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Comic: Hegel und Häkeln, Musil und Mahler

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Dem erfolgreichen Wiener Comic-Zeichner ist eine hinreißende Ausstellung im Karikaturmuseum Krems gewidmet. Parallel erscheinen gleich mehrere Mahler-Bücher, etwa seine famose Version von "Der Mann ohne Eigenschaften".

Das ist ein „Frühwerk“! Beim Eingang zur neuen Ausstellung des Karikaturmuseums in Krems prangt neben der Biografie des Künstlers Nicolas Mahler eine Schülerzeichnung, die er mit acht Jahren angefertigt hat. Im kruden Bild ist der reduzierte Strich, der Mahler als Comic-Zeichner international bekannt gemacht hat, nur fern zu ahnen, der beigefügte Text schildert die Pfingstferien: Hauptbeschäftigung war tagelanges Häkeln. Darunter das vernichtende Urteil der Lehrerin: „Das ist langweilig!“

„Im Prinzip hat sich das nie geändert“, meint der Wiener Zeichner Mahler amüsiert zur „Presse“: Auch später habe er sich immer wieder solche Kritik anhören müssen. So ist die Auswahl der Schülerzeichnung typisch für Mahlers Sinn für Humor, der sich zeichnerisch meist in minimalistischen Erzählungen niederschlägt. Und lakonischen Pointen mit existenziellem Nachhall. Nimmt der wiederholte Schreibfehler in der Kinderzeichnung („gehegelt“ statt „gehäkelt“) schon unbewusst die philosophische Dimension späterer Arbeiten vorweg? Jedenfalls wird Mahler, der sich lange als Österreichs Export-Erfolg im Comic-Bereich über Wasser hielt, nun endlich im deutschsprachigen Raum größer wahrgenommen. Die Ausstellung ist nur der Gipfel des aktuellen Mahler-Booms.

 

Eigensinnige Musil-Interpretation

Der ORF hat eben ein Mahler-Porträt gezeigt, eine ganze Reihe neuer Bücher demonstriert indes seine Bandbreite trotz absolut unverwechselbaren Stils. Mahlers auf 150 oft wortlose Seiten verdichtete und, gelinde gesagt, eigensinnige, doch exquisite Interpretation von Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist sein dritter Band für Suhrkamps Graphic-Novel-Reihe. Der erste, „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard, wurde zum meistbesprochenen Buch der Verlagsgeschichte (nach Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“), erzählt Mahler. Zum weiträumigen, fast filmischen Zeitporträt mit komischer Neigung nach Musil kommen in „Mein Therapeut ist ein Psycho!“ (Edition Moderne) Witzzeichnungen mit typisch absurdem Mahler-Humor („Tür1: Urschrei-Workshop“ – „Tür2: Hörsturz-Selbsthilfegruppe“).

Direkt zur Ausstellung ist obendrein im Insel Verlag das schmale, geniale Buch „Gedichte“ erschienen, das das Lyrische vieldeutig ins Zeichnerische überführt: Anhand illustrierter Begriffspaare kann man da das Depressiv-Hochkomische von Mahlers Zeichenkunst in Reim- bzw. Reinform erleben – von „Geburt“ bis „Hölle“. Ist so viel Mahler nicht fast schon zu viel des Guten? Das habe er sich auch schon gefragt, meint Mahler, aber er sehe sich eher im Geiste von Vielarbeitern wie dem legendären B-Picture-Produzenten Roger Corman, dessen Autobiografie er gerade liest. Die trägt übrigens den schönen Titel „How I Made a Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime.“

Projekte wie die großen Literaturadaptionen hätten ihn schon zu einem Zeitpunkt gereizt, als sie niemand herausgebracht hätte: Er müsse ausnutzen, dass es durch den Prestigegewinn von Comics bei Großverlagen nun möglich sei, selbst wenn er den aktuellen Hype kritisch sieht. Und auch bei der Ausstellung gehe es ihm nicht etwa um eine dubiose Kunstanmutung: Er wolle nur den Spaß an seiner Arbeit zu vermitteln.

Das gelingt auf vielfältige Weise: Die untere Halle ist Mahlers drei Suhrkamp-Bänden gewidmet, seine Parodien berühmter Gemälde für „Alte Meister“ sind die ideale Einstimmung. Einblick in den Schaffensprozess geben dazu Skizzenbücher, Vorlagen und Recherchematerial: Vom Foto eines Museum-Mülleimers für den Bernhard-Band bis zu historischen Wien-Aufnahmen für die Musil-Version. Zu Mahlers „Alice in Sussex“ sieht man u.a. seine markierten Exemplare von darin zitierten Büchern, ob Melvilles Klassiker „Moby Dick“ oder Helmut Bergers größenwahnsinnige Autobiografie „Ich“ – auch charakteristisch für den ironischen Mahler-Mix von Hoch- und Populärkultur.

 

Vom Superhelden zum Philosophen

Im oberen Raum werden dann nicht nur die „Gedichte“ gewürdigt, sondern reihenweise originelle Nebenprodukte vorgestellt: Wie die fiktiven Merchandising-Artikel für Mahlers tragischen Comic-Superhelden „Engelmann“, dessen wenig vermarktbare Spezialkräfte Einfühlungsvermögen und Gut-zuhören-Können sind. Dementsprechend gibt es etwa rosa Kinderschuhe mit Engelsflügerln.

Tiefschwarz ist dafür der Humor bei den alten Porträtfotos, die Mahler mit pessimistischen Aphorismen des Philosophen Emil Cioran übermalt hat. Daneben wird außerdem Mahlers filmisches Schaffen vorgestellt, das seine rhythmische Präzisionsarbeit an der Pointe kongenial in ein anderes Medium überträgt: Die fünf Zeichentrickminiaturen zählen zu den Höhepunkten des österreichischen Kinos der letzten Dekade und zeigen – auch wenn Mahler zu boomen scheint, eigentlich ist er immer noch zu entdecken.

ZU AUTOR UND AUSSTELLUNG

„Nicolas Mahler. Wer alles liest, hat nichts begriffen“, heißt die Ausstellung im Karikaturmuseum Krems, der Untertitel stammt aus „Alte Meister“ von Thomas Bernhard: Bis 23.März 2014 (tägl. 10–17h). Mahler (hier im Selbstporträt), geboren 1969 in Wien, ist Österreichs wichtigster Comic-Schöpfer. Eben sind drei neue Mahler-Bände erschienen. [ Mahler ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2013)