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Nahost-Fachmann: "USA werden in Syrien eingreifen"

(c) REUTERS (STRINGER)
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Der Nahost-Fachmann Nader Hashemi plädiert für eine Syrien-Intervention. Er zieht Parallelen zum Zaudern der Regierung Clinton während des Bosnien-Kriegs.

Die Presse: Vor drei Monaten waren wir am Rand einer Syrien-Intervention, heute ist das Land vom Radar verschwunden. Kann sich Assad sicher fühlen?

Nader Hashemi: Ja, Syrien war nach dem massiven Chemiewaffenangriff das wichtigste Thema auf der internationalen Agenda, und es sah ganz nach einem Militärschlag aus. Aber wegen der Schwäche der Obama-Regierung und der sehr cleveren Rolle, die Russland gespielt hat, ist es nicht länger das dominierende Thema, und Assad ist gestärkt. Dabei hat das Ausmaß des Tötens sogar noch zugenommen, die Flüchtlingsströme steigen an. Syrien ist die größte humanitäre Krise der Welt im 21. Jahrhundert.

Hätten die „sehr begrenzten Luftschläge“, die US-Außenminister Kerry damals ankündigte, denn irgendeinen Effekt gehabt?

Das weiß man nicht. Aber die Repräsentanten von Syriens demokratischer Opposition glauben, dass sie wegen der Demoralisierung der Regimetruppen einen großen Effekt gehabt hätten. Die US-Regierung hat aber trotz der mehr als 100.000 Toten angenommen, dass dieser Konflikt vitale US-Interessen nicht direkt betrifft. Nach dieser Logik gibt es keine Gründe, mehr zu tun als bisher. Es ist ähnlich wie bei der Clinton-Regierung im Fall Bosniens. Drei Jahre hat Washington nur gesagt: „Uns tut das alles so leid“ und Hilfslieferungen geschickt. Dann geschah Srebrenica. Ich fürchte, ohne ein ähnlich schreckliches Ereignis werden die USA sich nicht in Syrien engagieren.

 

Aber stimmt die Annahme, dass der Konflikt keine vitalen US-Interessen berührt?

Das ist zu kurzfristig gedacht. Die langfristige Konsequenz ist, dass der Nahe Osten destabilisiert wird. Letztlich werden die USA eingreifen müssen, aber zu einem viel höheren Preis, als wenn es früher geschehen wäre. Syrien wird dann komplett zerstört, der Hass noch größer, al-Qaida noch stärker sein.

 

Um wirksam zu sein, müsste eine Intervention wohl zehntausende Bodentruppen umfassen. Wer ist dazu bereit?

Aber davon redet doch niemand! Was man braucht, ist eine Flugverbotszone, ähnlich wie in Libyen. Und die Opposition benötigt bessere Waffen und sichere Zonen, von denen aus sie den Krieg gegen Assad doch noch gewinnen kann. Daneben braucht es freilich auch eine politische Vision für das Nachkriegssyrien, und da müssen die wichtigen Länder der Region wie die Türkei, der Iran und Saudiarabien mit an Bord sein.

 

Ist es letztlich nicht zu spät für eine Intervention? Die Lage ist mit dieser Vielzahl an Rebellengruppen völlig unübersichtlich.

Je länger wir warten, desto schwieriger wird es. Aber was wäre die Alternative? Den Kopf wegdrehen und sagen, es ist zu kompliziert, und weitere 100.000 Tote in Kauf nehmen, weitere Millionen, die das Land verlassen müssen? Auch das Nichtstun hat Kosten und Konsequenzen. Ein Problem ist, dass wir nun drei Kriegsparteien haben: das Regime, die al-Qaida-nahen Gruppen und die demokratische Opposition, die zwar politisch stark, militärisch aber das schwächste Lager ist. Man kann nicht mehr als 20 Millionen Syrer zu einem Leben im Elend verdammen.

 

Russland war bis jetzt der große Spielverderber: Welches Interesse könnte Moskau haben, Assad fallen zu lassen?

Die USA müssen stark gegenüber Russland auftreten: Vor drei Monaten, als Obama mit militärischer Gewalt drohte, gab Russland mehr oder weniger klein bei. Es hat Moskau vielleicht nicht gefallen, aber letztlich hätte man nichts dagegen unternommen. Obama müsste wirkliche Führungsstärke zeigen und Kerry mit der Botschaft nach Moskau schicken: 2,5 Jahre Bürgerkrieg sind genug, wir wollen eure Unterstützung, aber wir tun das Nötige sonst auch ohne euch.

DER AUTOR

Nader Hashemi leitet das Zentrum für nahöstliche Studien an der Universität Denver. Zuletzt erschien der von ihm mit herausgegebene Band „The Syria Dilemma“. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist zudem das Thema „Demokratie in islamisch dominierten Ländern“. Nader Hashemi ist am kommenden Freitag zu Gast im „Politischen Salon“ des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (Wien IX., Spittelauer Lände 3). Dort diskutiert er mit Janos M. Kovacs (Permanent Fellow am IWM) und „Presse“-Außenpolitikchef Christian Ultsch über die Sinnhaftigkeit einer Syrien-Intervention. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2013)