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Naisbitt: "John F. Kennedy war ein Leichtgewicht"

(c) EPA (LAS VEGAS NEWS BUREAU / HANDOUT)
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Trendforscher John Naisbitt war Vizebildungsminister unter John F. Kennedy. Im Rückblick geht er auch auf Schwächen des ermordeten US-Präsidenten ein. JFK habe sich zu sehr auf seinen Charme verlassen und nur wenig erreicht.

Die Presse: Sie waren lang Wegbegleiter von Präsident John F. Kennedy, schon 1952 in seinem Senatoren-Wahlkampfteam und später während seiner Präsidentschaft als Vizeminister für Bildung. Wie haben Sie ihn erlebt?

John Naisbitt: Er war sicher der charmanteste und einnehmenste Mensch, der mir je begegnet ist. Er hatte eine unfassbare Wirkung auf jeden, der ihn kennenlernte.

Wie haben Sie den Tag des Attentats vor 50 Jahren in Erinnerung?

Zuerst wurden nur Meldungen über Schüsse auf den Präsidenten veröffentlicht. Wir liefen im Bildungsministerium in die Lobby und verfolgten gebannt die Sondersendung im Fernsehen. Als die Todesnachricht kam, brachen die meisten in Tränen aus. Kennedy wurde nicht nur bewundert, sondern wirklich geliebt. Noch am Abend des Todestages legte Vizepräsident Lyndon B. Johnson den Schwur als neues Staatsoberhaupt ab. Die Stimmung unter uns im Ministerium war ganz klar: Jetzt müssen wir dem neuen Präsidenten mit voller Kraft helfen, dass er die vielen unverwirklichten Vorhaben Kennedys umsetzen kann.

Da gab es einiges zu tun. Kennedy gewann nur ein Drittel der Abstimmungen im US-Kongress.

Wenn überhaupt. Viele seiner Pläne wurden im Kongress blockiert. Erst Johnson hat später als Präsident viele von Kennedys Ankündigungen umgesetzt. Die Medicare- und Medicaid-Gesetze öffneten einer breiten Schicht den Zugang zu einer Krankenversicherung. Auch die Bürgerrechtsgesetze für die schwarze Bevölkerung wurden erst unter Johnson beschlossen.

Warum erreichte JFK so wenig?

Im Großteil des politischen Establishments galt Kennedy als politisches Leichtgewicht, das zwar medial gut wirkte, aber zu wenig Durchsetzungskraft hatte.

Hatten die Kritiker recht?

Ja. Im Vergleich mit seinem Nachfolger war Kennedy ein Leichtgewicht. Er hat sich zu sehr auf seinen Charme verlassen. Selbst Kennedys Bruder Robert, damals als Justizminister und engster Berater tätig, hatte als Machtpolitiker mehr Gewicht als John. Man soll sich nicht täuschen: Robert erschien oft als zurückhaltend, hinter den Kulissen war er ganz anders.

Haben die Krankheiten JFK gebremst? Wirkte er, wenn er nicht vor der Kamera stand, erschöpft?

Nein, er war immer sehr locker, aufmerksam und lustig. Seine Krankheiten hat er auch vor uns Mitarbeitern stets heruntergespielt und versucht, keine Schwäche zu zeigen. Als er sich etwa 1956 in Chicago auf dem Parteitag der Demokraten für den Posten des Vizepräsidentschaftskandidaten bewarb, hat er sein Team öfters zu Besprechungen im Badezimmer versammelt – er in der Wanne und wir auf Stühlen drum herum. Da war aber nie von seinem Rückenleiden die Rede. Er hat nur gesagt: „Ich brauche jetzt mal ein wenig Entspannung und Wärme.“

Wie hat es Johnson geschafft, Kennedys Ziele umzusetzen?

Johnson war unglaublich energiegeladen und hielt uns im Weißen Haus 20 Stunden auf Trab. Nicht, weil er so beliebt war, sondern weil sich viele vor ihm fürchteten. Außerdem war er ein ausgebuffter Pokerspieler und großer Manipulator. Bevor er etwas von einem Politiker wollte, hat er sich immer Dossiers anfertigen lassen, die auch auf deren Schwachpunkte eingingen.

Hätte Kennedy eine friedliche Vietnam-Lösung gefunden?

Kennedy hat vor seinem Tod Pläne für einen US-Truppenrückzug gewälzt. Ob er sie umgesetzt hätte, ist schwer zu sagen. Klar ist, dass Johnson weniger Zweifel hatte. Für ihn war es unvorstellbar, vor diesem vermeintlich völlig unterlegenen Gegner den Schwanz einzuziehen. Sein immer stärkeres Engagement in Vietnam war dann auch der Grund, warum ich 1967 das Weiße Haus verlassen habe.

Was ist letztlich von Kennedy politisch geblieben?

Zwar haben sich Millionen Menschen dank der Aufbruchstimmung während seiner Präsidentschaft besser gefühlt, nachhaltig wirken aber nur zwei Taten: erstens die Verhinderung eines Atomkriegs während der Kuba-Krise. Zweitens die Ankündigung, dass bis zum Ende des Jahrzehnts Amerikaner auf dem Mond stehen werden. Sie gab der ganzen amerikanischen Nation, die vom ersten russischen Sputnik-Satelliten geschockt war, neues Selbstvertrauen.

ZUR PERSON

John Naisbitt (*15.1.1929) war Vizebildungsminister unter Kennedy und diente auch dessen Nachfolger Johnson. 1967 schied er aus dem Weißen Haus aus. 1982 wurde er mit seinem Buch „Megatrends“ berühmt. Naisbitt lebt in Wien und Tianjin. [ Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2013)