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Mariahilfer Straße: „Verkehr löst sich in Luft auf“

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Eine Verkehrszählung ortet keinen Ausweichverkehr nach der Sperre der Einkaufsstraße. Im Gegenteil: Der Verkehr in den betroffen Bezirken ging sogar zurück.

Wien. Welche Auswirkungen hat die Sperre der Mariahilfer Straße auf die angrenzenden (Wohn-)Gebiete? Diese Frage sorgte in den vergangenen Monaten für erbitterte Diskussionen. Anrainer nahe der Mariahilfer Straße orten eine deutliche Verschlechterung ihrer Lebensqualität durch den Ausweichverkehr – der etwa vom Neubauer Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger allerdings in Abrede gestellt wurde.

Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) präsentierte dazu am Mittwoch eine (von ihr beauftragte) Verkehrszählung mit den Worten: „Das Projekt hat den erwarteten Erfolg gebracht.“ Ihr Fazit: Der Verkehr im 6. und 7. Bezirk ist durch die Sperre der Mariahilfer Straße fast ausnahmslos zurückgegangen, Ausweichverkehr wurde nicht festgestellt, es gebe nur vereinzelt „Hotspots“. Und diese könnten oft mit einer weiteren Verkehrsberuhigung gelöst werden.

Das Ergebnis ist überraschend, weil sich die Frage stellt: Was ist mit jenen Autos passiert, die früher über die Mariahilfer Straße gefahren sind – wenn sie auch nicht auf den angrenzenden Ausweichrouten unterwegs sind? Und dort sogar der Verkehr sinkt? Eine ungewöhnliche Erklärung lieferte Verkehrsplaner Harald Frey (TU-Wien), der am Mittwoch Vassilakou assistierte: Es sei ein bekanntes verkehrsplanerisches Phänomen, dass sich (wenn sich Bedingungen verschlechtern) „der Ausweichverkehr in Luft“ auflöse. Frey schätzt, dass viele Autofahrer, die jahrelang durch die Mariahilfer Straße gefahren sind, auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen sind oder ihr Auto stehen lassen.

Der Tenor der Verkehrszählung, wie es in dem Papier formuliert wurde: „Der gesamte Korridor zwischen Gürtel und 2er-Linie (Lerchenfelder Straße, Neustiftgasse, Burggasse, Westbahnstraße, Mariahilfer Straße, Gumpendorfer Straße, Linke Wienzeile, Rechte Wienzeile) weist einen Rückgang im Verkehrsaufkommen von 2072 Kfz auf.“ Und, weiter: „Der Durchzugsverkehr durch die Bezirke 6 und 7 hat abgenommen.“ Gezählt wurde jeweils in der Rush-Hour, also von 6 bis 9 und von 15 bis 19 Uhr.

Am stärksten ist der Rückgang laut Verkehrszählung in der Zieglergasse (–1300 Pkw) und Schottenfeldgasse (–1600 Pkw). Und in der Burggasse, wo eine Bürgerinitiative gegen „eine gestiegene Verkehrsbelastung“ seit der Sperre der Mariahilfer Straße kämpft, ist das Verkehrsaufkommen laut Zählung um rund 500 Fahrzeuge gesunken. Das kommentiert Andreas Wimmer von der betreffenden Bürgerinitiative mit einer trockenen Anspielung: „Wie lange hat es gedauert, bis man Herrn Blum als Lügner überführt hat?“ (Blum, der von Vassilakou als Radfahrbeauftragter eingesetzt wurde, hatte falsche Zahlen veröffentlicht – womit die Entwicklung des Radverkehrs in Wien zu positiv dargestellt wurde.)

Problemzonen in beiden Bezirken

Und falls diese Zahlen wirklich stimmen, habe es einen anderen Grund, so Wimmer: Seit der Sperre der Mariahilfer Straße gebe es in der Burggasse einen Dauerstau: „Wenn kein Auto durchkommt, sinkt die Zahl der durchgefahrenen Autos.“ Durch diesen Dauerstau sinke die Lebensqualität der Anrainer durch die Abgaswolken und den Lärm.

Unabhängig davon zeigt die Verkehrszählung einige „Hotspots“ auf. In der oberen Gumpendorfer Straße (Höhe Gfrornergasse) gibt es eine Zunahme von täglich rund 1100 Fahrzeugen, ebenso in der Hugo-Wolf-Gasse und in der Neustiftgasse (Höhe Museumsstraße). In der Kaiserstraße (südlich der Westbahnstraße) stiegen die täglichen Verkehrszahlen um 900 Pkw, in der Lerchenfelder Straße (östlich der Schottenfeldgasse) um 1000 Pkw, ebenso in der Stollgasse. Vassilakou und Frey verteidigen eine Steigerung von täglich zusätzlich 1000 Autos auf einer Straße als „leichte Zunahme“. Und das werde sich einspielen, die Zahlen also wieder sinken.

Die politischen Reaktionen fallen (erwartungsgemäß) negativ aus, Wiens VP-Chef Manfred Juraczka zweifelt die Zahlen an: „Keine Verkehrszählung wird es schaffen, die verunglückte Neugestaltung der Mariahilfer Straße zu retten.“ Und FP-Klubchef Johann Gudenus ortet massive Umsatzrückgänge in den Geschäften der Mariahilfer Straße durch die Sperre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2013)