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Streitgespräch: "Kann den Unmut der Lehrer verstehen"

(c) REUTERS (LEONHARD FOEGER)
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Der grüne Bildungssprecher Walser wirft Neos-Chef Strolz vor, zu feig zu sein, sich klar für die Gesamtschule auszusprechen. Strolz kontert: "Das passt zu den Grünen, die mit erhobenem Zeigefinger durch die Republik wandern".

Die Presse: Herr Walser, Sie als Grüner sind von Neos-Chef Matthias Strolz als unabhängiger Bildungsminister vorgeschlagen worden. Wäre das etwas für Sie?

Harald Walser: Die Idee eines unabhängigen Bildungsministers ist nicht realisierbar. Es widerspricht der politischen Realität Österreichs.

Aber dasselbe haben doch auch die Grünen gefordert.

Walser: Eva Glawischnig hat das vorgeschlagen. Ich sehe das aber etwas skeptischer.

Matthias Strolz: Wir haben uns bei dem Vorschlag schon etwas überlegt: Der unabhängige Bildungsminister sollte von der Regierung die Zusage haben, dass seine Vorlagen direkt ins Parlament gehen. So könnte er Dinge auch durchsetzen. Natürlich müssten dabei gewisse Grenzen festgelegt werden. Aber es gibt ja Dinge, die man unter allen Parteien außer Streit stellen kann. Die Neos haben dazu 15 Punkte ausgearbeitet: Mehr Investitionen in die Frühkindpädagogik, sprachliche Frühförderung,...

Walser: Ich höre mir jetzt nicht alle 15 Projekte an. Das sind alles nur Überschriften. Ein bisschen konkreter darf es mit der Zeit schon werden, liebe Neos. Ich wäre etwa froh, wenn Sie endlich eine Antwort auf die Kernfrage geben könnten: Gemeinsame Schule ja oder nein? Wir haben diese Auseinandersetzung schon auf Twitter (Kurznachrichtendienst, Anm.) geführt. Sie hat damit geendet, dass Herr Strolz gesagt hat: „Mir reicht's. Ich geh jetzt schlafen.“

 

Also, Herr Strolz, sollen Zehnjährige auch künftig in verschiedene Schultypen geschickt werden?

Strolz: Mir kommt vor, dass Herr Walser nicht zuhört. Natürlich ist die Trennung schlecht. Fangen wir so an: Bildung wird in Österreich vererbt. Sind Sie mit dem noch d'accord? Ich muss ja schauen, wo Sie abzweigen, Herr Walser.

Walser: Ja, ja. Machen Sie Tempo.

Strolz: Keine Ungeduld. Wir haben jetzt schon 30 Jahre auf die Reform gewartet, jetzt haben wir die paar Minuten auch noch Zeit.

Walser: Im Gegensatz zu Ihnen bin ich jetzt fünf Jahre im Geschäft, ich hab keine Geduld mehr, was die Bildungsreform anbelangt.
Strolz:
Jetzt haben wir endlich mehr Zeit als auf Twitter.

Die Bibliothek ist aber nur eine Stunde für uns reserviert.

Strolz: Zurück zu unserem Modell: Wir wollen vom Stellungskampf „Gesamtschule ja oder nein?“ weg. Deshalb setzen wir mit 15 Jahren die mittlere Reife (eine Art Minimatura, Anm.) an. Diese sollen alle Schüler machen. Wie sie dort hinkommen, geben wir in die Verantwortung der Schulen. Autonomie lautet das Stichwort. Ich habe kein Problem mit der Gesamtschule. Ich sage nur: Es ist pädagogisch ratsam, wenn man dieses Etikett – das Wort Gesamtschule – weglässt.

Walser: Sie sind zu feig, die Entscheidung „Gesamtschule ja oder nein?“ zu treffen. Da merkt man die Herkunft aus der ÖVP.

Strolz: Geht's noch?

Walser: Ihr seid die Ideologen, die nicht bereit sind, Klartext zu reden. Ihr wollt die Trennung beibehalten.
Strolz: Hallo!? Erstens: Ich war nie ÖVP-Mitglied, ich war beim Wirtschaftsbund. Und noch einmal: Was wir hier aufzeigen, ist ein dritter Weg. Wenn Ihnen, wie manch anderen ideologisch Verblendeten, die Fantasie fehlt, sich diesem Modell zu widmen, dann fehlt mir jedes Verständnis.

Walser: Ich bin kein Ideologie, sondern Praktiker. Sie sagen, dass es zwischen schwanger und nicht schwanger einen dritten Weg gibt, und zwar ein bisschen schwanger. Diesen gibt es einfach nicht.

 

Wie sieht dieser dritte Weg aus?

Strolz: Es soll einen einzigen Schultyp geben: die Mittelschule.
Walser:
Wenn das so ist, dann gibt es ja keine AHS-Unterstufe mehr.

Strolz: Eine AHS-Unterstufe gibt es ja auch nicht in unserem Modell.

Walser: Aha. Dann müssen wir jetzt Nägel mit Köpfen machen: Das heißt, dass es keine Langform des Gymnasiums mehr geben soll?

Strolz: Ja, sie soll es nicht geben. Walser: Warum sagen Sie das nicht einmal etwas deutlicher?

Strolz: Ja, weil ich nie dazu komme. Walser: Sie hätten monatelang Zeit gehabt, in den Medien Stellung zu nehmen. Na gut, jetzt hat „Die Presse“ eine schöne Überschrift: Neos: Für die Abschaffung der AHS-Unterstufe. Das ist neu.

Strolz: Für mich nicht.

 

Sind Sie jetzt einer Meinung?

Walser: Ich traue ihm nicht. Abgesehen davon bin ich froh, dass wir mit den Neos einen energischen Mitstreiter in Bildungsfragen haben. Ich gehe das mit dem Blick von innen an, Herr Strolz mit dem wichtigen Blick von außen. Seine Ideen sind nicht immer realisierbar, aber man darf sie vorbringen.

Strolz: Das ist allerhand. Sie wandeln scharf an der Grenze des Moralisierens. Das passt zu den Grünen, die mit erhobenem Zeigefinger durch die Republik wandern.

 

Die Grünen sagen klar, dass sie in Bildungsfragen besser mit der SPÖ arbeiten können. Wie ist das mit den Neos, die grundsätzlich der ÖVP näherstehen?

Strolz: Wir tun uns in Bildungsfragen mit der SPÖ wesentlich leichter. In einer Koalition mit der ÖVP wäre die Bildung das schwierigste Thema. Wobei in der ÖVP viel in Bewegung ist. Es gibt eine tiefe Kluft. Mit den Leuten der Westachse (Landeschefs von Vorarlberg, Tirol und Salzburg, Anm.) könnten wir sicher Lösungen finden, aber je weiter man nach Osten kommt, desto mehr Stahlhelme gibt es.

 

Themenwechsel: Finden Sie es gerechtfertigt, dass die Lehrergewerkschaft mit Streik droht?

Walser: Ich kann den Unmut teilweise gut verstehen. Streik halte ich aber für kontraproduktiv. Ich sage: Zurück an den Start.
Strolz: Das unterschreibe ich.

 

Arbeiten Lehrer genug?

Walser: Die Lehrerarbeitszeit wird dramatisch unterschätzt. Das Problem ist, dass wir schwarze Schafe haben, die wirklich wenig tun.
Strolz:
Diese Leute zerstören das Image des ganzen Berufsstands. Wir benötigen endlich eine Handhabe gegen die fünf Prozent, die wir in diesem Job nicht brauchen.

ZUR PERSON

Matthias Strolz (40) ist Chef der Neos und Ende Oktober erstmals ins Parlament eingezogen. Strolz ist in Bludenz in Vorarlberg geboren und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Wien. Die Neos machten Bildung zu einem ihrer Schwerpunktthemen, versuchten, die Frage „Gesamtschule ja oder nein?“ aber stets zu umschiffen.

ZUR PERSON

Harald Walser (60) ist seit dem Jahr 2008 Bildungssprecher der Grünen. Der Vorarlberger studierte Germanistik und Geschichte und ist aufgrund seiner politischen Tätigkeit derzeit als Direktor am Gymnasium Feldkirch freigestellt. Obwohl Walser AHS-Lehrer ist, ist er klar für die Abschaffung der AHS-Unterstufe und die Einführung einer Gesamtschule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2013)