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„Der Letzte der Ungerechten“: Claude Lanzmanns letzter Zeuge

Der Letzte der Ungerechten - Le dernier des injustes
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In seinem monumentalen Dokumentarfilm „Der Letzte der Ungerechten“ porträtiert Claude Lanzmann den Wiener Rabbi und letzten Judenältesten Benjamin Murmelstein – und sich selbst. Ein großes Zeitstück.

Wer ist „Der Letzte der Ungerechten“? Der Titel von Claude Lanzmanns großem neuen Dokumentarfilm (im Original: „Le dernier des injustes“) verdankt sich einer Selbstdefinition seiner Hauptfigur, des lange umstrittenen Wiener Rabbiners Benjamin Murmelstein, der 1989 starb. Aber zweifelsohne meint Lanzmann auch sich selbst: Der französische Filmemacher, der nächste Woche 88 Jahre alt wird, legt seinen Film nicht nur parallel als Selbstporträt an, sondern identifiziert sich in gewisser Weise mit Murmelstein.

Nicht nur, weil beide Anfeindungen ertragen mussten: Wenn sich der Rabbi am Ende als Dinosaurier bezeichnet, „der bald verschwunden sein wird, um Platz für die neuen Maschinen auf der Autobahn“ zu machen, denkt Lanzmann zweifelsohne auch an das Zentrum seines Lebenswerks: die kompromisslose Dokumentation des Holocausts durch die Erinnerungen von Überlebenden. Nun sind auch Lanzmanns einstige Gesprächspartner längst gestorben, und es liegt an seiner Arbeit, ihr Zeugnis zu erhalten, während in Europas Politik rechtsextremes Gedankengut wieder reüssiert.

 

Abrechnung mit Hannah Arendt

Mit dem neunstündigen Dokumentarepos „Shoah“ (1985) schrieb Lanzmann (Film-)Geschichte: Die strenge Mischung aus Zeitzeugeninterviews und gegenwärtigen Landschaftsbildern (über vieles ist Gras gewachsen...) distanzierte sich auch radikal von den üblichen Methoden der Bebilderung der NS-Zeit. Seit 1999 hat Lanzmann in drei kleineren Filmen Material verarbeitet, das für „Shoah“ gedreht war, aber letztlich in andere Richtungen wies, etwa „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ über den erfolgreichen Aufstand im dortigen KZ. „Der Letzte der Ungerechten“ reiht sich in den Nachlesezyklus, ist mit über dreieinhalb Stunden Spieldauer aber nochmals ein monumentaler Wurf.

Im Zentrum steht ein faszinierendes Gespräch mit Murmelstein, den Lanzmann 1975 in Rom aufgespürt und zu einem Interview überredet hatte. In einer Woche sammelte Lanzmann elf Stunden Rohmaterial, erst als 2007 Teile im Österreichischen Filmmuseum gezeigt wurden, beschloss er, den Film „Der Letzte der Ungerechten“ anzugehen, übrigens als österreichische Koproduktion.

Als einziger Judenältester, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, wurde Murmelstein als Kollaborateur gebrandmarkt, Historiker Gershom Sholem meinte 1963 gar, Murmelstein hätte es „verdient, von den Juden gehängt zu werden“. Lanzmann geht es nicht zuletzt um eine differenzierte (und wissenschaftlich längst vollzogene) Revision der Rolle der Judenräte, die auch von Hannah Arendt als Beihelfer zum Massenmord attackiert wurden. Arendts berühmtes, ebenfalls zweifelhaftes NS-Täterbild von Eichmann im Prozess und der „Banalität des Bösen“ wird durch Murmelsteins Berichte demontiert.

Nicht nur sei der Schauprozess gegen Eichmann in Israel schlampig geführt worden, habe Murmelstein keinen „banalen“, sondern einen „korrupten Eichmann“ kennengelernt, der persönlich profitierte, nachdem er ihn 1938 zum Leiter der „Auswanderungsabteilung“ in der Wiener Kultusgemeinde machte, woraufhin der Rabbiner 120.000 Juden zur Ausreise verhelfen konnte.

1944 habe ihn Eichmann mit den Worten „Ich werde dich zum König der Juden machen“ zum letzten Judenältesten von Theresienstadt befördert, nachdem der Vorgänger hingerichtet wurde. Unter dem Archivmaterial, das Lanzmann erstmals ausgiebig verwendet, ist neben Fotografien und Zeichnungen (fast alle von im KZ ermordeten Künstlern) ein langer Ausschnitt des niederträchtigen NS-Propagandafilms „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ (1944), der auch unter dem zynischen Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt ist. Das von Eichmann persönlich kontrollierte Lager wird da als „Vorzeigeghetto“ geschildert, dessen Bewohner gut leben und ungehindert Freizeitvergnügungen nachgehen. Als „kalkulierender Realist“ habe er zusammengearbeitet, um Schlimmeres zu verhindern, rechtfertigt sich Murmelstein: Er war „eine Marionette“, die „die Fäden selber zieht“.

 

Lanzmann zeigt sich jung und alt

Mit Ironie, Bildung und immer wieder erstaunlichem Witz zeigt sich Murmelstein als fesselnde Figur, die einen wie (den damals 50-jährigen) Lanzmann zusehends in ihren Bann schlägt. Dass der Regisseur in Seventies-Playboy-Manier – Lederjacke, Sonnenbrillen, gelassen rauchend und immer wieder grinsend – herumsitzt, betont den Zeitfaktor auf andere Weise. Denn in (für seine Methode) klassischen Zwischenspielen tritt in kontrapunktisch einmontierten Szenen ein sichtlich gealterter Lanzmann heute an diversen der historischen Schauplätze in Wien und Tschechien auf, oft liest er dabei aus Murmelsteins Erinnerungsbuch „Terezin, il ghetto modello di Eichmann“ von 1961, das die Geschichte in einem ganz anderen Tonfall erzählt, als ihn Murmelstein im Gespräch anschlägt. Wenn er am Ende zusammen mit Lanzmann abtritt, kann man die Grazie zweier Dinosaurier bewundern.

ZUR PERSON

Claude Lanzmann, Regisseur, Dokumentarist, Produzent und Journalist, wurde 1925 in Paris geboren. Sein Vater und er engagierten sich in der Résistance. Claude Lanzmann nahm an Partisanenkämpfen gegen die deutschen Besatzer teil. Ab 1947 studierte er in Tübingen. In seinem ersten Film „Pourquoi Israel“ (Warum Israel, 1973) beschäftigte sich der Enkel jüdischer Emigranten aus Osteuropa mit seiner Identität. Lanzmann ist Herausgeber des von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Magazins „Les Temps Modernes“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2013)