso wie fast alle Inseln westlich davon bis ins Vorfeld der Philippinen, namentlich die Nördlichen Marianen und die Inseln Mikronesiens (damals „Karolinen").

Sackgassen Midway, Neuguinea, Salomonen

Dann liefen sich die Japaner auf Neuguinea und den Salomonen nördlich Australiens fest. Juni 1942 erlitt ihre Flotte bei Midway, einem Atoll auf zwei Dritteln der Distanz von Japan bis Hawaii, eine schwere Niederlage. Nun ging es abwärts, und von Herbst 1942 bis Oktober 1943 fraßen sich Australier, Amerikaner und Neuseeländer auf den Salomonen und Neuguinea im Schneckentempo, aber stetig nach Norden voran.

Das japanische Reich zerschneiden

Mitte 1943 waren die USA zur See stark genug, um in die Großoffensive zu gehen. Der „Grand Plan" war, die Philippinen und/oder Formosa (Taiwan) bzw. die Ryukyu-Inseln südwestlich von Japan zu besetzen, um das Reich des Tenno Hirohito zu zerschneiden und sich nahe dessen Zentrums festzusetzen.

Die Amerikaner wollten sich primär von Hawaii her kommend durch die zentralpazifische Inselwelt im Norden des Äquators kämpfen und eine Insel nach der anderen nehmen, das sogenannte „Inselspringen" (siehe obige Karte). So würde man eine Kette von Landbasen und Häfen schaffen - und Pisten für landgestützte Flugzeuge, denn die damalige Seekriegsdoktrin der USA sah noch vor, dass landgestützte Flugzeuge nach Möglichkeit einen Luftschirm über die Flotten (samt Flugzeugträgern) und deren Zielgebiete spannen sollten.

Blick über den Südrand Tarawas nach Osten
Blick über den Südrand Tarawas nach OstenCPL / Rachel Ingram

Und so wurde das erwähnte Inselchen Betio am östlichsten Rand des japanischen Reichs zum ersten Ziel. Betio ist eine der Hauptinseln des Atolls von Tarawa, das aus etwa 24 Inseln besteht.

Ein rechtwinkliges Dreieck im Meer

Geographie und Geschichte sind etwas kompliziert: Tarawa sieht aus wie ein rechtwinkliges Dreieck mit dem rechten Winkel links unten, dort liegt Betio. Entlang des etwa 29 Kilometer langen Südrandes und des 39 km langen, schrägen Ostrandes (letzterer ist quasi die Hypothenuse) des Dreiecks heben sich Ketten flacher sandiger Inseln wenige Meter aus dem Korallenriff.

Tarawa ÜbersichtskarteMark Trenchant

Sie sind sehr schmal, im Schnitt nur wenige Hundert Meter, die Gesamtfläche beträgt 31 km2. An der langen Nordsüdachse im Westen (etwa 32 km) bleibt das Riff knapp unter der Wasseroberfläche und lässt nur nahe seines Südendes eine schmale Passage für Schiffe frei - unweit der Insel Betio.

Tarawa gehört mit 15 anderen Atollen zur lokalen Gruppe der Gilbert-Inseln und ist das Hauptgebiet der seit 1979 bestehenden Republik Kiribati. Mindestens 56.000 Menschen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, leben auf Tarawa, und von diesen wiederum fast alle, mehr als 50.000, auf den Inseln am Südrand (South Tarawa). Die sind daher sehr dicht besiedelt, rund 3200 Menschen pro Quadratkilometer, das entspricht Städten wie Wien (4220/m2), wobei zu bedenken ist, dass die meisten Häuser auf Tarawa maximal ein Stockwerk haben, sich die Dichte also nicht in die Höhe verteilt.

Besonders extrem ist Betio: Das Inselchen ähnelt einer Kaulquappe, ist von West bis Ost etwa 4,4 Kilometer lang und großteils nur etwa 150 bis 750 Meter breit, wobei es sich von links nach rechts verjüngt, am „Schwanzende" auf unter 20 Meter, ja faktisch auf Null - freilich führt heute eine Straße zu den anderen Inseln und das Wasser ist über dem Riff naturgemäß sehr seicht.

Die Insel Betio
Die Insel BetioGoogle Maps

Die Fläche Betios misst rund 1,7 km2, das ist etwas mehr als die Hälfte des 1. Wiener Bezirks, darauf leben aber (Daten von 2010) mehr als 16.700 Menschen, also fast 10.000 Menschen pro km2, was schon in der Liga von Wien-Meidling spielt. Insgesamt entspricht Tarawa, vor allem der Süden, heute trotz all des Südseehintergrundes nicht mehr ganz dem Bild eines halbwegs einsamen Paradieses - auch weil die meisten Sandstrände sehr schmal und oft recht schmutzig sind.

Wehrlose britische Kolonie

1941 waren Tarawa und die übrigen Gilbert-Inseln eine britische Kolonie und im Dezember, wenige Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbor, von kleinen Verbänden der Japaner besetzt worden.

Kämpfe gab es nicht: London unterhielt auf den Gilberts, so wie auf den meisten seiner pazifischen Besitzungen, keine Garnison. Dafür schoben etwa zwei Dutzend Neuseeländer Dienst als Funker und Beobachter und Seewächter; von ihnen wurden später mindestens 17 von den Besatzern hingerichtet, als Repressalie nach US-Bombardements.

Geköpfte Zivilisten

Wie überlebende australische Nonnen berichteten wurden auch zwei bis drei Dutzend andere „Weiße" im Lauf der Zeit hingerichtet, oft durch Enthauptung: Darunter waren Beamte, Missionare, Priester (auch aus der Schweiz und Frankreich), Händler, pensionierte Seeleute und ein Apotheker.

Auf einer anderen Insel wurden etwa 150 Burschen - Einheimische und Chinesen -, die eine Missionsschule besuchten, erst lange als Zwangsarbeiter benutzt und dann in einer Reihe aufgestellt, mit Bajonetten erstochen und ins Meer gekippt.

Ein folgenschweres Kommandounternehmen

Am 17./18. August 1942 sickerten etwa 210 Männer der „Marine Raiders", einer Spezialtruppe innerhalb des US-Marinekorps, auf zwei U-Boten auf Makin ein, einem Atoll rund 170 km nördlich Tarawa. Sinn war der Test der japanischen Verteidigung, man wollte Informationen sammeln und von baldigen Operationen auf den Salomonen ablenken.

In einem brutalen Gefecht töteten die Raiders vermutlich die gesamte japanische Garnison (mindestens 83 Mann, möglicherweise mehr als 160), hatten aber auch 21 Gefallene und mussten neun Männer zurücklassen. Die wurden, nachdem die Japaner Verstärkungen eingeflogen hatten, gefangen und später geköpft.

Die Aktion bewirkte freilich vor allem eines: Den Japanern dämmerte die Bedeutung der Gilberts erst recht, und sie begannen, ihre Positionen dort stark auszubauen.

Japaner auf Tarawa
Japaner auf TarawaImperial Navy of Japan

Im Herbst 1943 umfasste die größte Garnison, jene auf Tarawa, folglich rund 2600 Soldaten, großteils knallharte, extrem disziplinierte Marineinfanteristen. Dazu kamen etwa 2200 Mann der Pionier- und Arbeitstruppe, etwa die Hälfte davon waren freilich Zwangsarbeiter aus Korea.

Man brachte auch 14 leichte Panzer „Typ 95 Ha-Go" herbei, das waren damals schon veraltete, dünn gepanzerte Fahrzeuge mit schwachbrüstigen 37-mm-Kanonen. Panzerentwicklung war keine Stärke der Japaner, was aber auch daran liegt, dass die asiatischen und pazifischen Kriegsschauplätze für Panzer meist schon vom Gelände her sehr schlecht geeignet waren, weshalb der Panzerbau vernachlässigt wurde.

Japanische MG-Schützen auf Betio
Japanische MG-Schützen auf BetioImperial Navy of Japan

Mit Abstand der größte Stützpunkt auf Tarawa war Betio: Es wurde zu einer Festung ausgebaut. Rund 500 kleine und größere Bunker und Kampfunterstände übersäten die Insel, sie waren miteinander durch Gräben verbunden, überall waren Unterstände mit Maschinengewehren, Feldkanonen (etwa 40), Pak und Flak.

"Eine Million Männer, eine Million Jahre"

An die Ufer kamen 14 mittlere und schwere Küstengeschütze, vier davon vom Kaliber 20 Zentimeter. Vor allem wurden entlang der inneren Strände, also an der Lagunenseite, rund 1,5 Meter hohe Wälle aus Palmenstämmen errichtet, hinter denen MG- und Pak-Stellungen und Schützengräben waren.

Konteradmiral Keiji Shibazaki, Inselkommandant von TarawaArchiv

Natürlich war eine Flugpiste in den Wald geschnitten worden, man stationierte hier vor allem Aufklärer. Als im Sommer 1943 Konteradmiral Keiji Shibazaki (*1894) der neue Kommandeur auf Tarawa wurde, ein erfahrener Offizier, der schon in China gekämpft hatte, tönte er, dass „eine Million Männer eine Million Jahre brauchen" würden, um Tarawa zu erobern.

Der Anmarsch der US-Flotte

Die US-Flotte, die sich schließlich Mitte November den Gilberts näherte, war die größte, die bis dato im Pazifik zusammengestellt worden war. Die Zahlenangaben variieren heute geringfügig, aber es waren etwa sechs große Flugzeugträger (je etwa 90 Flugzeuge) - darunter „Yorktown", „Lexington" und „Enterprise" -, fünf leichte Träger (je etwa 40) und sechs Escort-Träger (je etwa 25), dazu zwölf Schlachtschiffe, zwölf Kreuzer, 66 Zerstörer und 36 Truppentransporter.

Die US-Invasionsflotte (hier allerdings einige Monate nach Tarawa in den Marshall-Islands)
Die US-Invasionsflotte (hier allerdings einige Monate nach Tarawa in den Marshall-Islands)US Navy

Das war an Kriegsschiffen (vor allem Trägern) bereits deutlich mehr, als Japans bereits stark angeschlagene Kriegsflotte noch insgesamt besaß; und diese war, von U-Booten und kleineren Schiffen abgesehen, weit entfernt von den Gilberts verteilt, ihre Hauptsammelgebiete waren die Philippinen, Indonesien und die japanischen Heimatgewässer.

Die Haupt-Invasionsflotte der USA im Pazifik sollte indes im Laufe des Inselspringens noch wachsen, speziell bei Zerstörern und Transportern und Begleitschiffen - gerade auch, weil immer mehr Divisionen von Marines und Army als Bodentruppen für Invasionen mitfuhren. Im Oktober 1944 vor den Philippinen waren es etwa schon mehr als 550 Transportschiffe.

"Dauntless"-Bomber auf U-Jagd-Patrouille, 12. November 1943, man sieht das Schlachtschiff "Washington" und den Träger "Lexington"US Navy

Am Morgen des 20. November, als die Flotte angriff, waren an Bord der Transporter die 2. Marine-Division sowie Teile der 27. Infanteriedivision der Armee (im Kern ein Regiment, ein Bataillon), zusammen rund 35.000 Soldaten. Die Marines sollten erst Betio und dann ganz Tarawa nehmen, die Army das Atoll Makin.

Von wegen Spaziergang

Man erwartete einen Spaziergang, schließlich würde schweres Vorbereitungsfeuer die Verteidiger wohl „plätten". Allerdings waren Struktur und Stärke der Festung auf Betio nicht so richtig bekannt, und: Bei den vorherigen amphibischen Operationen der Alliierten an der pazifischen Südfront (Neuguinea, Salomonen) gab es meist gar keinen oder nur mäßigen japanischen Widerstand.

Luftaufnahme von Betio, September 1943, man sieht die mächtige Schneise des japanischen FlugfeldsUS Airforce


Doch zuerst schlugen die Verteidiger zu: Deren vier schwere Küstengeschütze feuerten etwa um fünf Uhr los. Drei davon wurden bald durch die Schlachtschiffe „Colorado" und „Maryland" zusammengeschossen, das vierte fiel weitgehend aus. Kurz nach 6.00 setzten Luftangriffe ein, wobei vielen Piloten auffiel, dass die Stellungen trotz des vorherigen Granatenhagels aus den Schiffsgeschützen großteils intakt waren.

Den Luftschlägen folgte mehrstündiges Feuer aus Schiffsgeschützen, während Minenräumer die Zufahrten in die Lagune säuberten. Die Insel war von Qualm und Rauch eingehüllt, Journalisten auf den US-Schiffen berichteten, es sei unvorstellbar gewesen, dass sich nach dem Beschuss auch nur eine Maus im Sand rühren könne.

Landungsfahrzeuge nähern sich Betio
Landungsfahrzeuge nähern sich BetioUS Navy

Kurz nach 9 wurde es für die Männer der 2. Marines-Division von Generalmajor Julian Smith (1885-1975) ernst, als die ersten von unzähligen kleinen Landungsbooten und „Alligatoren" durch die Passage an der Westseite des Riffs nahe des Ziels Betio in die Lagune eindrangen.

Der Himmel war gegen die USA

Die sogenannten Alligatoren waren leicht gepanzerte Schwimmfahrzeuge mit Ketten, die im Gegensatz zu den gewöhnlichen Landungsbooten auch auf die Strände und über Land fahren konnten, sie fassten jeweils mehr als 20 Mann und waren mit je zwei MGs bewaffnet.

Karte der Invasion
Karte der InvasionAus: "Der große Atlas zum 2. Weltkrieg", Südwest Verlag, München 1974

Doch nun zeigte sich, dass sich sozusagen jemand gegen die Amerikaner verschworen hatte, dem diese sonst so offensiv vertrauen: der Himmel. Genauer gesagt der Mond und die Sonne. Die Angriffsplaner hatten nämlich offenbar nicht bedacht, dass zu diesem Zeitpunkt Sonne und Mond und Erde so gegeneinander positioniert waren, dass eine „Nipptide" herrschte. Das ist ein Phänomen, das alle 14 Tage auftritt, stets in etwa bei Halbmond: Dann bilden Sonne, Erde und Mond einen rechten Winkel und die Gezeitenkräfte von Sonne und Mond heben einander auf, was praktisch bedeutet, dass die zwei täglichen Fluten schwächer ausfallen als sonst.

Am 20. November 1943 war die Flut sogar noch etwas schwächer, weil der Mond gerade am erdfernsten Punkt seiner Bahn stand. Praktisch hieß das: Das Wasser in der Lagune stand nicht hoch genug. Die Landungsboote liefen mehr als einen halben Kilometer vor den Zielstränden an der Nordwestküste von Betio auf.

Die Marines müssen hunderte Meter durchs Wasser waten
Die Marines müssen hunderte Meter durchs Wasser watenUS Marine Corps

Es ging um wenig, mit etwa 1,5 Meter Wasserstand hatten die Planer gerechnet, das hätte für die Landungsboote gereicht, aber das Wasser stand nur etwa einen Meter hoch. Für die Männer in den Landungsbooten hieß es aussteigen und waten, Landungsboote mit Panzern drauf kamen erst recht nicht weiter. Nur die Alligatoren knirschten mit ihren Raupen über den Korallenboden voran.

Nun setzte massives japanisches Feuer ein: Die meisten Stellungen in dem harten Korallenboden hatten dem Beschuss getrotzt, die Japaner warfen über das Grabensystem Verstärkungen herbei und konnten umso ungehinderter schießen, als jetzt das Unterstützungsfeuer der Amerikaner unter Rücksicht auf ihre Männer in der Kampfzone ausbleiben musste.

Tod in der Lagune

Es wurde zu einem Gemetzel, als die MGs und Scharfschützen und Kanonen und Granatwerfer unter den anrückenden Marines im Wasser wüteten. Mehr als die Hälfte der Alligatoren wurden im konzentrierten Abwehrfeuer ausgeschaltet, jene, die es zum Strand schafften, konnten den Wall aus Palmstämmen nicht überwinden (siehe später aufgenommenes Foto unten).

Einer von vielen
Einer von vielen "Alligatoren", die am Schutzwall hängen bliebenUSMC

Dennoch erreichten die watenden Marines an einigen Stellen die Strände und blieben dort vorerst im Abwehrfeuer liegen. Der japanische Kugelhagel war unbeschreiblich, überraschenderweise konnten einige US-Einheiten aber sehr schnell den zentralen Pier erobern.

Dann gelang es im östlichen Landeabschnitt, sechs Sherman-Panzer anzulanden, mit deren Hilfe sich die Marines zäh voran arbeiteten - und wenngleich bis zum Nachmittag die meisten der Panzer ausgefallen waren hatten die Marines hier doch schon den Rand der Flugpiste erreicht, also an dieser Stelle etwa die Hälfte der Inselbreite erobert.

Schwieriger war es an den westlichen Abschnitten, wo sie oft nur 20 Meter und weniger vorgedrungen waren; in den Brückenköpfen kauerten die Männer dicht gepackt und erlitten schwere Verluste, wenn japanische Artilleriegeschosse unter ihnen einschlugen.

Marines kauern am Strand von Betio
Marines kauern am Strand von BetioUSMC

Unterdessen wurde klar, dass die japanischen Kommunikationsverbindungen nicht mehr funktionierten und ihre Stellungen und Bunker isoliert voneinander kämpften. Am Nachmittag wollte Inselkommandeur Shibazaki seinen Posten im Schutze von Ha-Go-Panzern weiter nach Osten verlegen. Er und seine Offiziere verließen gerade den Bunker am Westende des Rollfelds, als eine Schiffsgranate einschlug und alle tötete.

Im Lauf des Abends und der Nacht stabilisierte sich die Front auf der Insel. Weiter konnten Landungsboote nicht anlegen, weil sie in der Lagune aufliefen, Tausende Marines mussten auf gestrandeten Booten oder auf schaukelnden Booten im Meer vor dem Riff schlafen.

Meter um Meter und Blut um Blut

Die Japaner ihrerseits waren ob der Wildheit der Kämpfe nicht weniger angeschlagen und brachten ob ihrer zerstörten Kommandostrukturen keinen organisierten Gegenangriff zustande - ein solcher hätte zumindest den hauchdünnen westlichen Brückenkopf der Marines wohl eingedrückt. Von etwa 5000 gelandeten Männern waren 1500 tot oder verwundet.

Im Laufe des 21. und 22. Oktobers Oktobers fraßen sich die Amerikaner trotz härtesten Widerstandes Meter um Meter in die Insel hinein, deren Palmenwald bereits weitgehend geknickt war. Feindstellungen wurden mit Flammenwerfern und geballten Ladungen geknackt, leichte Geschütze und Panzer angelandet.

Mit Flammenwerfern werden Feindstellungen ausgeräuchert
Mit Flammenwerfern werden Feindstellungen ausgeräuchertUSMC

Alligatoren brachten in einer neuen Landezone an der Westspitze Betios Truppen herbei, bis zum Abend des 22. war das Gros der Westhälfte der Insel inklusive des Flugfeldes erobert und die Garnison weitgehend gefallen. Viele Japaner hatten auch Selbstmord in ihren Stellungen begangen oder sich in sinnlosen, selbstmörderischen Einzelattacken auf die Marines gestürzt.

Der Banzai-Angriff der letzten Kämpfer

In der Nacht auf Dienstag, 23. November, trat das Gros der übrigen Japaner auf der Ostseite der Insel kollektiv zu einem „Banzai-Angriff" an: „Banzai" bedeutet als Schlachtruf „zehntausend Jahre", so viele Jahre an Glück möge er dem Ausrufer, den Umstehenden oder dem dadurch Geehrten bringen.

Ein Banzai-Angriff war an sich kein absichtlicher Selbstmordangriff, einfach eine Sturmattacke laut brüllender Soldaten nach Vorbild früherer Zeiten - im Endeffekt aber endete das angesichts moderner Schnellfeuerwaffen meist wie ein Selbstmordangriff.

Die Front zog sich nur noch etwa 300 Meter über die Breite der Insel, als um 4 Uhr früh mehr als 300 Japaner auf der südlichen Flanke anstürmten, mit aufgepflanzten Bajonetten, die Offiziere mit gezückten Säbeln, direkt hinein in die Linien des 1. Bataillons des 6. Marines-Regiments. Nachdem die Schießerei geendet hatte lagen etwa 200 Angreifer tot vor den Stellungen der Marines - weitere 125 hatten es in oder hinter die Stellungen geschafft, waren aber ebenfalls tot. Das 1. Bataillon wurde kurz darauf aus der Linie genommen - es hatte in dieser Nacht 45 Gefallene und fast 130 Verwundete.

Die schmale Ostspitze Betios nach Bombardierungen, aber noch in der Hand der Japaner
Die schmale Ostspitze Betios nach Bombardierungen, aber noch in der Hand der JapanerUS Navy

Die schmal zulaufende Ostspitze Betios, von jetzt an waren es nur noch zwei Kilometer zu ihrem Ende, wurde in den folgenden Stunden erneut tüchtig bombardiert, dann rückten die Marines vor, mit Panzerunterstützung. Ein Sherman rollte heran, sah genau vor sich in einer Reihe Japaner einen geraden Weg entlang zum Wasser fliehen. Dann verließ die Granate auch schon sein Rohr.

17 Japaner gaben auf

Bis zum 28. November war das gesamte Atoll gesichert. Von rund 4800 Mann der Garnison überlebten etwa 130 koreanische Arbeiter und 17 Japaner, die sich ergaben. Später berichteten Einheimische, die Amerikaner hätten einige der Gefangenen von Schiffen ins Meer geworfen, das lässt sich aber angeblich nicht mehr bestätigen.

Einige der wenigen Gefangenen
Einige der wenigen GefangenenUSMC

Die Kämpfe auf Tarawa waren ein böses Omen für den weiteren Verlauf des Krieges, denn sie bewiesen frühere Erfahrungen, dass die Japaner ein Gegner ganz spezieller Art und mit den Deutschen (ganz zu schweigen von den Italienern) nicht vergleichbar waren: Ihre Soldaten gaben aufgrund des Ehrenkodex und der alten Traditionen ihrer Heimat meist nicht auf, auch nicht in aussichtslosen Situationen, bei denen ein Rückzug oder eine Umgruppierung taktisch wie operativ weit sinnvoller gewesen wäre. Es war absehbar, dass die Niederringung Japans ungewöhnlich große Verluste kosten würde.

Der Sieg auf dem kleinen Atoll - einem von vielen, die noch vor ihnen lagen, war auch teuer erkauft: Die Marines der 2. Division hatten rund 980 Gefallene und 2200 Verletzte und Invalide zu beklagen.

Gefallene US-Marines
Gefallene US-MarinesUSMC

 

 

Liegengebliebene
Liegengebliebene "Alligatoren" und ein japanischer "Ha-Go"-PanzerUS Coast Guard

Im Vergleich dazu war die zeitgleiche Besetzung von Makin durch 6500 Mann der 27. Army-Division (Generalmajor Ralph C. Smith, 1893-1998) ein Spaziergang. Auch hier waren die Landungsboote am 20. November in der Lagune aufgelaufen, allerdings gab es auch problemlose Landungen von der Seeseite her. Zudem waren die Verteidiger nur etwa 400 Mann plus 400 japanische und koreanische Arbeiter und hatten sich ins Innere der Hauptinsel geflüchtet.

Die weit einfachere Landung auf dem Makin-Atoll
Die weit einfachere Landung auf dem Makin-AtollUS Army

Nach drei Tagen war fast die ganze Garnison tot: 101 Koreaner überlebten, drei Japaner ergaben sich. Die GIs hatten 66 Tote. Schwerer wog, dass ein U-Boot den Escort-Träger „Liscome Bay" versenkte, 644 Männer starben, vor allem durch detonierende Bomben. 43 Seeleute starben, als in einem Geschützturm des Schlachtschiffs „Mississippi" Munition hochging.

Proteste und Wirbel an der Heimatfront

Die hohen Verluste angesichts des minimalen Gebietsgewinnes führten in den USA zu Protesten in den Medien und Streit innerhalb der Militärführung. General Holland Smith, Kommandeur des V. amphibischen Korps im Pazifik, etwa schrieb später, Tarawa sei „es nicht wert gewesen", die Schuld habe an mangelnden Planungen und Irrtümern vor allem seitens der Navy gelegen.

General Julian Smith, 2. Marines-DivisionUSMC

Die Admirale Chester Nimitz und Raymond Spruance sowie Marines-General Julian Smith indes betonten, man habe mit Tarawa „die Tür der japanischen Verteidigung im Zentralpazifik eingetreten".

Tatsächlich begann schon im Februar 1944 der nächste Angriff, jetzt auf die Marshall-Islands. Die US-Verluste waren mäßig, erneut fielen aber praktisch alle Japaner dort. Die Amerikaner hatten viel hinzugelernt, bombardierten etwa noch länger und intensiver. Und warfen am Ende, im August 1945, noch zwei Atombomben ab.

Das Leben nach dem Tod

Auf Tawara, speziell auf Betio, sind übrigens noch heute allerorts Reste des Kriegs zu sehen, etwa japanische Bunker, Küstengeschütze (s. Foto unten) und sogar abgesprengte Panzertürme, die einfach so herumliegen. US-Landungsfahrzeuge stecken teils noch in der Lagune fest (s. Foto ganz unten). Menschliche Überreste tauchen auch noch gelegentlich auf: Viele der gefallenen Japaner wurden nämlich nie (intakt) gefunden - auch sind bis heute angeblich noch mehr als 100 US-Marines nicht wieder aufgetaucht.

Japanisches Küstengeschütz auf Betio
Japanisches Küstengeschütz auf BetioMatthew Traucht

 

 

Zurückgelassener
Zurückgelassener "Sherman" in der Lagune von TarawaRoisterer

 

Und nach der Schlacht ging das Leben weiter.

Hauptstraße auf South Tarawa
Hauptstaraße auf South TarawaMatthew Traucht

 

Fischer in der Lagune
Fischer in der LaguneKiribati National Tourist Office

 

Abend
AbendKiribati National Tourist Office